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Eine Mathematikerin löst eine Rechenaufgabe auf einer Tafel

Lieber die Liebe als die Mathematik

Der Frauenanteil ist in den letzten Jahrzehnten fast in allen Studienrichtungen stark gestiegen. Jedoch nicht in den so genannten MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Wissenschaftler lieferten nun eine interessante Erklärung: Das Verlangen, attraktiv zu wirken, könnte den Einstieg in die Wissenschaft verhindern.

Psychologie 22.08.2011

In vielen Ländern, wie auch in Österreich, benötigt die Industrie dringend Absolventen aus dem MINT-Bereich. Ein Hauptproblem ist, dass viel zu wenige Frauen sich für ein MINT-Studium entscheiden. Mit einem Frauenanteil von nur 28,5 Prozent ist Österreich international sogar weit abgeschlagen, trotz der jüngsten Initiative des Wissenschaftsministeriums.

Die Studie:

"Effects of Everyday Romantic Goal Pursuit on Women's Attitudes toward Math and Science" ist in "Personality and Social Psychology Bulletin" erschienen.

Forscher stellten nun eine These auf, die dieses Phänomen zumindest zum Teil erklären könnte: Frauen, denen es wichtig ist "romantically desirable" zu sein, also attraktiv auf das andere Geschlecht zu wirken, entscheiden sich eher gegen ein MINT-Studium.

Romantik macht MINT unsexy

Die Autoren der Studie rund um Lora Park von der University of Buffalo führten gleich vier Untersuchungen durch um ihre These zu belegen. Alle Tests wurden mit Studenten und Studentinnen durchgeführt, die sich noch nicht für ein Hauptstudium entschieden hatten.

Im Rahmen der Untersuchung wurden sie durch Bilder oder Gespräche in romantische Stimmung versetzt. Danach wurden sie befragt, für welches Studium sie sich eher entscheiden würden.

Das Ergebnis: Die romantische Gefühlslage setzte das Interesse der weiblichen Probanden für MINT-Fächer deutlich herab. Sie neigten in der Folge eher "femininen" Fächern zu, wie etwa Sprachstudien. Der Effekt war besonders stark, wenn sich die Studentinnen in keiner Beziehung befanden. Bei Männern hatte die emotionale Vorbehandlung hingegen keinen Einfluss, gleichgültig ob sie Singles waren oder in einer Partnerschaft.

Andere Gründe:

Brigitte Ratzer, an der Technischen Universität Wien für Frauenförderung zuständig, hat in einem science.ORF.at-Interview andere Gründe für den geringen Frauenanteil gesehen: zu wenige interdisziplinäre Studienpläne, die Produkte und Anwendungen kaum gesellschaftlich und sozial relevant, intransparente Bewerbungs- und Auswahlverfahren sowie unflexible Arbeitszeitmodelle. Eine Studie belegte die deutlich schlechteren Chancen von Frauen bei Bewerbungen.

Geschlechterrollen spielen wichtige Rolle

Eine Erklärung für die Reaktion der Studentinnen hat Lora Park: Frauen würden sehr früh darauf sozialisiert werden, für Männer begehrenswert zu sein. Wenn sie sich nun in traditionell männlich dominierte Bereiche wie die MINT-Fächer begeben, kann das mit den eingeübten Geschlechterrollen kollidieren.

Um ihre echte oder vermeintliche Attraktivität nicht zu verlieren, verzichten sie lieber auf ein "Männerstudium". "Diese Geschlechterstereotypen entmutigen Frauen, in Männerdomänen intelligent zu erscheinen", fasst Park zusammen.

MINT auch in Österreich ein Problembereich

Derzeit belegt an Österreichs Universitäten nur rund ein Drittel der Studenten ein MINT-Fach. Bei den Fachhochschulen sogar nur ein Fünftel. Der geringe Frauenanteil verschlechtert die Situation zusätzlich.

Dabei ist der Bedarf an neuen Fachkräften groß wie nie: 42 Prozent der Industriebetriebe haben Schätzungen zu Folge Probleme, genügend Fachkräfte im Bereich Technik und Produktion zu finden.

science.ORF.at

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