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Daniel Domscheit-Berg

"Alles Interessante längst veröffentlicht"

Gemeinsam mit Julian Assange arbeitete Daniel Domscheit-Berg bei WikiLeaks, nach einem Zerwürfnis bastelt er nun an einer neuen, sichereren Enthüllungsplattform. Bei den Technologiegesprächen in Alpbach sprach er über die Zukunft von OpenLeaks und die bewegten Tage, die hinter ihm liegen.

Wikileaks-Affäre 26.08.2011

Vorige Woche wurde Domscheit-Berg aus dem in der Szene wichtigen Chaos Computer Club in Berlin ausgeschlossen. Weiters wurde bekannt, dass er 3.500 bisher unveröffentlichte Wikileaks-Dateien vernichtet hat.

science.ORF.at: Warum haben Sie die 3.500 Dateien gelöscht?

Daniel Domscheit-Berg: Nur zur Klarheit: Es hat sich dabei nicht um hochbrisante Dokumente gehandelt. Die Objekte wurden zwischen Jänner und September 2010 bei WikiLeaks eingesandt; statistisch betrachtet sind dabei 80 bis 90 Prozent immer unbrauchbar. Warum ich sie gelöscht habe, hat eine längere Vorgeschichte. Man kann es aber kurz zusammenfassen: Ich habe aufgrund verschiedener Fehler - v.a. aber weil heute 260.000 diplomatische "Cables" unredigiert für jeden und für immer downloadbar sind - kein Vertrauen mehr, dass WikiLeaks den Willen und die Kompetenz hat, Materialien sicher zu behandeln. Ich bin lieber der Buhmann für alle, als dass ich gegen mein Wissen und Gewissen Materialien weitergebe, die Quellen gefährden, denen ich Schutz versprochen habe.

Daniel Domscheit-Berg

ORF/ Johannes Cizek

Daniel Domscheit-Berg bei seinem Vortrag in Alpbach zum Thema "Cybercrime".

Warum haben Sie die Daten nicht veröffentlicht und vorher für den notwendigen Quellenschutz gesorgt?

Das ist potenziell für jedes Dokument möglich. Ich sehe es aber nicht als meine Aufgabe, jedes einzelne Dokument zu prüfen, zu säubern und zu übergeben.

Theoretisch wäre das aber möglich gewesen?

Im Einzelfall nicht immer. Oft lassen Inhalte in einem Dokument Rückschlüsse auf die Quelle zu, d.h. man hätte sich immer Gedanken machen müssen, was zu schwärzen ist und was nicht. Im Übrigen hatte ich die Dokumente persönlich nie, sondern nur den Schlüssel um sie zu entschlüsseln. Die Dokumente hatten andere, die WikiLeaks ebenfalls verließen.

Wäre es nicht vernünftiger gewesen, wenn alle zusammengearbeitet hätten: die Leute mit den Daten, Sie mit dem Schlüssel plus vielleicht jene, die Zeit für den nötigen Quellenschutz gehabt hätten?

Es gibt natürlich viele Optionen, was man anders machen hätte können. Es hat auch zehn bis 15 Organisationen bzw. Individuen gegeben, die an uns herangetreten sind und meinten, dass sie das übernehmen. Aber das beinhaltet immer die Möglichkeit, dass Fehler passieren. Als uns dann öffentlich die Pistole auf die Brust gesetzt wurde, und wir von Menschen aufgefordert wurden, ihnen die Daten zu übergeben, von denen wir wissen, dass sie in der Vergangenheit blöde Fehler gemacht haben, haben wir uns entschlossen, das Thema ein für allemal zu beenden und das Material zerstört.

Es handelt sich ja nicht um irrelevante Daten, wie WikiLeaks sagt: Darunter sollen 60.000 E-Mails der rechtsextremen NPD, Interna von rund 20 Neo-Nazi-Organisationen und jede Menge Daten der Bank of America sein.

Technologiegespräche in Alpbach

Von 25. bis 27. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet "Technologie als Chance - Verantwortung für die Zukunft". Dazu diskutieren Minister, Nobelpreisträger und internationale Experten u.a.

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2011 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Das ist aber reine Propaganda, diese Dokumente waren niemals Bestandteil des Pakets. Es ist auch nicht so, dass Julian Assange und andere das Material nicht gekannt hätten. Im Gegenteil. Alles Interessante an dem Material war schon längst veröffentlicht, etwa das CIA Red Cell Memorandum, die Loveparade-Geschichte und einige andere Einzelfälle. Es hat sich darunter nichts mehr befunden, was den Aufwand und das Risiko einer Veröffentlichung gerechtfertigt hätten. Es gab auch keine Dokumente zur Bank of America. Die zerstörten Dokumente stammen wie gesagt vom Jänner bis September 2010, Julian hat schon im Oktober 2009 in einem Interview von den Daten der Bank of America gesprochen. Wie so oft schiebt er alles Mögliche auf uns und versucht davon abzulenken, dass der Kaiser selbst keine Kleider mehr hat.

