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Ein vernarbtes Gesicht eines Kindes

Wenn aus Kindern Soldaten werden

Kinder sind von Kriegen besonders betroffen: Sie werden nicht nur zu Opfern und Zeugen von Verbrechen, sondern manchmal - als Kindersoldaten - auch zu Tätern. Aber wie sollen sie je wieder ein "normales" Leben führen? Renate Winter, ehemalige Vorsitzende des Sondergerichtshofs für Sierra Leone, skizziert die Problematik.

Forum Alpbach 2011 17.08.2011

Beim europäischen Forum Alpbach 2011 leitet sie ein Seminar zum Thema "Law and Justice after Wars".

Kindersoldaten: Der schwierige Weg zurück

Über die Autorin
Renate Winter begann ihre berufliche Laufbahn als Richterin beim Wiener Jugendgerichtshof. Von 1996-2002 fungierte sie als Regierungsberaterin bei der Umsetzung der Kinderrechtskonvention in Ländern wie Albanien, Iran oder Ruanda. Sie ist Gründungsmitglied des Instituts für Kinderrechte. Von 2008 bis 2010 stand Renate Winter dem Sondergerichtshof für Sierra Leone als Präsidentin vor, derzeit ist sie Mitglied der Berufungskammer.

Seminar beim Forum Alpbach:

Renate Winter leitet gemeinsam mit Petar Bojanic beim Europäischem Forum Alpbach 2011 das Seminar "Law and Justice after Wars". science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor.

Bisher erschienen:

Von Renate Winter

In Kriegen heutzutage werden immer häufiger Kinder Opfer von Rekrutierungen, gezielten Angriffen und sexueller Gewalt. Vor allem die schnelle Verfügbarkeit von leichten Waffen hat zum "Gebrauch" von Tausenden Kindersoldaten weltweit geführt.

Schon achtjährige Kinder werden von ihren Kommandanten als frontliner oder als Träger, Spione oder Sexsklaven missbraucht. Wahrend dieser Kriege sind Kinder gezwungen, die schrecklichsten Gewalttaten anzusehen oder selbst zu begehen. Viele haben ihre Familien verloren, wurden zu Waisen gemacht, vergewaltigt, verstümmelt, traumatisiert und haben jede Hoffnung auf Erziehung, Gesundheit und ein normales Leben in ihrer Gemeinschaft verloren.

Als Kriegsverbrechen anerkannt

Während der letzten 20 Jahre hat die internationale Gemeinschaft viel unternommen, um Straflosigkeit für Verbrechen gegenüber Kindern zu beenden. Das Rome Statute 1998, das den Internationalen Strafgerichtshof 2002 etabliert hat, hat die Rekrutierung von Kindern unter 15 Jahren und ihre Verwendung in bewaffneten Auseinandersetzungen als Kriegsverbrechen anerkannt.

Internationale Gerichtshöfe haben mittlerweile Anklagen wegen solcher Verbrechen erhoben und auch die ersten Kriegsverbrecher deswegen verurteilt. Kriegsverbrechen, die an Kindern begangen wurden, müssten auch vor nationalen Gerichten abgehandelt werden. Damit tun sich viele Staaten noch schwer, vor allem, wenn nach einem Bürgerkrieg das gesamte Justizsystem zusammengebrochen ist.

Täter, Opfer und Zeugen

Kindersoldaten sind entweder Täter, Opfer oder Zeugen. Meistens sind sie das alles.
Kann man sie als Täter bestrafen, wenn sie unter Morddrohungen, unter Drogen gesetzt, zu scheußlichen Verbrechen gezwungen wurden? Kann man sie anklagen, wenn man nicht einmal weiß, wie alt sie tatsächlich bei Begehung der Straftaten waren? (Es gibt sehr oft keine Geburtsurkunden in Bürgerkriegsstaaten).

