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Pizzastück mit Salami und geschmolzenem Käse

Dicke sehen Pizza anders

Hunger ist nicht nur der beste Koch, er verändert auch die visuelle Wahrnehmung von Speisen. Das gilt gleichermaßen für Normal- und Übergewichtige - mit einem Unterschied: Letztere sehen Pizza & Co. auch dann noch mit hungrigen Augen, wenn sie bereits satt sind.

Wahrnehmung 20.09.2011

Rund ein Viertel aller Kinder unter fünf Jahren ist laut WHO in den Entwicklungsländern unterernährt. So gesehen ist es fast ein Hohn, dass es in der industrialisierten Welt spezialisierte Journale wie etwa das Fachblatt "Obesity" gibt, die sich einzig und allein der Fettleibigkeit widmen.

Medizinisch betrachtet ist die Erforschung des Übergewichts gleichwohl eine Notwendigkeit. Nicht zuletzt die WHO selbst spricht von einer Fett-Epidemie, die vor allem in den reichen Staaten um sich greife. Wobei auch der Anteil der Dicken in den Entwicklungsländern zu steigen droht - trotz der nach wie vor bestehenden Armut und Unterernährung großer Bevölkerungsteile.

Macht der Bilder

Die Studie:

"Circulating glucose levels modulate neural control of desire for high-calorie foods in humans", Journal of Clinical Investigation (doi: 10.1172/JCI57873).

Die Ursachen sind vielfältig: Fehl- und Überernährung spielen ebenso eine Rolle wie Bewegungsarmut und psychische Faktoren. Forscher um Robert Sherwin von der Yale School of Medicine haben nun einen Aspekt beleuchtet, der in der Vergangenheit möglicherweise zu wenig beachtet wurde: die visuelle Omnipräsenz von kalorienreichem Essen, sei es nun in natura oder auf Bildern. Dicke Menschen können ihren Untersuchungen zufolge weniger gut mit den auf sie einströmenden Reizen umgehen, sie leiden unter einer Art neuronalem Kontrollverlust.

Physiologischer Startpunkt des Hungergefühls ist das Niveau des Blutzuckerspiegels im Gehirn. Im Hypothalamus sitzen spezialisierte Nervenzellen, Zuckersensoren, die im Falle sinkender Energieversorgung ein Signal an zwei weitere Hirnbereiche, die Inselrinde und das Striatum, weiterleiten.

Beide Regionen sind alte Bekannte aus der Hirnforschung: Sie sind Teil des Belohnungssystems des menschlichen Hirns und erzeugen das Verlangen nach Essen, das, je nach Stärke des Hungers, auch schon mal die gesamte Wahrnehmung in Geiselhaft nehmen kann.

Wer etwa die Hungerszene in Henry Millers "Stille Tage in Clichy" aus dieser Perspektive betrachtet, weiß: Hier laufen Insula und Striatum auf Hochtouren. Diese Reaktion ist, wie Sherwin und seine Kollegen herausgefunden haben, bei Dicken und Normalgewichtigen nicht wesentlich unterschiedlich.

Kontrollverlust nachgewiesen

Steigt der Glucose-Level im Gehirn wieder, sollte sich die Wahrnehmung normalisieren, die Sinne sich wieder anderen Dingen zuwenden, das Essen an Anziehungskraft verlieren. Verantwortlich dafür ist der präfrontale Cortex, er ist quasi die Essbremse im System.

Wie die US-Forscher im "Journal of Clinical Investigation" schreiben, ist diese Bremse bei Übergewichtigen zum Teil außer Kraft gesetzt. Das zeigte sich insbesondere, wenn die Probanden Bilder besonders kalorienhaltiger Nahrung betrachteten - beispielsweise Pizza, Pommes, Chips, Cookies und Eiscreme.

Während die Normalgewichtigen bei hohem Blutzuckerspiegel für diese Reize nur bedingt empfänglich waren, blieb im Hirn der Dicken das Signal der Begierde aktiv. Ob der Kontrollverlust Ursache oder Wirkung des Übergewichts ist, beantwortet die Studie nicht.

Robert Czepel, science.ORF.at

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