Standort: science.ORF.at / Meldung: "Warum sich Frauen nicht orientieren können"

Vier männliche Figuren schauen auf eine weibliche.

Warum sich Frauen nicht orientieren können

Es gibt endlos viele Witze, sogar Bücher wurden schon darüber geschrieben, warum Frauen nicht einparken, nicht Stadtpläne lesen, sich nicht orientieren können - kurz, warum es ihnen an räumlicher Wahrnehmungsfähigkeit mangelt. US-Forscher glauben nun, die Erklärung gefunden zu haben: Es liegt an der Gesellschaft.

Geschlechterunterschiede 30.08.2011

In einer vergleichenden Studie fanden sie heraus, dass in einer weiblich dominierten Gesellschaft die Unterschiede zwischen Mann und Frau verschwinden. Auch Bildung verhilft zu einem ausgeprägteren Orientierungssinn, schreiben Moshe Hoffman von der Universität Kalifornien in San Diego und Kollegen in ihrer Studie.

Die Studie:

"Nurture affects gender differences in spatial abilities" ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences"
(doi:10.1073/pnas.1015182108) erschienen.

Natur und Kultur

Die Wogen gingen hoch, als 2005 der damalige Präsident der Elite-Universität Harvard, Lawrence Summers, in einer Rede meinte, dass es deswegen nicht so viele Forscherinnen in den Natur- und Technikwissenschaften gebe, weil ihnen dazu - verkürzt gesagt - die Begabung fehle. Schon bei den Mädchen merke man in der Schule, dass sie Mathematik, Physik und Chemie nicht interessiere - das müsse man eben zur Kenntnis nehmen.

"Nature vs. Nurture" - eine alte Debatte in der Wissenschaft, die bis heute weder entschieden ist noch an Relevanz verloren hat. Was beeinflusst die Entwicklung eines Menschen mehr, die Natur in Form von Veranlagung oder die Kultur, also die gesellschaftlichen Umstände? Eine Antwort auf diese Frage zu finden scheint kaum möglich, schließlich wirken beide Faktoren immer gleichzeitig.

Dementsprechend ließ sich auch die Diskussion über die Fähigkeit zur räumlichen Wahrnehmung bei Frauen nicht eindeutig entscheiden. Während die einen - wie der Ex-Harvard-Präsident - nicht müde werden zu betonen, dass Frauen eben anders veranlagt seien, führen die anderen ins Treffen, dass Mädchen schon mit dem Stereotyp aufwachsen, dass sie sich bei räumlichen Aufgaben schwerer tun - eine "self fulfilling prophecy" sozusagen.

Ein Punkt für die Kultur

Der Ökonom Moshe Hofmann und seine Kollegen melden nun, dass die Kultur im Match gegen die Natur einen Punkt für sich verzeichnen könne. Den Forschern gelang es, zwei Stämme im Nordosten von Indien ausfindig zu machen, die sich genetisch stark ähneln.

Einen grundlegenden Unterschied gibt es aber zwischen den Karbi und den Khasi: Erstere sind eine patrilineare Gesellschaft, d.h. Frauen dürfen kein Land besitzen, alles Hab und Gut wird an die Söhne weitergegeben etc. Bei den Khasi hingegen entscheiden die Frauen: Sie besitzen das Land bzw. geben es an die jüngste Tochter weiter, Männer müssen ihren Verdienst an die Frauen aushändigen.

Puzzle-Test

Der Puzzletest

PNAS

Die Aufgabe: Vier Puzzleteile mussten zu einem Bild zusammengefügt werden.

Insgesamt 1.279 Vertreter der beiden Stämme nahmen am Test der Forscher teil: Um die Fähigkeit zu räumlichen Denken zu überprüfen, mussten sie ein Puzzle zusammenstellen - für die Testpersonen eine völlig neue Aufgabe. Schafften sie es unter einer halben Minute, wurden sie finanziell dafür belohnt.

Die Ergebnisse sind verblüffend: Männer des patrilinearen Stammes brauchten um 36,4 Prozent weniger Zeit zum Lösen der Aufgabe als die Frauen. Bei den Testpersonen des frauendominierten Stammes gab es hingegen keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die Männer waren nicht schneller als die Frauen. Einen deutlichen Zusammenhang konnten die Forscher hingegen mit den Bildung beobachten: Ein Jahr Bildung brachte einen Zeitgewinn von im Schnitt 4,3 Prozent.

Nur gleich oder "besser"?

"Bildung und eine frauenfreundliche Gesellschaft" sehen die Forscher um Moshe Hoffman als Voraussetzungen dafür, dass auch die weibliche Hälfte der Bevölkerung bei Aufgaben, die ihnen scheinbar "nicht liegen", besser abschneiden. Allerdings bleibt die Frage offen, ob eine egalitäre Gesellschaft reichen würde - oder, wie im Fall der Khasi, die Macht in weiblichen Händen sein muss.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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