"How can we tell what happened to us? There are no words to describe what we have witnessed. What we saw, what we heard, what we did, and how it changed our lives, is beyond measure. We were murdered, raped, amputated, tortured, mutilated, beaten, enslaved and forced to commit terrible crimes." (Truth and Reconciliation Commission Report for the Children of Sierra Leone)

Kindersoldaten sind Opfer. Sie sind in fast allen Fällen schwer traumatisiert, sie können nicht schlafen, weil sie von Alpträumen verfolgt werden ("Blut schreit nach Blut"). Sie waren nie bei einem Arzt und haben oft von Würmern und Ausschlägen angefangen alles, was man sich üblicherweise in einem Krieg - im Dschungel, im Gebirge, in den Sümpfen, an der Front - zuziehen kann. Mädchen haben zusätzlich Wunden durch sexuelle Gewalt, erzwungenen Abortus, Geburten ohne Hilfe.

Soll man sie retraumatisieren, wenn man sie vor Gericht bringt? Hat man psychologische Hilfe für sie, wenn sie sie brauchen? Internationale Gerichtshöfe haben solche Hilfe, nationale meistens nicht.

Und Kindersoldaten als Zeugen? Auch hier sind Schutzmechanismen nötig, wie die erste Vernehmung eines Kindersoldaten am internationalen Strafgerichtshof gezeigt hat. Täter wissen, dass Kinder leicht zu beeinflussen sind. Das ist schließlich einer der Hauptgründe, sie zu rekrutieren. (Sie sind viele, billig, willig und beeinflussbar, sagte einmal ein warlord). Täter werden also versuchen, die Kinder noch im Gerichtssaal einzuschüchtern, was nicht schwer ist, da die Kinder doch zu absolutem Gehorsam geprügelt wurden.

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2011 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Was tun mit Kindersoldaten?

Was also tun mit den Kindersoldaten? Sie sind zu Soldaten geworden, weil sie entführt wurden, weil sie zu den Bewaffneten gepresst wurden. Sie sind freiwillig mitgegangen, um zu überleben, sie haben gehasst, weil ihre Familien zu Tode gefoltert wurden, sie wurden von den Eltern den Bewaffneten übergeben im Gegenzug für Familienschutz, sie wurden gehirngewaschen. Sie können schießen, schlagen und foltern, aber lesen und schreiben können sie nicht. Was tun mit ihnen, wie sie resozialisieren?

Kinderärzte und Kinderpsychologen sagen gleichermaßen, dass die Behandlung eines Traumas ungefähr so lange dauert wie die traumatische Situation. In Sierra Leone z b hat der Bürgerkrieg elf Jahre gedauert. Elf Jahre aufarbeiten? Es gibt kein Land, keine Institution, die das bezahlen würde. Wenn es aber keine Hilfe für diese Kinder gibt, dann können sie schwer wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden.

Ihnen ein paar Werkzeuge in die Hand zu drücken und ihnen einen Crash-Kurs zu verpassen, genügt nicht, denn niemand will ihnen Arbeit geben, außer Gangs, Kriminelle, Politiker, die sich Schlägertruppen heranziehen wollen.

Für Mädchen ist die Situation noch schlimmer. Niemand will sie heiraten, niemand will ihre Kinder, die " Kinder des Hasses". Ihnen bleibt in den allermeisten Fällen nur die Prostitution.

Chance auf Versöhung

Kinder, die als Kindersoldaten Verbrechen begangen haben, waren immer auch Opfer. Sie brauchen Hilfe zur Bewältigung ihrer Vergangenheit wie auch zur Wiedergutmachung und Versöhnung, sei es mit Hilfe von Wahrheitskommissionen, Tradition oder klassischen legalen Möglichkeiten.

Kindersoldaten sind in erster Linie Kinder und stehen damit unter dem Schutz der Kinderkonvention, die von fast allen Ländern der Welt unterzeichnet wurde. Sie haben das Recht auf Zugang zur Justiz, weil sie Opfer sind, sie haben das Recht auf rechtliches Gehör, wenn sie Täter, Opfer oder Zeugen sind. Sie haben das Recht auf eine Chance wiedergutzumachen und sich mit dem/den Opfern zu versöhnen, falls das möglich ist, wenn sie Täter sind. Und sie haben das Recht auf jede nötige Hilfe dazu, weil sie Kinder sind.

Es gibt zirka 300.000 Kindersoldaten weltweit. Hilfs- und Resozialisierungsprogramme sind langwierig und teuer. Aber 300.000 künftige Gewalttäter, Kriminelle, Prostituierte, Kranke, Dauerarbeitslose kommen noch viel, viel teurer.

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