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Ein Richter vor dem österreichischen Wappen in einem Gerichtssaal

Wo kein Wille, da kein Recht

Ob der Wille des Menschen frei ist, ist eine Dauerfrage der Philosophie. Seit den 1980er Jahren gießen neurowissenschaftliche Experimente Öl ins Feuer und meinen: eher nein. Welche Auswirkungen diese Antwort auf unsere Rechtsprechung hätte, die auf einem Verantwortungsprinzip beruht, beschreibt die Philosophin Bettina Walde in einem Gastbeitrag.

Forum Alpbach 2011 10.08.2011

Beim Europäischen Forum Alpbach 2011 leitet sie ein Seminar zum Thema "Willensfreiheit und rechtliche Schuld".

Die Herausforderungen der Mind Sciences

Von Bettina Walde

Über die Autorin:

Porträtfoto der Philosophin Bettina Walde

privat

Bettina Walde ist Privatdozentin an der LMU München und führt an der Humboldt Universität zu Berlin ein von der DFG gefördertes Forschungsprojekt zur Analyse phänomenaler Begriffe durch. Zu den Arbeitsgebieten gehören die Philosophie des Geistes und Philosophie der Psychologie, insbesondere Fragen der Willensfreiheit, sowie Fragestellungen der Sprachphilosophie und die Anwendung sprachphilosophischer Mittel bei der Interpretation von Gedankenexperimenten. Neben zahlreichen Aufsätzen hat sie zwei Monographien mit den Titeln "Willensfreiheit und Hirnforschung" (2006) und "Metaphysik des Bewusstseins" (2002) verfasst.

Seminar beim Forum Alpbach:

Walde leitet gemeinsam mit Reinhard Merkel beim Europäischen Forum Alpbach 2011 das Seminar "Willensfreiheit und rechtliche Schuld" (19.- 24.8.2011). science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor.

Bisher erschienen:

Können Personen mit ihren bewussten Willensentscheidungen ihre Handlungen steuern? Und falls ja, sind sie dabei frei? Oder muss man den menschlichen Geist im Lichte neuerer kognitionswissenschaftlicher Studien als eine Art Nachhall neurophysiologischer Prozesse im Gehirn verstehen, der selbst keinerlei kausale Rolle mehr inne hat?

Und würde das nicht dazu führen, dass Personen grundsätzlich nicht für ihr Entscheiden und Tun verantwortlich gemacht werden könnten und daher auch nicht im rechtlichen Sinne bestraft werden dürften?

Fragen dieser Art beschäftigen spätestens seit der Ausrufung der "Dekade des Gehirns" am 17. Juli 1990 in einer von George W. Bush vor dem US-Kongress gehaltenen Rede nicht mehr nur Philosophen, Rechtswissenschaftler und Vertreter der Kognitions- und Neurowissenschaften. Vielmehr gehen diese Fragen nahezu jeden etwas an und werden seit geraumer Zeit immer wieder auch in einer breiteren Öffentlichkeit aufgegriffen und diskutiert.

Willensfreiheit am Ende?

Denn eine Antwort auf die Frage, ob es bewusste Willensentscheidungen sind, die den Handlungen von Personen kausal und mehr oder weniger unmittelbar vorausgehen, hat unter Umständen weitreichende Implikationen für jeden einzelnen Menschen und alle sozialen Kontexte, in denen Menschen agieren und in denen es um Fragen der Verantwortungszuschreibung geht.

So ist in der aktuellen Diskussion immer wieder behauptet worden, dass die Willensfreiheit empirisch widerlegt worden sei, manch einer hat sogar gefordert, "wir sollten aufhören von Freiheit zu sprechen". Und auch der Ruf nach einem neuen Menschenbild, das den konfliktreichen Einsichten gerecht würde, wurde laut. Wodurch genau aber wurde diese Kontroverse angestoßen?

Zahlreiche empirische Studien

Aus den empirischen Mind Sciences kennt man seit einigen Jahrzehnten eine Reihe von Studien, die zeigen, dass Entscheidungen und Handlungen von Personen unbewusst vorbereitet und initiiert werden, bevor die Personen sich bewusst entscheiden und entsprechend handeln. Eine der ersten Studien dieser Art wurde vor etwa 30 Jahren von Benjamin Libet durchgeführt. Demnach käme der bewusste, mentale Zustand zeitlich gesehen zu spät, um das Entscheiden und Tun einer Person noch beeinflussen zu können.

