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Künstlerische Darstellung von Zellen/Mikroben

Darmbakterien: "Stoppt das Töten"

Dass der regelmäßige Gebrauch von Antibiotika multiresistente Keime erzeugt hat, ist allgemein bekannt. Zu wenig Beachtung findet indes die Tatsache, dass Antibiotika auch unsere Darmflora nachhaltig schädigen - ein Mediziner schlägt Alarm.

Medizin 29.08.2011

Ein durchschnittlicher Jugendlicher aus Europa oder den USA hat im Alter von 18 Jahren zehn bis 20 Antibiotika-Kuren absolviert. Der Einsatz antibakterieller Medikamente dürfte zwar zur gestiegenen Lebenserwartung in den reichen Industrienationen beigetragen haben. Aber die Annahme, dass Antibiotika prinzipiell harmlos seien, habe zu einem übertriebenen Einsatz der Arzneistoffe geführt, kritisert Martin Blaser in der aktuellen Ausgabe von "Nature".

Der Artikel

"Stop the killing of beneficial bacteria", Nature (Bd. 476, S. 393; doi:10.1038/476393a).

Der Forscher vom New York University Langone Medical Center sorgt sich um unsere Darmflora, die durch den inflationären Einsatz der Antibiotika-Keule Schaden genommen hat - offenbar nachhaltigen Schaden, wie er bereits im Titel seines Aufsatzes klar machen will: "Stop the killing of beneficial bacteria".

Allergien und Gewichtszunahme

Der Bakteriologe hat im Rahmen seiner Forschungen Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmflora dokumentiert. Heliobacter pylori war etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts der dominante Keim in unserem Verdauungstrakt, nun, 100 Jahre später, tragen ihn nur mehr sechs Prozent aller Kinder in ihrem Inneren, wie eine Untersuchung in den USA, Schweden und Deutschland zeigt.

Heliobacter pylori mag zwar das Risiko für Magengeschwüre und auch für Magenkrebs erhöhen, aber dessen totale Absenz ist noch viel mehr ein medizinischer Problemfall, wie Blaser schreibt: Der Keim sei etwa für die Regulation der Hormone Grehlin und Leptin verantwortlich, die eine entscheidende Rolle bei der Balance zwischen Appetit und Sättigung spielen. Dazu passt eine Studie, die festgestellt hat, dass niedrige Dosen von Antibiotika Masttiere und Mäuse langfristig schwerer machen. Man könnte auch sagen: dicker.

Anderen Untersuchungen zufolge entwickeln viele Patienten in Ermangelung des Bakteriums Asthma und Allergien. Heliobacter pylori ist Blaser zufolge keineswegs die einzige Mikrobe, die für die Gesundheit wichtig ist. Die Veränderung der Darmflora habe diese etwa auch verwundbarer gemacht gegenüber pathogenen (und potenziell tödlichen) Eindringlingen wie etwa Staphylococcus aureus und Chlostridium difficile.

Blaser fordert einen kritischeren Umgang mit Antibiotika und hofft auf den Fortschritt der Forschung - Wirkstoffe, die Krankheitserreger spezifisch angreifen und die übrigen Darmsymbionten unbeschadet lassen. Besserung für das Gedärm könnten auch Regenerationskuren bringen. Entweder indirekt angewandt, über wirksame Probiotika, oder direkt: durch Bakterien-Impfungen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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