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Geöffneter Mund beim Biss in einen Hamburger

Freie Radikale zügeln den Appetit

Die Ursache für Übergewicht ist im Prinzip banal: Menschen essen mehr, als sie brauchen. Forscher haben nun einen weiteren Grund gefunden, warum es vielen so schwerfällt, ihren Appetit zu zügeln. In den Gehirnen dicker Mäuse fanden sie weniger freie Radikale. Die "Zellzerstörer" signalisieren offenbar Sättigung.

Ernährung 29.08.2011

Der Körper wehrt sich gegen Diät

Die Fettleibigkeit entwickelt sich zunehmend zur weltweiten Epidemie. Die neuesten Erhebungen sprechen von 1,5 Milliarden übergewichtigen Erwachsenen, wie "The Lancet" in seiner jüngsten Ausgabe berichtet. Im Leitartikel des Journals fordern Wissenschaftler daher dringend Maßnahmen seitens der Vereinten Nationen und der Regierungen, vergleichbar mit jenen im Kampf gegen den Tabakrauch. Gefordert werden etwa Zusatzsteuern und Werbeeinschränkungen bei besonders ungesunden Lebensmitteln.

Die Wirksamkeit derartige Regelungen bleibt - ähnlich wie beim Rauchen - allerdings noch abzuwarten. Denn die Ursachen des Übergewichts sind vielschichtig und der Körper selbst macht - wie unzählige missglückte Diätversuche Abnehmwilliger zeigen - vielen immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Offenbar erschweren körpereigene Mechanismen den Kampf gegen die Kilos.

Stoffwechsel außer Tritt

Manche Stoffwechselkreisläufe geraten offensichtlich durch ein Zuviel an Körperfett zusätzlich außer Tritt. Das kann einerseits zu Krankheiten führen, wie etwa zu Diabetes Typ 2, bei welchen der Blutzuckerspiegel außer Kontrolle gerät.

Andererseits wirkt sich ein durch Übergewicht beeinträchtigter Stoffwechsel ebenso auf den Kampf dagegen aus. Das zeigt etwa das Beispiel des Hormons Leptin, das eine wichtige Rolle im menschlichen Fettstoffwechsel spielt. Nach seiner Entdeckung vor nicht ganz zwanzig Jahren setzte man große Hoffnung in seine appetitzügelnde Wirkung, denn es gilt als Signal für Sättigung und dämpft daher Hunger. Dann aber stellte man fest, dass die meisten fettleibigen Menschen ohnehin hohe Spiegel des Hormons aufweisen, aber trotzdem immer hungrig sind. Schuld daran ist eine sogenannte Leptinresistenz, bei welcher die Wirkungen des Hormons auf die Zielneuronen ausbleiben.

Überessen behindert Signale

In ihrer Studie an Mäusen sind die Forscher um Tamas Horvarth von der Yale University School of Medicine nun auf einen neuen molekularen Mechanismus gestoßen, der bei der Kontrolle von Hunger und Sättigung eine wichtige Rolle spielt.

Nachdem die Labortiere gegessen hatten, zeigten Neuronen im Hypothalamus, die dem Körper Sättigung signalisieren und so ein über den Appetit essen verhindern, hohe Spiegel sogenannter freier Radikale. Bei der Nahrungsaufnahme wird den Forschern zufolge Leptin und Zucker gebildet, im Gefolge entstehen die freien Radikale.

Bei Mäusen, die durch zu viel Essen übergewichtig geworden waren, stellten sie aber eine geringere Aktivität in denselben Neuronen fest, ein Zeichen für Leptinresistenz. Die Entstehung freier Radikale werde bei dicken Mäusen behindert und zwar durch das Wachstum bestimmter interzellulärer Organellen, sogenannter Peroxisome. So wird einer Aktivierung der Neuronen vorgebeugt und das Gefühl der Sättigung bleibt aus.

Zweischneidiges Schwert

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet auch "Wissen aktuell", Mo., 29.08.2011, 13:55 Uhr

Der Grund für diese nur scheinbar paradoxe körperliche Reaktion liegt den Forschern zufolge in der Natur besagter freier Radikale. Denn nicht ganz zu Unrecht haben die bei Stoffwechselprozessen entstehenden Molekülfragmente einen schlechten Ruf. Die unvermeidlichen Zwischenprodukte sind hochreaktiv und aggressiv. Sie schädigen Zellen, gelten als hauptverantwortlich für den Alterungsprozess und sollen im Extremfall sogar krank machen. Die Theorie ist nicht ganz unumstritten und mittlerweile gibt es einzelne Ergebnisse, die nahelegen, dass geringe Mengen dieser Stoffwechselprodukte durchaus positive Wirkungen haben können und dass sich der Körper vor dem dadurch entstehenden oxidativen Stress auch ganz gut selbst schützen kann.

Genau hier liegt auch die Erklärung für die neuen Studienergebnisse, wie die Autoren ausführen. "In Reaktion auf das ständige Überessen tritt ein zellulärer Mechanismus in Kraft, der die Entstehung der freien Radikale unterdrückt", so die Hauptautorin Sabrina Diano. So versucht sich der Körper vor Zellschäden zu schützen.

Was dabei herauskommt, nennt Horvath ein Dilemma: "Auf der einen Seite braucht man die Signalwirkung der Stoffwechselprodukte, um mit dem Essen aufzuhören, auf der anderen Seite könnten sie nachhaltigen Schaden anrichten und den Alterungsprozess vorantreiben." Aber indem sich der Körper davor schützt, verliere er sein Gefühl für Hunger und Sättigung. Wie Übergewichtige dieses zurückgewinnen könnten, bleibt allerdings auch nach dieser Studie offen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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