Standort: science.ORF.at / Meldung: "Klimazyklen fördern Kriege"

Bewaffneter Kämpfer im Südsudan

Klimazyklen fördern Kriege

Das Klimaphänomen "El Niño" hat auch gesellschaftliche und politische Auswirkungen: Einer Studie zufolge gab es in den besonders warmen Jahren zwischen 1950 und 2004 in bestimmten Tropenregionen doppelt so viele Bürgerkriege wie in kühleren Klimaphasen.

Gesellschaft 25.08.2011

Klima schreibt Geschichte

Die Studie in "Nature":

"Civil conflicts are associated with the global climate" von Solomon M. Hsiang et al.

Schwankungen des Klimas haben ihre Spuren in der Menschheits-geschichte hinterlassen. Gewaltsame Konflikte, Völkerwanderungen, selbst für den Untergang ganzer Zivilisationen sollen sie verantwortlich sein. Wie wichtig die Umweltbedingungen für historische Veränderungen sind, beschreibt unter anderem der bekannte US-amerikanischen Evolutionsbiologe, Physiologe und Geograf Jared Diamond in seinem 2005 erschienenen Buch "Kollaps". Mittlerweile gibt es bereits einige Studien, die historische Klimadaten mit wichtigen Ereignissen, z.B. dem Ende des Römischen Imperiums korrelieren.

Zeitgenössische Zusammenhänge herzustellen, ist naturgemäß etwas schwieriger. Die wenigen Untersuchungen dazu beschäftigen sich lediglich mit regionalen Schwankungen, eine hat etwa in Afrika eine Häufung kriegerischer Auseinandersetzungen in Jahren mit überdurchschnittlichen Temperaturen festgestellt.

Natürliche Klimazyklen

Derartige Ergebnisse lassen sich allerdings schlecht verallgemeinern, da der Einfluss lokaler Besonderheiten schwer herausfiltern ist. In einer aktuellen Studie haben sich Forscher um Solomon M. Hsiang von der New Yorker Columbia University nun auf die Suche nach globalen Zusammenhängen gemacht.

Herangezogen wurden dafür natürliche Klimazyklen, verursacht durch das sogenannte El Niño-Phänomen. Dieses ist für regelmäßig wiederkehrende periodische Schwankungen der Oberflächentemperatur im äquatorialen Pazifik verantwortlich, es tritt etwa alle drei bis sieben Jahren auf. Es beeinflusst das Wetter in großen Teilen Afrikas, Indiens, Südostasiens, Australiens und Amerikas.

In der kühleren La Niña-Phase gibt es in diesen tropischen Gebieten ausreichend Niederschläge, während der warmen El Niño-Periode steigt die Temperatur und der Regen geht zurück. Wie stark der Effekt ausfällt, hängt von anderen Faktoren wie etwa dem Wind ab. Im Extremfall kommt es in den betroffenen Gebieten zu sengender Hitze und anhaltender Dürre.

Doppelt so viel Konflikte

Zuerst teilten die Forscher alle Länder in solche, welche stark an El Niño gekoppelt sind und solche, die kaum etwas davon spüren. Danach korrelierten sie die dadurch verursachten Klimaschwankungen von 1950 bis 2004 mit dem Ausbruch von Unruhen. Dazu zählten sie alle Konflikte, bei welchem im Jahr mehr als 25 Menschen zu Tode gekommen waren. Die Daten erfassten insgesamt 175 Staaten und 234 gewaltsame Auseinandersetzungen. Mehr als die Hälfte davon hatten über 1000 Tote zur Folge.

Weltkarte mit regionen, die besonders von El Nino betroffen sind

Hsiang et al. Nature

Das Wetter der rot markierten Länder wird besonders von El Niño geprägt.

Die Analyse ergab den Forschern zufolge einen klaren statistischen Zusammenhang: In jenen Ländern, deren Wetter von El Niño abhängt, war das Risiko für gewaltsame Konflikte in kühleren Perioden drei Prozent. In den wärmeren Jahren war es doppelt so hoch, nämlich sechs Prozent. In den nicht betroffenen Regionen lag es konstant bei zwei Prozent. In 21 Prozent aller Bürgerkriege in diesen Zeitraum soll El Niño eine Rolle gespielt haben.

Ein Extrembeispiel eines von El Niño "verursachten" und nachhaltigen Konfliktes sei etwa Peru. 1982 waren seine Hochländer besonders betroffen, im selben Jahr wurde aus den einzelnen Anschlägen des Leuchtenden Pfads ein handfester langjähriger Bürgerkrieg. Auch mit dem erneuten Aufflammen bestehender Konflikte gebe es einen Konnex: In dem sehr warmen El Niño-Jahr 1963 kam es etwa im Sudan zu intensiven Kämpfen zwischen Nord und Süd, dann flaute die Auseinandersetzung ab und köchelte erst im warmen 1976 wieder auf.

In einem weiteren extremen El Niño-Jahr, 1983, kam es dann zum folgenschweren Ausbruch des zwanzigjährigen Bürgerkriegs, der zwei Millionen Menschen das Leben kostete. Erst in diesem Sommer wurde der Südsudan zur eigenständigen Nation. Andere von dem Phänomen betroffenen Staaten sind z.B. El Salvador, Uganda, Haiti oder Ruanda.

Klima nur indirekte Ursache

Dennoch blieben manche Länder in der Einflusszone des El Niño von Konflikten weitgehend verschont, in der Regel die reicheren, wie etwa Australien. Ein Hinweis darauf, dass die Suche nach Gründen wohl nicht beim Klima aufhören kann, wie auch die Forscher einräumen. Man fängt nicht zu kämpfen an, nur weil einem heiß ist. Oder mit anderen Worten: Das Wetter allein kann man nicht für Krieg verantwortlich machen.

Klima sei nur einer von vielen Faktoren, "aber bei sozialen Ungleichheiten, wenn Menschen sehr arm sind und es bereits bestehende Spannungen gibt, kann das Wetter den letzten Anstoß liefern", so Hsiang. Wenn die Ernte ausfällt, greift man unter Umständen leichter zur Waffe.

Dass man bei Hitze aggressiver wird, mag zwar für das Individuum stimmen, spielt aber vermutlich bei gesellschaftlichen Konflikten ein untergeordnete Rolle. Indirekte Auswirkungen klimatischer Schwankungen, z.B. auf die wirtschaftliche Situation, sind eine plausiblere Erklärung. Die dem Zusammenhang zugrundeliegenden Mechanismen müssten in weiteren Arbeiten geklärt werden. Sonst ließen sich auch keine allgemeinen Aussagen in Hinblick auf den globalen Klimawandel ableiten.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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