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Eine Euro-Münze

War der Euro ein Fehler?

War der Euro eine Fehlkonstruktion? Wie ist die Schuldenkrise entstanden, und wie kommen wir aus ihr wieder raus? Nicht nur die Politik beantwortet diese Fragen sehr unterschiedlich, sondern auch die Wissenschaft - wie sich bei science.ORF.at-Interviews fünf namhafter Ökonomen zeigt.

Ökonomen-Befragung, Teil 1 21.09.2011

Basisfragen in drei Teilen

science.ORF.at hat vier Ökonomen und eine Ökonomin schriftlich eine Reihe sehr grundlegender Fragen zur aktuellen Wirtschaftssituation und zum Zustand der Wirtschaftswissenschaft gestellt. Die Antworten werden in den nächsten Tagen in drei Teilen veröffentlicht.

Die fünf Befragten:

Porträtfoto von Helene Schuberth

Österreichische Nationalbank

Helene Schuberth ist Senior Advisor an der Hauptabteilung Volkswirtschaft der Oesterreichische Nationalbank.

Joachim Becker

Wirtschaftsuniversität Wien

Joachim Becker ist Professor am
Institut für Außenwirtschaft und Entwicklung, Department Volkswirtschaft, an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Porträtfoto von Bernhard Felderer

APA - Herbert Neubauer

Bernhard Felderer ist Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS).

Porträtfoto von Fritz Breuss

Wirtschaftsuniversität Wien

Fritz Breuss ist Jean Monnet Professor für wirtschaftliche Aspekte der Europäischen Integration an der Wirtschaftsuniversität Wien und Projekt-Mitarbeiter im Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO).

Porträtfoto von Philipp Bagus

Philipp Bagus

Philipp Bagus ist Assistenzprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Juan Carlos Universität in Madrid und Autor des Buches "Die Tragödie des Euro".

Auf sehr grundlegende Fragen zur Wirtschaftskrise - wie jene zum Euro - geben Helene Schuberth, Bernhard Felderer, Fritz Breuss, Joachim Becker und Philipp Bagus zum Teil grundlegend unterschiedliche Antworten.

1) In welcher Art Wirtschaftskrise befinden wir uns gerade? Einer Schuldenkrise der Staaten? Einer Bankenkrise? Einer Eurokrise ...?

Helene Schuberth: Systemische Finanzkrisen zeichnen sich im Unterschied zu traditionellen Rezessionen dadurch aus, dass sie in drei Phasen auftreten. Einer Banken- und Finanzkrise folgt in der Regel eine schwere Rezession. Letztere sowie die Kosten der Stabilisierung des Finanzsystems und der Wirtschaft lassen sodann die Staatsschulden rasch steigen. Laut jüngster Prognose der Europäischen Kommission wird die Staatsschuldenquote im Euroraum 2012 (von 66% im Jahr 2007) auf knapp unter 90% ansteigen. Das ist ein vergleichsweise moderater Anstieg, hatten sich doch im Durchschnitt der vergangenen Finanzkrisen innerhalb von drei Jahren nach Krisenausbrauch die Staatsschulden beinahe verdoppelt. Während die ersten beiden Phasen, Banken- und Wirtschaftskrise, zunächst erfolgreich abgeschwächt werden konnten, gilt es heute, die Wirkungen der Staatsschuldenkrise auf Finanzsystem und Konjunktur einzugrenzen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Schuldenkrise einiger Länder als Eurokrise wahrgenommen wird.

Joachim Becker: Die Krise ist eine umfassende Wirtschaftskrise. In vielen Ländern ist angesichts stagnierender oder gar rückläufiger Reallöhne Konsum zunehmend über Kredite finanziert worden. Auf internationaler Ebene sind die Exportüberschüsse Deutschlands oder Chinas faktisch durch den Kapitalexport der beiden Länder finanziert worden. Spiegelbildlich schlug sich das in steigender Auslandsverschuldung Süd- und Osteuropsa bzw. der USA nieder. Mangels ausreichender produktiver Investitionsmöglichkeiten flossen immer größere Mittel auf immer komplexere Kapitalmärkte. Zu der umfassenden Wirtschaftskrise kommt eine sich verschärfende ökologische Krise noch hinzu.

Bernhard Felderer: Wir haben eine mehrfache Krise. Im Hintergrund läuft der Konjunkturzyklus, der seinen Höhepunkt überschritten hat und sich leicht abgeschwächt hat. Wir haben aber auch eine Schuldenkrise, die diese Entwicklung beschleunigt und dazu führt, dass die Investitionen in mehreren europäischen Staaten nachlassen. Eine Bankenkrise haben wir noch nicht, da die Banken heute besser kapitalisiert sind als 2008, aber ausgeschlossen ist sie nicht. Eine Eurokrise haben wir auch, weil zwei bis drei Mitglieder der Eurozone ihre Schulden nicht zurückzahlen können.

