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Schädel des neuen Menschenvorfahren Australopithecus sediba

Der Wegbereiter aus Malapa

Vor drei Jahren haben Forscher in Südafrika Überreste eines bis dahin unbekannten Vormenschen namens "Australopithecus sediba" entdeckt. Er ist laut neuen Analysen ein Affe mit menschlichen Zügen (oder umgekehrt) - und möglicherweise der evolutionäre Wegbereiter der Gattung Homo.

Evolution 09.09.2011

Wenn Anthropologen neue Knochenfunde in den großen Fachjournalen "Nature" und "Science" präsentieren, dann geht es dabei längst nicht nur mehr um Daten, Fakten, Wissenschaft. In diesem Fall läuft auch eine gut geölte Medienmaschine an, die Funde und Analysen im rechten Licht darstellen soll. Das war etwa im Oktober 2009 so, als Knochen des 4,4 Millionen Jahre alten Affenmenschen Ardipithecus ramidus präsentiert wurden.

Und das ist auch diesmal so: Im Fachblatt "Science" widmen sich gleich fünf Studien dem Vormenschen Australopithecus sediba, dazu kredenzt die weltweit größte wissenschaftliche Gesellschaft AAAS als Herausgeberin des Journals jede Menge Aussendungen, Podcasts, Grafiken und Hintergrundinformationen.

Auffallend dabei: An Superlativen wird nicht gespart. Und die an den Studien beteiligten Forscher sagen alle dasselbe. Die Arbeiten widmeten sich der Analyse zweier Skelette, heißt es etwa in einer Aussendung, "inklusive der komplettesten Hand, die jemals bei frühen Homininen gefunden wurde, sowie der komplettesten Hüfte, die jemals entdeckt wurde".

Weiter: "Der genauste und mit der bisher höchsten Auflösung durchgeführte Hirnscan menschlicher Vorfahren." Da können die Kollegen aus der geochemischen Abteilung nicht nachstehen: "Eine, wenn nicht sogar die genauste Datierung eines Fundortes in Afrika." Zieht man die universitäre PR-Affirmation ab, bleibt immer noch genug übrig: Die Fossilien sind 1,97 Millionen Jahre alt, bemerkenswert gut erhalten und werfen in der Tat neues Licht auf die Menschheitsgeschichte.

Filius findet Fossilien

Im Jahr 2008 suchte der südafrikanische Anthropologe Lee Berger per Google Earth nach möglichen Fundstellen in seinem Heimatland und machte unter anderem eine mit Sediment gefüllte Höhle 30 Meilen nordwestlich von Johannesburg ausfindig. Kurz darauf unternahm er mit seinem damals neunjährigen Sohn eine Exkursion zum Fundort namens Malapa.

Seinem Sohn Matthew, so erzählt Berger, sei an diesem Tag der erste Fund gelungen. Er habe das Fragment eines menschlichen Schlüsselbeines entdeckt, weitere Grabungen förderten dann eine Fülle von Fossilien zutage: die Knochen von mindestens 25 Tierarten - darunter Säbelzahnkatzen, Antilopen und ein Pferd, sowie 220 Knochen von bis zu fünf Menschen, die allesamt der neuen Art Australopithecus sediba zugerechnet wurden.

Neuer Handwerker der Menschenlinie

Links: Handvergleich Mensch und Australopithecus sediba.
Rechts: Lee Berger mit fossilem Schädel

Lee Berger, University of Witwatersrand

Australopithecus sediba vs. Homo sapiens. Rechts: Lee Berger mit Fundstück

Zwei dieser Skelette, das einer rund 30-jährigen Frau sowie das eines zirka zehn Jahre alten Kindes, haben die Forscher nun genauer unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse weisen den Australopithecus sediba als eigenartiges Mischwesen von Mensch und Affe aus. Der Fuß ist beispielsweise ein Mosaik archaischer und moderner Features, die anatomisch nicht wirklich zusammenpassen, sofern man die bisherigen Funde als Maßstab nimmt.

"Wären die Fußknochen nicht als Teil eines Fossils gefunden worden, dann hätte man sie wohl verschiedenen Arten zugerechnet", sagt Bernhard Zipfel von der University of Witwatersrand. Seine Conclusio: Australopithecus sediba beherrschte bereits die bipede Gangart. Nichts desto trotz wusste sich der Vormensch auch auf Bäumen zu bewegen. Das zeigt die Anatomie seiner Vorderextremitäten: Die Arme sind lang und - evolutionär betrachtet - primitiv bzw. äffisch.

Die Hände wiederum sind äußerst menschlich: Kurze Finger, langer Daumen - die idealen Voraussetzungen für einen Präzisionsgriff nach Menschenart. Homo habilis, der "Geschickte", galt unter den Vorfahren des modernen Menschen bislang als das evolutionäre Rolemodel, wenn es um Fingerfertigkeit und Werkzeuggebrauch ging. Nun könnte ihm Australopithecus sediba diesbezüglich den Rang ablaufen.

Berger und Co zufolge hatte der Vormensch aus der Höhle von Malapa noch bessere Voraussetzungen für handwerkliche Aufgaben als sein prominenter Vetter. Werkzeuge wurden bislang noch keine gefunden, aber dessen Anatomie spricht stark dafür, dass es im Sediment noch etwas zu holen gibt.

Kleines, feines Gehirn

Das ist nicht zuletzt auch deswegen wichtig, weil die Hände, ihrer Natur nach Handlungsorgane, als pragmatische Verlängerung des menschlichen Geistes gelten. Letzterer war, folgt man den Interpretationen des Forscherteams, bereits bei Australopithecus sediba in Vorstufen mit hominider Helligkeit ausgestattet. Zumindest zeigen Schädelscans, dass er einen voluminösen Frontallappen mit moderner Neuroanatomie hatte.

Auch Windungen im vorderen Bereich des Gehirns sind, anders als bei Affen, sehr ausgeprägt - eine Region, die bei uns Menschen Sozialverhalten und Sprache kontrolliert. Ein anatomisches Mosaik aus Altem und Neuem ist der Schädel, wie der Rest des Körpers, dennoch: Das Hirnvolumen des 10-jährigen Kindes beträgt nur 440 Kubikzentimeter, was dafür spricht, dass sich das Gehirn im Lauf der Evolution zunächst reorganisiert hat und erst dann im Volumen gewachsen ist.

Homo-Vorläufer - oder nicht?

Eine große Streitfrage können die fünf Studien nicht endgültig beantworten: War Australopithecus sediba der direkte Vorläufer der Gattung Homo? "Muddle in the middle" nennt Lee Berger die noch nicht ausreichend ausgeleuchtete Übergangszone zu den Hominiden: "Wir behaupten nicht, dass er der direkte Vorfahre war. Aber wenn man alle Ergebnisse zusammen nimmt, dann ist er wohl der wahrscheinlichste Vorfahre."

Yoel Rak, ein Paläoanthropologe von der Tel-Aviv-Universität, sieht das etwas anders. Für ihn sehen die Fossilien eher nach Austalopithecus africanus aus. Er würde sie daher weiter unten im Stammbaum einordnen - jedenfalls nicht an jener Leerstelle, die direkt zur Linie der Gattung Homo führt.

Das ist Teil einer sich regelmäßig wiederholenden Wissenschaftsfolklore: Kollaborative Forschung erzeugt einen Chor von Stimmen im Gleichklang. Kritische Kommentare kommen indes nur von jenen, die an der Gruppenarbeit nicht teilgenommen haben. Der Konsens folgt dann mit Verspätung. In Fachzirkeln, abseits des medialen Rampenlichts.

Robert Czepel, science.ORF.at

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