Auch wird häufig darauf verwiesen, dass eine ganze Reihe anderer Studien zeige, dass von einer Person unbewusst aufgenommene Reize das Entscheiden und Handeln der Personen beeinflussen. Personen erlebten ihre Entscheidungen und das darauf folgende Handeln zwar als bewusst gewollt und herbei geführt, tatsächlich aber treten bewusste Entscheidungen und die entsprechenden Handlungen signifikant häufiger auf, wenn zuvor geeignete Reize unbewusst dargeboten wurden. Wiederum scheinen die bewussten, mentalen Zustände und Vorgänge gerade nicht der kausal entscheidende Faktor zu sein, wenn es darum geht, dass Personen Entscheidungen treffen und entsprechend handeln.

Und wieder andere Studien scheinen zu zeigen, dass sich der bewusste Eindruck der Willentlichkeit eigener Entscheidungen und Handlungen - jedenfalls unter spezifischen Laborbedingungen - auch dann einstellen kann, wenn die Durchführung von Handlungen tatsächlich von außen vorgegeben wurde.

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2011 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Folgen für das Recht ...

All dies hat die alten philosophischen Fragen nach der Freiheit des Willens, der Handlungsfreiheit und der Verantwortung der Person für ihr Entscheiden und Tun wieder zu viel diskutierten aktuellen Problemen gemacht. Dabei konfrontiert der neurowissenschaftliche Fortschritt nicht nur die Philosophie, sondern vor allem auch die Rechtswissenschaften mit bisweilen dramatischen Herausforderungen für ihre Grundbegriffe wie Verantwortlichkeit, Schuld und Schuldunfähigkeit.

Denn unsere Praxis der Verantwortungszuschreibung sieht vor, dass ein zur Verantwortung gezogenes Individuum auch die Möglichkeit hatte anders zu entscheiden und zu handeln, als es letztlich der Fall war.

Das heißt zum Einen, dass es für das Individuum mehrere offene Entscheidungsoptionen gegeben haben muss, zwischen denen es frei entscheiden konnte. Zum Anderen sollten es auch die bewussten Überlegungs- und Abwägungsvorgänge einer Person gewesen sein, die letztlich die Entscheidung für eine Tat herbei geführt haben. All das aber steht durch die jüngsten Erkenntnisse der empirischen Mind Sciences nun in Frage.

... und sein Schuldprinzip

Geht man davon aus, dass Verantwortung für das eigene Entscheiden und Tun wiederum eine Voraussetzung für die Zuschreibung von Schuld im rechtlichen Sinne ist, so muss man immerhin die Möglichkeit erwägen, dass diese Voraussetzung sich als nicht erfüllbar erweisen könnte, und dass daher zumindest in dieser Hinsicht die Legitimität staatlicher Kriminalstrafe hinterfragt werden könnte.

Das heißt letztlich, dass Veränderungen des Verständnisses der Freiheit oder gar eine Widerlegung der Willensfreiheit und Autonomie des Menschen auch das Schuldprinzip in Frage stellen würden.

Nicht nur Frage der Naturvorgänge, ...

Eine solche These - die neueren Erkenntnisse der empirischen Mind Sciences würden das strafrechtliche Schuldprinzip gänzlich untergraben und ad absurdum führen - wird in der gegenwärtig geführten Debatte auf neurowissenschaftlicher Seite durchaus vertreten.

Ein genauerer Blick auf die Zusammenhänge zeigt jedoch, dass ein derartiger Schluss unberechtigt ist: Verantwortung und Verantwortungszuschreibung, Schuld und Schuldzuschreibung, und eine richtig verstandene Willensfreiheit selbst sind keineswegs Phänomene und Konzepte, die vollständig und allein auf Naturvorgänge (in unserem Falle also Hirnaktivität oder neuronale Vorgänge) zurückführbar wären.

Vielmehr handelt es sich hier um Phänomene und Konzepte mit deutlich sichtbaren normativen Anteilen. Wie wir Verantwortung, Schuld und Willensfreiheit konzeptualisieren, an welche Fähigkeiten wir sie jeweils knüpfen, ist auch eine Frage der sozialen Aushandlung, die weit zurückreichende historische Wurzeln hat.

... sondern auch der gesellschaftlichen Normen

Wir einigen uns innerhalb einer sozialen Gemeinschaft, innerhalb der dort etablierten Normenordnung, darauf, wen wir als verantwortungsfähig, schuldfähig und frei in seiner Willensbildung erachten und wen nicht - natürlich unter Voraussetzung des jeweils verfügbaren Wissens über die menschliche Psychologie, Mechanismen der Handlungssteuerung und der Entscheidungsfindung. Und darauf greifen wir dann bei der Zuschreibung von Verantwortung und Schuld im rechtlichen Sinne zurück.

Also: Die neuen Erkenntnisse der Kognitions- und Neurowissenschaften werden wohl einige unserer Kriterien für die Zuschreibung von Verantwortung und Schuld im rechtlichen Sinne verändern. Dass sie aber das normative Schuldprinzip insgesamt als falsch erweisen könnten, davon kann keine Rede sein.

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