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Arzt blickt auf Bildschirm

Wie sinnvoll ist ein "Recht auf Gesundheit"?

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gesundheit nicht nur als Freisein von Krankheit, sondern auch als Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Daraus kann man ein "Recht auf Gesundheit" ableiten, das aber einige Fallstricke für den Einzelnen und die Gesellschaft bereithält.

Forum Alpbach 2011 22.08.2011

Denn das Recht auf Gesundheit sollte nicht mit einem Recht auf Vollkommenheit verwechselt werden, meint der Medizinethiker und Theologe Ulrich Körtner in einem Gastbeitrag. Anlass sind die bis Montag laufenden Gesundheitsgespräche des Europäischen Forum Alpbach.

Gesundheit - Ein Menschenrecht?

Von Ulrich Körtner

Über den Autor:

Ulrich Körtner

Uni Wien

Ulrich Körtner ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er leitet außerdem das Institut für Ethik und Recht in der Medizin.

Statement beim Forum Alpbach:

Ulrich H. J. Körtner diskutierte bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen (19.-22.8) des Europäischen Forum Alpbach 2011, im Rahmen des Special Lecture "Das Recht auf Gesundheit".

Wie das Recht auf Leben zählt auch das Recht auf Gesundheit zu den elementaren Menschenrechten. Wenn ich das Thema dennoch mit einem Fragezeichen versehe, so nicht etwa deshalb, weil ich das grundlegende Recht auf Gesundheit relativieren oder abschwächen möchte, sondern weil es mir darum geht, präziser festzustellen, worin genau das Recht auf Gesundheit juristische und ethisch besteht, inwiefern es gilt und was genau unter Gesundheit zu verstehen ist. Ein unreflektierter Gebrauch des Gesundheitsbegriffs kann nämlich dazu führen, dass die Forderung nach einem Recht auf Gesundheit inhumane Folgen hat.

Entsprechend dem allgemeinen Grundsatz, dass es keine Rechte ohne Pflichten gibt, stellt sich außerdem die Frage, wieweit das Recht auf Gesundheit an bestimmte Pflichten der individuellen Gesundheitsvorsorge und Gesundheitspflege gebunden ist. Haben Menschen gegenüber Staat und Gesellschaft lediglich ein Anspruchsrecht auf gesunde Lebensbedingungen, ein optimales Gesundheitssystem und individuelle medizinische Versorgung, oder besteht auch eine Pflicht des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft, ein gesundes Leben zu führen. Korrespondiert also dem Recht auf Gesundheit eine Pflicht zur Gesundheit? Und kann das Recht auf Gesundheit unter Umständen mit dem Hinweis auf individuelle Verletzungen der Pflicht zur Gesundheit eingeschränkt werden?

Utopischer Gesundheitsbegriff

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit als "Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen". Mit Recht erinnert die Gesundheitsdefinition der WHO an den alten Begriff der Ganzheitlichkeit oder integritas und lehnt ein auf das Somatische beschränktes, reduktionistisches Verständnis von Krankheit ab. Sie impliziert freilich eine völlig utopische Sicht des Menschen, unterstellt sie doch, dass dem Menschen ein Zustand völliger Vollkommenheit vergönnt wäre.

Nimmt man die Gesundheitsdefinition der WHO ernst, dürfte wohl kaum ein Mensch auf Erden wirklich gesund sein. Je umfassender und "ganzheitlicher" Gesundheit definiert wird, desto größer die Zahl derer, deren Gesundheitszustand diesem Kriterium nicht genügt. Ein utopischer Gesundheitsbegriff und seine paradoxen Folgen sind aus Sicht des Medizinjournalisten Jörg Blech eindeutig ein Wohlstandsphänomen: "Je reicher ein Land ist und je mehr Geld eine Gesellschaft in das Gesundheitssystem pumpt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich ihre Mitglieder krank fühlen."

