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Wie funktioniert globale Nächstenliebe?

Religiöse Gebote, wie das der christlichen Nächstenliebe, sorgen für eine gerechte Verteilung in einer Gemeinschaft. Aber welchen Nächsten soll man überhaupt lieben angesichts zunehmender Mobilität und religiöser Vielfalt? Wie es gelingen könnte, dass unser unmittelbarer Nachbar zu unserem Nächsten wird, erläutert Alexander-Kenneth Nagel in einem Gastbeitrag.

Forum Alpbach 2011 14.08.2011

Beim europäischen Forum Alpbach 2011 leitet er ein Seminar zum Thema "Globalisation-Justice-Religion".

Religion, Globalisierung und Gerechtigkeit

Über den Autor

Porträt A.-N. Nagel

David Ausserhofer/Stiftung Mercator

Alexander-Kenneth Nagel hat vergleichende Religionswissenschaft und Soziologie studiert. Nach seiner Promotion in politischer Soziologie war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Empirische und Angewandte Soziologie (EMPAS) und im Sonderforschungsbereich "Staatlichkeit im Wandel" an der Universität Bremen. Seit 2009 Juniorprofessor für "Sozialwissenschaftliche Religionsforschung" am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum, seit Ende 2009 Leiter der Nachwuchsforschergruppe "Religion vernetzt. Zivilgesellschaftliche und Wirtschaftliche Potentiale religiöser Vergemeinschaftung".

Seminar beim Forum Alpbach:

Alexander-Kenneth Nagel leitet gemeinsam mit Patrick Riordan beim Europäischem Forum Alpbach 2011 das Seminar "Globalisation-Justice-Religion". science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor.

Bisher erschienen:

Von Alexander-Kenneth Nagel

Glaubt man Jürgen Habermas, dann leben wir in einer Welt, die gleichermaßen "postnational" und "postsäkular" ist. Dahinter steckt die Idee, dass Nationalstaaten als souveräne weltpolitische Akteure an Bedeutung verlieren und dass gleichzeitig Religion wieder eine wichtigere Rolle im öffentlichen Leben einnimmt.

Es ist also nur folgerichtig, nach dem Zusammenhang von Religion, Globalisierung und Gerechtigkeit zu fragen: Wie verändern globale Migrationsprozesse und Kommunikationsmöglichkeiten religiöse Vorstellungen von Gerechtigkeit? Und wie kann ein gerechter Umgang mit religiöser Vielfalt in modernen Einwanderungsländern aussehen?

Gerechtigkeit zwischen Himmel und Erde

"Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden" (Mt 5,6) - irdische und himmlische Gerechtigkeit waren seit je eine zentrale religiöse Verheißung. Bei der irdischen Gerechtigkeit geht es vor allem um Verteilungsgerechtigkeit und den Zusammenhalt der Gemeinschaft: Die jüdische Tradition kennt das sogenannte Jobeljahr, eine Zeitspanne, nach der Schulden erlassen werden und Sklaven die Freiheit erhalten sollten.

Im Islam sind Almosen zugunsten der Gemeinde ("zakat") eine zentrale Pflicht des Gläubigen und das Christentum verfügt über einen veritablen Katalog sozialer Dienste, die man dem in Not geratenen Bruder schuldig ist: Hunger und Durst sind zu stillen, Fremde sind aufzunehmen, Nackte zu kleiden und Kranke zu heilen. Himmlische und irdische Gerechtigkeit berühren sich dort, wo die diesseitigen Gebote der Unterstützung und Nächstenliebe über das jenseitige Heil (oder Verderben) entscheiden, so verbindet der Evangelist Matthäus nicht von ungefähr den obigen Katalog karitativer Vorschriften mit einer Vision vom Weltgericht: "Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben" (Mt 25,46).

Wer ist mein Nächster?

Für Matthäus ist gerecht, wer gerecht handelt und es handelt gerecht, wer das Gebot der Nächstenliebe befolgt, das letztlich hinter den oben genannten Ansprüchen auf materielle und emotionale Zuwendung steht. Wer aber ist mein Nächster? Diese Frage stellt sich angesichts zunehmender grenzüberschreitender Mobilität und Kommunikation mit neuer Dringlichkeit.

In der religiösen "Diaspora" sind die Nächsten und die Nachbarschaft nicht mehr identisch, hier sind die Brüder und Schwestern im Glauben, die über den ganzen Globus verstreut sind und dort die Nachbarn, denen man täglich begegnet. Die Antwort auf die oben genannte Frage muss letztlich von den neuen Religionsgemeinschaften, den Moschee- und Tempelvereinen kommen. Freilich gilt auch hier: Wer dumm fragt, kriegt dumme Antworten. Sprich: Die Frage nach dem Nächsten darf nicht zur integrationspolitischen Gretchenfrage werden. Die Aufnahmegesellschaften müssen mit der hybriden Antwort leben können: Meine Nächsten sind beide, der Glaubensbruder und der Nachbar.

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2011 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Ein altes englisches Sprichwort sagt: "Wer zwei Sprachen spricht, ist ein Schurke". Bedenkt man die Debatten über Parallelgesellschaften und religiöse Enklaven, so scheint diese Geisteshaltung heute vor allem im deutschsprachigen Raum verbreitet. In den angelsächsischen Ländern machen uns derweil sogenannte Interfaith-Coalitions schon einmal vor, wie Suppenküchen und Altenhilfe religions- und kulturübergreifend gelingen können.

Von religiöser Gerechtigkeit zur Religionsgerechtigkeit

Globalisierung drängt zur Universalisierung religiöser Gerechtigkeits-vorstellungen. Sie schafft zugleich neue Herausforderungen für eine "Religionsgerechtigkeit", also für den gerechten Umgang mit Religion und religiöser Vielfalt. Nicht erst seit 9/11 steht Religion unter Terror- und Missbrauchsverdacht: Religiöse Unruhen und die Entgleisungen religiöser Amtsträger bestimmen das Bild in Medien und Politik, die verbindenden und sozial produktiven Potentiale von Religion geraten dabei leicht außer Acht.

Noch wichtiger als die besonnene Einschätzung der Herausforderungen und Chancen von Religion in der modernen Welt ist es aber, umsichtige Antworten auf die zunehmende religiöse Pluralisierung zu finden, die mit der Globalisierung einhergeht. Das Erfolgsmodell des Westfälischen Friedens, "Cuius regio, eius religio" ("wes der Fürst, des der Glaub"), mag sich in der Vergangenheit bewährt haben, für die Zukunft erscheint es dagegen nur begrenzt tauglich.

Religiöse Vielfalt an sich ist ebenso wenig schädlich, wie sie nützlich ist. Statt uns in Leitkulturdebatten aufzureiben, sollten wir unsere Energie und unseren Verstand also lieber dazu verwenden, Religionskontakte und interreligiöse Begegnungen auf lokaler Ebene konstruktiv mitzugestalten. Wo das gelingt, da wird über kurz oder lang der Nachbar zum Nächsten werden.

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