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Rekonstruktion von"Ötzis" Gesicht

Tödlicher Überfall auf "Ötzi"

Neue Erkenntnisse im "Kriminalfall Ötzi": Der Gletschermann dürfte vor rund 5.300 Jahren Opfer eines Überfalls mit Todesfolgen geworden sein, sagt der deutsche Geoarchäologe Alexander Binsteiner.

Archäologie 18.08.2011

Pfeilspitzen aus Norditalien

Binsteiner hat die insgesamt sechs Steinwerkzeuge von Ötzi - darunter ein Dolch und zwei Pfeilspitzen - analysiert und nach den Steinbrüchen gesucht, aus denen sie stammen. Er wurde in den Monti Lessini nördlich von Verona fündig. Das dortige, sehr charakteristische und einmalige Material ist aber auch bei archäologischen Ausgrabungen nördlich der Alpen in der Schweiz, in Oberbayern, im Salzburger Land und an mehreren Orten in Oberösterreich - sogar nahe Linz - aufgetaucht.

Hinweise durch Kupferbeil

Eine weitere Spur ist das Kupfer-Beil, das zusammen mit der mumifizierten Leiche vor bald 20 Jahren am 19. September 1991 am Similaungletscher in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. Es lässt sich wegen seiner typischen Form der sogenannten Remedello-Kultur zuordnen. Diese war südlich des Gardasees angesiedelt. Doch eine geochemische Analyse ergab: Das Beil ist aus sogenanntem "Mondsee-Kupfer" hergestellt.

So wird Metall bezeichnet, das mit den erst kürzlich zum Weltkulturerbe erklärten Pfahlbaudörfern am Mondsee und Attersee in Verbindung gebracht wird. Es hat einen geringen Anteil an Arsen, das es fließfähiger macht. "Die Zusammensetzung ist so einmalig wie ein Fingerabdruck", schließt Binsteiner jeden Zweifel aus. Das Erz wurde demnach am Mitterberg südlich von Bischofshofen im Pongau abgebaut.

Die Erzeuger des Mondsee-Kupfers, in deren Siedlungen auch Klingen aus den Monti Lessini gefunden wurden, haben diese Technologie perfekt beherrscht. Ihr Metall war damals ein unermesslich wertvoller Rohstoff.

Überfall auf dem Similaunpass

Aus all dem und den Untersuchungen der Mumie selbst leitet Binsteiner ab: In der Steinzeit hat es Handelszüge aus dem heutigen Oberitalien nach Salzburg und Oberösterreich über die Alpen gegeben. Der Eismann könnte in leitender Funktion einer derartigen "Kupfer-Expedition" angehört haben, die mit Rohkupfer beladen auf dem Rückweg war.

Doch auf dem für einen Überfall günstigen Similaunpass lauerten Wegelagerer seiner Gruppe auf und griffen sie an. Sie wurden abgewehrt, aber Ötzi wurde von einem Pfeil in die linke Schulter getroffen. Der Pfeilschaft wurde herausgezogen, als das Herz noch schlug. Das können nur seine Begleiter getan haben. Die Spitze blieb im Körper stecken. Ötzi erlag danach binnen kürzester Zeit seiner schweren Verletzung.

Bestattung in den Alpen

Seine Weggefährten waren laut Binsteiner vermutlich wegen eines Schlechtwettereinbruches gezwungen, sich eilig ins Tal zurückziehen. Die Leiche mussten sie an Ort und Stelle zurücklassen. Sie haben sie in der für ein Remedello-Grab typischen Schlafstellung positioniert und Beigaben auch aus ihrem Besitz dazugelegt.

Eine Bestattung erklärt auch die wichtigste Frage, warum das wertvolle Kupfer-Beil - damals eine hochmoderne Waffe - beim Toten geblieben ist. Die Begleiter des Ötzi ließen sie als Ausdruck ihrer Wertschätzung als Grabbeigabe zurück. Wäre der Täter noch an der Leiche gewesen, hätte er mit Sicherheit das Beil in seinen Besitz gebracht. Der starke Schneefall deckte das hochalpine Grab rasch zu. Das Gletschereis bewahrte es bis ins 20. Jahrhundert.

science.ORF.at/APA

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