Gesund heißt nicht vollkommen

Die Kehrseite eines derart utopisch und geradezu religiös aufgeladenen Gesundheitsbegriffes besteht darin, dass jede Beeinträchtigung des Wohlbefindens als Verhinderung des Glücks, Einschränkung sinnhaften Lebens und somit ausschließlich als negative Erscheinung bewertet wird. Die Definition der WHO verleitet zu einer Anspruchshaltung, derzufolge Gesundheit in einem umfassenden Sinne nicht etwa eine Gnade oder ein Glück, sondern ein Recht ist. Die Sehnsucht nach Heil schlägt um in die Forderung des Rechtes auf Glück, wobei die Leidensmöglichkeit und -fähigkeit des Menschen völlig ausgeblendet wird. Leiden erscheint nur mehr als das Nichtseinsollende, kann jedoch nicht als zum Glück komplementäre Dimension gesunden Lebens gewürdigt werden.

Das Recht auf Gesundheit darf - um der Menschlichkeit der Medizin willen! - nicht mit einem vermeintlichen Recht auf Vollkommenheit verwechselt werden. Die beiden Mediziner Johannes Bircher und Karl-H. Wehkamp verstehen unter Gesundheit einen "dynamische[n] Zustand von Wohlbefinden, bestehend aus einem biopsychosozialen Potenzial, das genügt, um die alters- und kulturspezifischen Ansprüche des Lebens in Eigenverantwortung zu befriedigen. Krankheit ist der Zustand, bei dem das Potenzial diesen Ansprüchen nicht genügt."

Umgang mit Kranken ist Gradmesser der Humanität

Man sollte vielleicht noch präziser sagen, dass Gesundheit kein Zustand, sondern selbst ein Potenzial oder eine Kraft ist. So erklärt der Theologe und Medizinethiker Dietrich Rössler, Gesundheit sei nicht die Abwesenheit von Störungen, sondern die Kraft, mit ihnen zu leben. Diese Kraft aber ist keine Leistung, sondern eine Gabe. Und diese Gabe oder dieses Geschenk gilt es zwar individuell wie gesellschaftlich zu achten, zu pflegen und zu fördern. Sie ist aber keine Leistung, die die Gesellschaft vom Individuum einzufordern hat oder deren Fehlen sie sanktionieren dürfte. Gradmesser für die Humanität einer Gesellschaft ist ihr Umgang mit chronisch und unheilbar Kranken sowie mit dem Recht des Menschen auf Unvollkommenheit.

Werden dagegen Gesundheit und Integration von Krankheit zur individuellen Leistung und zum Gegenstand der Selbstverwirklichung erklärt, hat dies auch erhebliche soziale Auswirkungen. Der Einzelne wird dann nämlich zum eigenverantwortlichen Produzenten seiner Gesundheit. Dies führt dazu, worauf Jörg Blech hinweist, dass die Ursache sämtlicher Gesundheitsprobleme und die Lösungen ausschließlich beim Individuum gesucht werden, während sich Politik und Gesellschaft aus ihrer Verantwortung stehlen.

Tendenz der Totalisierung

Einer grundlegenden Kritik unterzieht auch der Medizinsoziologe Jost Bauch das Heilsverlangen der durch Transzendenzverlust gekennzeichneten salutokorrekten Gesellschaft, in der das Naturrecht des aufgeklärten Absolutismus grüßen lässt: "Wenn die Menschen durch sanitaristische Sozialisationsbedingungen und genetische Merkmalsplanung alle gesund und normiert sind, ist dann noch Gesellschaft, so wie wir glauben, sie zu kennen, möglich? Wenn Abweichungen minimiert werden, gibt es dann noch gesellschaftliche Evolution oder Geschichte? Oder befinden wir uns dann im post-histoire? [...] Wenn durch Normierungen die Kontingenzformel für Kommunikation zunehmen eingeschränkt wird, dann ist die Gesellschaft zu einer letzten Ordnung gekommen und damit totalitär."

Gesundheit und Gerechtigkeit

Versteht man das Menschenrecht auf Gesundheit im Sinne eines differenzierten Gesundheitsbegriffs, so handelt es sich einerseits um ein Abwehrrecht und andererseits um ein Teilhaberecht. Als Abwehrrecht verpflichtet es die Staaten, für gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen zu sorgen, für saubere Luft, für sauberes Trinkwasser, Nahrung, Wohnung und Kleidung. Als Teilhaberecht regelt das Recht aller Menschen auf bestmögliche Gesundheitsversorgung und den Zugang zum Gesundheitssystem.

Wenn wir vom Recht auf Gesundheit in dem präzisierten Sinne sprechen, dann müssen wir freilich auch das Problem der Gerechtigkeit im Gesundheitswesen ansprechen. Auf die Gefahr, das Recht auf Gesundheit durch die vermeintliche Pflicht zur Gesundheit zu relativieren, wurde bereits hingewiesen. Grundsätzlich besteht aber gleichwohl eine Verantwortung der Individuen für ihre eigene Gesundheit, die sie nicht einfach an die Gesellschaft und ihr Gesundheitssystem delegieren können.

Das gilt auch für den Bereich der einzelnen Therapie. Ohne die Mitarbeit des Patienten, ohne seine Compliance, kann die Therapie nicht gelingen. Wo die Compliance grundsätzlich nicht gegeben ist, kann im Einzelfall die Frage auftauchen, ob dem Patienten die Therapie vorenthalten werden soll. Man denke z.B. an eine Lebertransplantation bei einem schweren Alkoholiker.

Zwei- oder Mehrklassenmedizin

Die gesundheits- und sozialpolitische Aufgabe besteht darin, für Gerechtigkeit im Gesundheitswesen zu sorgen. Der Theorie nach haben alle Menschen den gleichen Anspruch auf Zugang zum Gesundheitssystem und auf die bestmögliche medizinische Versorgung. Tatsächlich aber gibt es soziale Ungleichheiten. Die Zwei- oder Mehrklassenmedizin, vor der immer wieder gewarnt wird, ist im Grunde immer schon eine Realität.

Auf den Zusammenhang zwischen niedrigem Einkommen, geringer Bildung und erhöhtem Krankheitsrisiko wurde ebenso verwiesen wie auf die prekäre Gesundheitssituation von Migranten. Erinnert sei auch daran, dass es nicht nur in den immer wieder als Negativbeispiel angeführten USA, sondern inzwischen auch in Österreich eine nicht unerheblich Zahl von Menschen ohne Krankenversicherung gibt.

Mehr Eigenverantwortung braucht Sozialpolitik

Gerechtigkeit im Gesundheitswesen lässt sich nicht auf Verteilungsgerechtigkeit oder auf die Alternative zwischen dieser und der Tauschgerechtigkeit reduzieren. Wenn heute zu Recht mehr Eigenverantwortung im Gesundheitswesen gefordert wird, bei der Prävention ebenso wie bei der Therapie und ihrer Finanzierung, so bleibt diese Forderung abstrakt und unsozial, wenn nicht zugleich von der Teilhabe- oder Befähigungsgerechtigkeit gesprochen wird.

Damit z.B. Menschen aus sozial schwachen Schichten Eigenverantwortung für ihre Gesundheit übernehmen können, müssen sie dazu allererst befähigt werden. Um die dafür notwendige Bildung und das entsprechende Einkommen zu erlangen, bedarf es einer aktiven und aktivierenden Sozialpolitik. Ohne eine solche bleibt die politische Maßgabe eines Umbaus und einer Verschlankung des Sozialstaats ebenso zynisch wie die Forderung nach Kostendämpfung im Gesundheitswesen auf dem Rücken der Patienten, welche soziale Ungleichheiten verstärkt.

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