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Ein Traktor, der einen Acker pflügt.

Ressource "Boden" wird immer knapper

Böden werden immer intensiver genutzt. Landwirtschaftliche Produkte sollen mittlerweile nicht nur Menschen ernähren, sondern auch die Basis für Treibstoffe liefern. Boden ist mittlerweile so wertvoll, dass er von Staaten und sogar von Unternehmen gekauft oder geleast wird - wie z. B. in großen Mengen in Afrika. Aber wie mit der zunehmenden Knappheit umgehen?

Umweltforschung 24.08.2011

Diese Frage stellt sich der Bodenspezialist Winfried E. H. Blum in einem Gastbeitrag und leitet auch beim europäischen Forum Alpbach 2011 ein Seminar zum Thema.

Gehen uns die Böden aus?

Von Winfried E. H. Blum

Über den Autor

Winfried E.H. Blum

Privat

Winfried E.H. Blum studierte
Forst- und Naturwissenschaften an Universitäten in Deutschland und Frankreich. Er war von 1979 bis 2009 ordentlicher Universitätsprofessor für Bodenkunde und Vorstand des Instituts für Bodenforschung an der Universität für Bodenkultur Wien, seit 1. Oktober 2009 emeritiert. Winfried Blum ist als Vorsitzender verschiedener wissenschaftlicher Ausschüsse und Gremien in Belgien, Deutschland, Frankreich, Österreich und im außereuropäischen Ausland tätig.

Seminar beim Forum Alpbach:

Winfried Blum leitet gemeinsam mit Slav W. Hermanowicz beim Europäischem Forum Alpbach 2011 das Seminar "Water and Soil under Pressure - The Basis of our Life and its Future". Science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen vor.

Bisher erschienen:

Böden sind lebenswichtig. Sie erzeugen Nahrung, Futtermittel und nachwachsende Rohstoffe (einschließlich Bioenergie) und filtern Regenwasser, wodurch sauberes Grundwasser entsteht, das für Trinkwasserzwecke genutzt werden kann. Sie sind gleichzeitig die größte Genreserve der Erde, mit der höchsten Biodiversität.

Weltweit sind zirka zwölf Prozent der Erdoberfläche für die Herstellung von Lebensmitteln und hochwertigen Biomasserohstoffen geeignet, ca. 24 Prozent für Grasland und ca. 31 Prozent für Wald. 33 Prozent sind für Pflanzenwachstum ungeeignet, weil zu trocken, zu kalt oder nicht ausreichend mit Böden bedeckt.

Auf den zwölf Prozent der Landfläche erzeugt rund ein Viertel der Weltbevölkerung alle im Handel befindlichen Nahrungsmittel. Zwei Drittel dieser wichtigen Produktionsflächen liegen auf der Nordhalbkugel, nur ein Drittel auf der Südhalbkugel. Diese Produktionsflächen werden zunehmend kleiner, weil wir täglich große Bodenflächen für die Errichtung von Gebäuden, Straßen, Parkplätzen und anderen Infrastruktureinrichtungen versiegeln, im Gesamtraum der EU 27 derzeit ca. 350 bis 400 Hektar pro Tag, davon allein in Deutschland ca. 80 bis 100 Hektar (= 130 bis 160 Sportplätze), in Österreich ca. acht bis zehn Hektar (ca. 13 bis 16 Sportplätze) pro Tag. Ursache hierfür ist, dass unsere Vorfahren neben Wasser die besten Böden gesucht haben, um zu siedeln, und diese Siedlungen inzwischen zu urbanen Zentren angewachsen sind, mit immer noch zunehmender Ausdehnung.

Wertvoller Boden geht verloren

In der EU 27 gehen damit jährlich ca. 1.000 Quadratkilometer wertvoller Boden verloren, wobei weitere deutliche Bodenverluste durch Erosion, starke Verschmutzung und Verluste der Bodenfruchtbarkeit durch Verringerung der organischen Substanz, Verdichtung, Verlust an Biodiversität, Rutschungen und teilweise auch Versalzungen nicht mitgerechnet sind.

Während derzeit die Versiegelung in den Industrieländern durch steigende Nachfrage nach Wohnfläche, industrieller Produktions- und Verkehrsfläche erfolgt, sind Versiegelungen in den Entwicklungsländern im Wesentlichen durch den Bevölkerungszuwachs bedingt.

Getreide für Biotreibstoffe ...

