Standort: science.ORF.at / Meldung: "Schönheit kann auch schaden"

Elisabetta Canalis und George Clooney

Schönheit kann auch schaden

Attraktive Personen sind erfolgreicher, verdienen mehr Geld und haben mehr Sex: Dieser von früheren Studien bekannte Zusammenhang wird durch eine aktuelle Untersuchung infrage gestellt. In Bewerbungssituationen könne die eigene Schönheit zum Stolperstein werden.

Psychologie 14.08.2011

Nämlich dann, wenn der Personalchef das gleiche Geschlecht wie der Bewerber hat und vor zu viel schöner Konkurrenz zurückschreckt, wie die Psychologin Maria Agthe von der Universität München und Kollegen berichten.

Die Studie:

"Does Being Attractive Always Help? Positive and Negative Effects of Attractiveness on Social Decision Making" von Maria Agthe und Kollegen ist im "Personality and Social Psychology Bulletin" erschienen.

Schönheitsverzerrung

In mehreren Studien simulierte das Forscherteam Bewerbungssituationen. In der ersten hatten die 400 heterosexuellen Teilnehmer aus dem Lebenslauf von vier gleich qualifizierten Personen eine auszuwählen. Es zeigte sich, dass das beigefügte Foto den Ausschlag für ihre Entscheidung gab.

Wie erwartet, ließen sich Männer von attraktiven Frauen beeindrucken, aber auch Frauen wählten eher attraktive Männer aus. Diese Schönheitsverzerrung kehrte sich allerdings bei der Bewertung von Bewerbern des gleichen Geschlechts um. D. h. Männer wählten attraktive Männer deutlich seltener für den Job aus, Frauen taten das bei attraktiven Frauen noch seltener.

Eine Frage des Selbstbildes

In einer Variante der Studie untersuchte das Forscherteam zusätzlich die Selbsteinschätzung der vermeintlichen Personalchefs. Jene mit einem starken Selbstwertgefühl zeigten die beschriebene Abweichung nicht, d. h. sie bevorzugten immer die attraktiveren Kandidaten, gleichgültig ob Männer oder Frauen.

Offensichtlich, so schließen Agthe und ihre Kollegen, hat die Ablehnung attraktiver Menschen des gleichen Geschlechts etwas mit der Gefahr zu tun, die sie für das eigene Ego entwickeln könnten. Diese Gefahr besteht zumindest für Menschen mit einem wenig ausgeprägten Selbstbewusstsein.

Ähnliches hatten die Forscher bereits in einer im Vorjahr publizierten Studie herausgefunden: Die eigene Attraktivität hänge direkt mit der Auswahl attraktiver Bewerber zusammen.

Fotos abschaffen!

Zwei praktische Schlüsse ziehen die Forscher aus ihren Studien: Die weitverbreitete, auch in Österreich übliche Praxis, den Lebensläufen bei Bewerbungen Fotos beizulegen, sei zu überdenken. Und außerdem sollte ein Team über Neueinstellungen entscheiden, das aus Männern und Frauen besteht und somit tatsächlich die besten und nicht die schönsten Kandidaten auswählt.

Solange das nicht der Fall ist, könnte die praktische Konsequenz für Bewerber lauten: Erst auskundschaften, wer die Personalentscheidung trifft, und erst danach das Foto für die Bewerbungsmappe auswählen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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