Man stellt sich vor, dass bei WikiLeaks die weltbesten Hacker zusammenkommen: Wie konnte es da überhaupt gelingen, so große Mengen an Daten plus den Schlüssel zu entwenden?

Das ist ganz einfach. Zum Zeitpunkt, als ich WikiLeaks verlassen habe, habe ich privat vier Server bezahlt. So wie andere auch, die das Projekt verlassen haben. Wir wollten die Server zum Teil mit der Konfiguration, Software und den Daten bei unserem Abgang übergeben. Dreieinhalb Wochen gab es darauf von WikiLeaks nur Desinteresse und Ignoranz, dann hat es uns gereicht und wir haben die Server erst einmal auf eine Festplatte kopiert und sicher verwahrt.

Welche Daten hat WikiLeaks heute überhaupt noch?

Ich weiß es nicht. In den letzten 48 Stunden hat WikiLeaks mehr Cable veröffentlicht als in 255 Tagen davor. Das zeigt, dass man versucht soviel zu veröffentlichen wie man kann und bevor es alle anderen haben. Ich glaube aber nicht, dass noch sehr viele Daten vorhanden sind.

Zu Ihrem eigenen Projekt OpenLeaks: Warum sollten Ihnen Menschen vertrauen und Dokumente zur Verfügung stellen, nachdem Sie gerade Tausende vernichtet haben?

Wir haben diese Dokumente nicht aus Zerstörungswut vernichtet, sondern aus Bedenken um die Sicherheit der Quellen. Ich denke, das spricht eher für OpenLeaks, als dass es uns disqualifiziert. OpenLeaks verarbeitet oder behandelt keine Daten, sondern das ist alles Aufgabe unserer Partner. Über Verschlüsselung ist auch sichergestellt, dass wir gar nicht mehr wissen, welche Daten eingesendet werden. D.h. wenn man bei uns einem Partner etwas zukommen lässt, hat nur der darauf Zugriff. Wenn ich aber wüsste, dass es einen Partner gibt, der grob fahrlässig mit dem Quellenschutz umgeht, müsste man sicher etwas dagegen unternehmen.

Aber das weiß man vorher ja nicht, was die Partner genau mit geleakten Dokumenten anstellen.

Das stimmt. Im Endeffekt bleibt das immer eine Entscheidung, die jemand treffen muss. Einer der Vorteile von OpenLeaks ist, dass es hier ein wesentlich robusteres Entscheidungsgremium als bei WikiLeaks geben wird.

Nach welchen Kriterien werden die Partner ausgesucht?

Wir können langfristig mit maximal 100 Partnern arbeiten, die Hälfte davon sollten NGO's, die andere Medien sein. Wir werden einen Prozess einleiten, wo die Öffentlichkeit Organisationen vorschlagen kann, denen sie vertraut.

Einige Partner wie der "Freitag" und die "taz "sind schon bekannt, warum nicht auch öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der sich definitionsgemäß um öffentliche Belange kümmert?

Prinzipiell möchten wir das sehr gerne, die momentane Auswahl der Partner liegt aber an Komplexitätskriterien. Alle Partner im Moment sind relativ klein und so unabhängig, dass sie sehr flexibel mit uns zusammenarbeiten können. Wenn wir heute in der Testphase mit einem öffentlich-rechtlichen Medium kooperieren würden, hätten wir ganz andere technische und bürokratische Probleme, die uns vom eigentlichen Testen der Plattform abhalten. Sobald wir durch diese Phase durch sind, wird es einfacher auch mit größeren Organisationen zusammenzuarbeiten.

Also ist auch der ORF theoretisch als Partner denkbar?

Auf jeden Fall. Wir sind mit vielen Organisationen in anderen Ländern im Gespräch, auch mit öffentlich-rechtlichen, man muss sich das aber im Einzelfall ansehen. Es gibt einen vorwiegend technischen Kriterienkatalog, der erfüllt werden muss, was auch nicht für jede Organisation machbar ist.

Gibt es auch journalistische Kriterien für die Wahl der Partner, ich nehme nicht an, dass Sie etwa mit der Bild-Zeitung kooperieren?

So ist es. Wir wollen Klatschmedien kein Tool bereitstellen, damit Paparazzifotos ausgetauscht werden. Aber wir wissen derzeit noch nicht, wie der Selektionsprozess genau aussehen wird.

Wann wird OpenLeaks funktionieren?

Das ist ganz schwierig zu beantworten. Vor ein paar Monaten dachte ich, dass wir bis heute schon längst online wären. Deshalb bin ich jetzt vorsichtig geworden. Die Integration und Koordination mit den Partnern ist viel aufwändiger als gedacht. Aber ich schätze in spätestens sechs Monaten wird OpenLeaks funktionieren.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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