Standort: science.ORF.at / Meldung: "Ménage à trois in der Höhle "

Skelett von Homo neanderthalensis (rechts) und Homo sapiens (links)

Ménage à trois in der Höhle

Dass es zwischen Homo sapiens und dem Neandertaler zu Sex kam, gilt mittlerweile als sicher. Vermutlich war das nicht das einzige intime Zusammentreffen über Artgrenzen hinweg: Analysen von Immungenen weisen auf einen Austausch mit dem Devisona-Menschen hin.

Ur-Menschen 26.08.2011

Zehe, Zahn und Finger

"Die Welt blickt ostwärts", sagt Anatoly Derevianko. Der Russe ist einer jener Archäologen, die im südlichen Sibirien, nicht weit von der Kasachischen und Mongolischen Grenze nach Überresten von Urmenschen suchen. In der sogenannten Denisova-Höhle im Altai-Gebirge wurden er und seine Kollegen fündig.

Dort haben Forscher während der letzten Jahre drei Fossilien entdeckt - ein Zehen- und ein Fingerglied sowie ein Backenzahn -, die offensichtlich zu einer bislang unbekannten Menschenart gehören. "Denisova-Mensch" haben die Forscher diesen archaischen Vertreter der Gattung Homo genannt.

Und dieser war, wie neue genetische Analysen zeigen, mehr als nur eine randständige Erscheinung der Menschheitsgeschichte. Er hat offensichtlich dem modernen Menschen einige nützliche Gene vererbt - was darauf hinweist, dass es entweder zu Paarungen der beiden Arten (respektive Unterarten) gekommen ist, oder dass die Gene über ein weiteres evolutionäres Kettenglied an uns weitergegeben wurden.

Dieser Vermittler könnte der Neandertaler gewesen sein. Vielleicht war alles noch viel komplizierter - die Entwirrung des gengeschichtlichen Knotens wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Immungene: Archaisches Erbe

Erste Analysen zeigen jedenfalls, dass sich in unserem Erbgut auch ein Erbstück des Denisova-Menschen befindet. Bei Bewohnern Melanesiens macht dieses immerhin fünf Prozent des gesamten Genoms aus.

"Das zeigt, dass der Denisova-Mensch eine sehr große Populationsgröße hatte", sagt Svante Pääbo, Paläogenetiker am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Sein Verbreitungsgebiet erstreckte sich einst bis weit nach Ostasien. Und dort kam es vor 40.000 bis 60.000 Jahren zu einem Zusammentreffen mit den Vorfahren der Australischen Aborigines, Chromosomenaustausch inklusive.

Wie ein Team aus Genetikern und Anthropologen im Fachblatt "Science" berichtet, waren derartige Vermischungen durchaus fitnessfördernd. Rund die Hälfte unserer Varianten sogenannter HLA-Gene stammen offenbar vom Denisova-Menschen.

Diese Moleküle sind wichtig für die körpereigene Erkennung und Abwehr von Krankheitserregern. "Archaische Genvarianten haben das Immunsystem des modernen Menschen maßgeblich geformt", resümiert Peter Parham, der Hauptautor der aktuellen Studie.

Drei Menschenarten in einer Höhle

Was während der letzten 100.000 Jahre genau in der Denisova-Höhle passiert ist, können die Forscher noch nicht definitiv beantworten. Fakt ist: Von ihrem Eingang aus hat man einen guten Ausblick auf den Anui-Fluss und vorbeiziehende Menschen oder Tiere. In ihrem Inneren befindet sich eine Art Oberlichte, eine Öffnung nach oben hin, die wohl als natürlicher Kamin genutzt wurde. Und diese Öffnung sorgte untertags auch für Beleuchtung, nicht unähnlich jener in einer Kapelle. Für urgeschichtlichen Verhältnisse also ein recht gemütlicher Ort.

Insofern folgerichtig, dass Forscher dort nicht nur Knochen des Denisova-Menschen gefunden haben, sondern auch solche des Neandertalers. Und es befinden sich darin auch Werkzeuge, die auf die Anwesenheit des modernen Menschen schließen lassen. Alle drei Menschenarten zeitgleich in einer Höhle? Gar ein urzeitliches Dreiecksverhältnis?

Ausschließen können und wollen Pääbo, Parham und Co. dieses Szenario nicht. Wahrscheinlicher dürfte allerdings eine serielle Besiedlung sein: Demnach jagten vor 50.000 Jahren noch die Denisova-Menschen Bären, Luchse und Wildschweine im Altai-Gebirge. Dann wurden sie zwischenzeitlich von Neandertalern abgelöst - bis vor 45.000 Jahren der moderne Mensch die Denisova-Höhle erreichte und zu seinem Domizil machte.

Ob es während der Übergangsphasen zu territorialen Streitigkeiten zwischen den drei Menschenarten gekommen ist, wird an den Sedimenten kaum abzulesen sein. Der großzügige Austausch von Genen weist eher auf freundschaftliche Modalitäten hin.

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: