Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wien ist sehr unterschiedlich heiß"

Ein Jugendlicher springt auf der Wiener Donauinsel ins Wasser.

Wien ist sehr unterschiedlich heiß

Spätsommerlich warm ist es in den nächsten Tagen in Österreich. Vor zwei Monaten, Anfang Juli, war es noch heißer: Forscher haben sich damals mit Fahrrädern auf den Weg gemacht, um die heißesten und kühlsten Orte von Wien genau zu lokalisieren. Die Unterschiede der Temperatur am gleichen Tag sind erstaunlich - sie betragen bis zu vier Grad.

Wetter 13.09.2011

Ein ungewöhnliches Feldexperiment

Der durch Menschenhand verursachte Klimawandel findet bereits statt, im Alpenraum aber auch am Alpenostrand ist bis zum Jahr 2100 mit einer weiteren Erhöhung der Mitteltemperatur von drei Grad Celsius zu rechnen, mehr als im globalen Mittel. Besonders betroffenen sind die Belastungsklimazonen in der Stadt, wo besonders in den Sommermonaten die Hitze durch versiegelte Flächen und die Bebauung noch verstärkt wird.

Anpassungsstrategien sind gefragt, die Klimaabteilung der Zentralanstalt für Meteorologie (ZAMG) hat in einem ungewöhnlichen Feldexperiment die Temperaturverteilung der Stadt an einem Sommertag nachgezeichnet.

Die mittels Computersimulationen berechneten Temperaturverteilungen der Stadt wurden mittels einer wissenschaftlichen Radltour überprüft, und es sollte die Frage geklärt werden, ob diese Simulationen mit der Realität, mit gemessenen Lufttemperaturen, übereinstimmen.

Elf Klimaforscher auf dem Fahrrad

Zur gleichen Zeit schwirrten am 7. Juli 2011 elf radfahrbegeisterte Klimatologen der ZAMG mit Temperatursensoren aus, um über eine Strecke von insgesamt 300 Kilometern die Lufttemperaturen der Stadt zu messen.

Temperaturunterschiede von Stadt und Wald, von Gleiskörpern und deren Umgebung wurden mit Routen wie der "Wienerwaldtour" oder der "Bahnhofstour" abgedeckt.

Die Rad-Messfahrten durch Wien

ZAMG

Die Messfahrten mit den Fahrrädern durch Wien

Die Fahrräder waren mit einem Temperatursensor und einem GPS-Gerät ausgestattet, welche im Fünf-Sekunden-Intervall die Temperatur und den dazugehörigen Standort registrieren.

Kühle Lobau, heiße Triesterstraße

Die Fahrraddhalterung: eine Klorolle als Strahlungsschutz und als Träger des Temperatursensors

ZAMG

Die Fahrraddhalterung: eine Klorolle als Strahlungsschutz und als Träger des Temperatursensors

Die Ergebnisse der über drei Stunden dauernden Studie waren zum Teil verblüffend: Sind Sie etwa an einem Sommernachmittag auf der Suche nach dem kühlsten Ort der Stadt, liegen Sie zwar mit einem lauschigen Platzerl im Wienerwald nicht falsch, genauso kühl ist es aber auch in der Lobau.

Der Höhenunterschied macht also hier nicht den Unterschied, der Wald bringt den hauptsächlichen Kühleffekt. Auch Donauinsel, Donaukanal und der Wiener Prater bringen ähnliche Abkühlung.

Als hot spots haben sich bei der wissenschaftlichen Radltour in Wien nicht, wie man denken würde, die Innere Stadt oder stark bebaute Gebiete wie der Bezirk Josefstadt herauskristallisiert, denn hier macht der Abschattungseffekt der hohen Gebäude einen Teil des Wärmeinseleffektes wieder zunichte. Hitzepole sind flache versiegelte Flächen wie Donaufeld oder die Ausfahrtstraße nach Süden, die Triesterstraße. An diesen Plätzen ist die Lufttemperatur um vier Grad höher als an den schattigen Plätzen.

Temperaturen in Wien, Messfahrt vom 7.7.2011

ZAMG

Temperaturen in Wien, Messfahrt vom 7.7.2011

Immer mehr Hitzetage

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 13.9., 13:55 Uhr.

Insgesamt haben die experimentellen Daten recht gut mit den simulierten Modellen der Temperaturen zusammengestimmt.

Die Ergebnisse, die von der Zentralanstalt für Meteorologie erstellt worden sind, können für Stadtplaner wertvolle Erkenntnisse liefern, wenn es um zukünftige städtebauliche Maßnahmen geht: etwa um den Hitzeeffekt durch versiegelte Flächen nicht noch weiter zu erhöhen.

An der ZAMG wird ein Stadtklimamodell betrieben, welches versucht, der Frage der Wärmeinselbildung und einer zu erwartenden Temperaturerhöhung im Zuge des Klimawandels auf den Grund zu gehen.

Dabei werden mit einem Klimamodell vergangene, gegenwärtige und vor allem auch zukünftige Klimaszenarien errechnet. Die Berechnungen des Stadtklimamodells zeigen, dass bis Mitte des Jahrhunderts eine mäßige und bis Ende des Jahrhunderts eine starke Zunahme der Hitzetage in Wien zu erwarten ist.

Rainer Schultheis, Ö1 Wetter

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