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Ein Kohlmeisenweibchen füttert ein Juges

Im Stadtlärm singen Vögel höher

Stadtlärm macht nicht nur Menschen zu schaffen, auch Tiere leiden darunter. Eine neue Studie zeigt: Um sich im Getöse bei ihren Partnerinnen Gehör zu verschaffen, singen männliche Kohlmeisen ihre Lieder in einer höheren Tonlage. Und dies macht sie bei den Weibchen weniger attraktiv.

Verhaltensforschung 29.08.2011

An lauten Standorten könne die "Lärmverschmutzung" so womöglich den Fortpflanzungserfolg der Vögel schmälern, berichten niederländische Forscher.

Die Studie:

"Low-frequency songs lose their potency in noisy urban conditions ist in den "Proceedings" der Nationalen Akademie der Wissenschaften erschienen (sobald online).

Tiefe Gezwitscher für den Fortpflanzungserfolg

Lärm ist in Städten und deren unmittelbarer Umgebung alltäglich. Zahlreiche Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass die Geräusche von Straßen, Flughäfen oder Industriegebieten nicht nur viele Menschen plagen, sondern sich auch negativ auf die Kommunikation vieler Tierarten auswirken.

Vögel wie die Kohlmeisen haben besonders damit zu kämpfen, dass ihre Gesänge nicht mehr gehört werden. Denn ein Großteil des menschlichen Lärms ist eher tieffrequent - und damit in dem Klangbereich, in dem die männlichen Vögel um ihre Weibchen werben.

Gerade der tiefe Gesang sei für die Weibchen scheinbar attraktiv, da er eine robuste Verfassung des Sängers signalisiere, heißt es in der Studie. Außerdem übertrage er sich gut durch die Vegetation und vermutlich auch in die Nisthöhlen hinein.

Analyse am frühen Morgen

Das Team um Wouter Halfwerk von der Universität Leiden untersuchte nun die Auswirkungen des Großstadtlärms auf das Paarungsverhalten von Kohlmeisen (Parus major). Sie beobachteten dazu vorerst Tiere in dem im Norden der Niederlande gelegenen Nationalpark Dwingelderveld und analysierten die Gesänge in der Morgendämmerung.

Dabei stellten sie zunächst fest, dass die Männchen kurz vor der Eiablage am tiefsten singen. Die Weibchen reagierten in dieser Zeit besonders schnell mit Rufen und zeigten sich am Nesteingang. Normalerweise verlassen sie das Nest, um sich mit dem Männchen zu paaren.

Die weibliche Vorliebe für eher brummige Männchen erklären sich die Forscher so: Da schlechte Lichtverhältnisse und andere Faktoren die visuellen Informationen über die reproduktiven Fähigkeiten von Männchen behindern können, verlassen sie sich auf die akustischen Signale. Wenn dann aber der Stadtlärm dazukommt, scheint diese Strategie nicht aufzugehen.

Dilemma für die Männchen

Als die Forscher in einem zweiten Schritt nämlich typische Lärmgeräusche in der Nisthöhle abspielten, zeigte sich, dass die Weibchen eher auf einen höheren Gesang der Männchen reagierten und am Eingang des Nests auftauchten. Die tieferen Gesänge schienen sie nicht so gut zu hören.

Für die Männchen zahle es sich also durchaus aus, ihren Gesang zu verändern, schreiben die Forscher. Andererseits zeigten Untersuchungen des Nachwuchses, dass Männchen, die besonders häufig tief gesungen hatten, weniger oft von den Weibchen betrogen wurden: Sie hatten keine Kuckuckskinder im Nest.

Die männlichen Kohlmeisen stehen damit vor einem Dilemma: Entweder werden sie besser gehört, aber eher betrogen, oder schlechter gehört, aber mit Treue belohnt. Der Lärm der Städte unterlaufe somit den selektiven Vorteil eines tiefen Gesangs, schreiben die Forscher.

Außerdem paarten sich Weibchen möglicherweise vermehrt mit weniger robusten Männchen, die höher singen. Diese zeugten eventuell weniger oder weniger fitten Nachwuchs.

science.ORF.at/dpa

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