Zusätzlich werden seit einigen Jahren in verstärktem Maße Agrarprodukte für die Erzeugung von Bioenergie, insbesondere von Biotreibstoffen benutzt, in Konkurrenz zur Nahrungsmittelbereitstellung. Laut FAO und OECD werden weltweit bereits ca. 13 Prozent allen erzeugten Getreides und 35 Prozent allen erzeugten Rohrzuckers zu Ethanol und 16 Prozent aller pflanzlichen Öle zu Biodiesel verarbeitet, mit steigender Tendenz. Für 100 Liter Ethanol im Tank eines großen Pkws werden ca. 300 Kilogramm Getreide benötigt. Damit könnte ein Mensch ein ganzes Jahr lang ernährt werden.

Wir benötigen jedoch für die jährlich um 80 bis 85 Millionen wachsende Weltbevölkerung sowie die mehr als 100 Millionen Menschen, die jährlich aus ländlichen Regionen in die Städte abwandern und daher keine Lebensmittel mehr selbst erzeugen können, zusätzliche Nahrung. Derzeit hungern jedoch schon mehr als eine Milliarde Menschen, vor allem in Afrika, südlich der Sahara.

... und Fleisch

Diese steigende Nachfrage wird noch verschärft durch die zunehmende Nachfrage nach Fleischprodukten, welche die Menge des zur Verfügung stehenden Getreides zusätzlich verringern. Für ein Kilogramm Hühnerfleisch werden ca. zwei bis drei Kilogramm Getreide, für ein Kilo Schweinefleisch ca. vier bis fünf Kilo und für ein Kilo Rindfleisch ca. sieben bis zehn Kilogramm Getreide benötigt werden. Dabei ist nicht mit eingerechnet, dass in Industrieländern bis zu einem Drittel der gekauften Nahrung meist unausgepackt in den Müll wandert und der Kostenaufwand für pharmazeutische Mittel zur Bekämpfung von Fettsucht und Übergewicht bei weitem ausreichen würde, um alle hungernden Menschen der Welt mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Zusätzlich führen neue ökonomische Strategien in der Herstellung sowie im Handel von Nahrungsmitteln, die vor allem durch Spekulation gekennzeichnet sind, zu einer starken Fluktuation der Preise, meist in steigender Richtung, wie die Jahre 2008 und 2009 deutlich gezeigt haben.

Boden wird gekauft oder geleast

Weil zahlreiche Staaten wie z. B. China, Indien, Südkorea und zahlreiche arabische Staaten inzwischen davon ausgehen, dass unter den geschilderten Umständen ihre Landreserven für die Erzeugung von Nahrungsmitteln und/oder Bioenergie nicht mehr ausreichen, kaufen oder leasen diese, ebenso wie Großbanken und große Industrieunternehmen, Landflächen in fremden Ländern, vor allem in Entwicklungsländern Afrikas, Asiens und Südamerikas, mit überwiegend negativen Auswirkungen für die dort lebende Bevölkerung. Laut Weltbank wurden bis 2008 bis zu vier Millionen Hektar Land jährlich und bis Ende 2009 insgesamt mehr als 50 Millionen Hektar (= 500.000 Quadratkilometer) Flächen auf diese Art erworben ("land grabbing"), eine Fläche die annähernd der Gesamtfläche Frankreichs entspricht, davon ca. 70 Prozent in Afrika.

Wasserkosten von Ethanol

Für einen Liter Ethanol aus ca. drei Kilogramm Mais sind 2,3 Kubikmeter Wasser nötig, wodurch bei einem Preis von 0,4 Euro pro Kubikmeter Wasser ein Liter Ethanol mit einem Euro allein für Wasserkosten belastet ist.

Zusätzlich schwinden durch den Klimawandel in zahlreichen Regionen der Erde die Wasservorräte für die Nahrungserzeugung durch Bewässerung, gleichzeitig erhöhen steigende Temperaturen den Wasserverlust durch Verdunstung und den Wasserverbrauch durch die Pflanzen. So reichen z. B. im Mittelmeer-Raum schon heute die Wasservorräte für die mögliche Erzeugung von Nahrungsmitteln nicht mehr aus und machen die Erzeugung von Biotreibstoffen zunehmend illusorisch, auch weil für die Erzeugung von einem Kilogramm Mais ca. 770 Liter Wasser benötigt werden.

Alarmierende Entwicklung

Die geschilderte Gesamtentwicklung ist alarmierend. Die Wissenschaft kann hierbei nur die Szenarien aufzeigen und die Probleme verdeutlichen. Entscheiden müssen aber die Politiker und sonstige Entscheidungsträger. Wir stehen inzwischen an einer Wende, mit gefährlichen Entwicklungen bezüglich weltweiter Ernährungssicherung und der Erhaltung sozialer, ökonomischer und ökologischer Lebensbedingungen für große Teile der Weltbevölkerung.

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