Fritz Breuss: Begonnen hat alles mit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise (GFW) 2008/09. Als Reaktion darauf wurden massive Konjunktur- und Bankenrettungspakete geschnürt. Die Folge war ein steiler Anstieg der Staatsschulden. Während sich die Realwirtschaft (die Konjunktur) seit Mitte 2009 zügig erholte - besonders in Deutschland und Österreich - wurden die steigenden Staatsschulden zu einem immer größeren Problem - vor allem in den PIIGS (Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien), wobei von Griechenland die größte Gefahr ausgeht. Derzeit sind wir also in einer veritablen Schuldenkrise, die sich, wenn sie durch die diversen Rettungsschirme der Eurozone nicht gelöst wird, auch wieder zu einer Bankenkrise auswirken könnte. Der Euro ist hingegen nicht grundsätzlich in Gefahr - es sei denn, Griechenland geht tatsächlich pleite.

Philipp Bagus: Die expansive Geldpolitik in den 2000er Jahren führte zu Fehlinvestitionen. Die Staaten sozialisierten die Kosten der Fehlinvestitionen durch Rettungen von Banken und anderen Unternehmen. Gleichzeitig gingen die Steuereinnahmen zurück. Die notwendige Anpassung der Wirtschaftsstruktur verzögerte sich und die Staatsverschuldung schoss in die Höhe. Die Banken finanzieren die Staaten und kommen so wieder in Bedrängnis. Um die Schuldenberge zu bewältigen wird der Euro inflationiert. Antwort daher: alle.

2) War der Euro eine "Fehlkonstruktion"? Warum bzw. warum nicht?

Helene Schuberth: Die Europäische Währungsunion war im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens durchaus erfolgreich, wie die Daten untermauern. Die Krise hat allerdings die Schwächen der wirtschaftspolitischen Koordinierungsarchitektur offen zu Tage treten lassen, Mängel, die im Übrigen seit mittlerweile zwei Jahrzehnten Gegenstand zahlreicher Analysen sind. Nicht die Währungsunion mit ihren mittlerweile 17 teilnehmenden Staaten ist somit das Problem, sondern der Umstand, dass bislang geeignete Instrumente fehlten, die die realwirtschaftliche Konvergenz und fiskalische Nachhaltigkeit der Länder förderten. Dazu zählen in erster Linie Instrumente zur Korrektur makroökonomischer Ungleichgewichte und nachhaltige, wachstumsfördernde fiskalische Regeln (auch in Kombination mit einer Harmonisierung oder Koordinierung von Steuern). Gesetzesinitiativen zu einigen dieser Instrumente der effizienteren wirtschaftspolitischen Steuerung befinden sich derzeit im Entscheidungsstadium.

Sendungshinweise:

Über die Wirtschaftskrise berichten die Ö1 Journale, Saldo - das Wirtschaftsmagazin und viele andere Sendungen. Hier eine Sammlung von Beiträgen in der ORF TVthek.

Joachim Becker: Der Euro stellte die sehr ungleichen wirtschaftlichen Bedingungen und Strukturen der Eurozonen-Länder nicht in Rechnung. Die großen und sich verschärfenden Handelsungleichgewichte wurden nicht durch eine gezielte Industriepolitik in den Peripherieländern angegangen. Die Währungsunion wurde nicht durch eine entsprechende politische und fiskalische Union unterfüttert.

Bernhard Felderer: Der Euro ist keine Fehlkonstruktion, seine Einführung war aber ein ungewöhnlicher Schritt, da es noch keine "optimal currency area" gegeben hat. D.h. die Wirtschaftsstärke zwischen dem Norden und Süden Europas war noch sehr inhomogen, aber das war allen klar. Der Euro war gedacht als Vehikel zur weiteren Integration. Das wäre er gewesen, wenn sich alle Staaten an die Maastricht-Kriterien der Budgets gehalten hätten. Selbst die Urheber des Stabilitätspakts, die Deutschen und Franzosen, haben diese Kriterien aber verletzt. Und das war Ländern wie Italien und Griechenland, die sich ohnehin mit Stabilität schwertun, ein willkommener Anlass, sich auch nicht daran zu halten. Die aktuelle Krise ist genau dem zu verdanken.

Fritz Breuss: Der Euro bzw. die dazugehörige wirtschaftspolitische Architektur (zentrale Geldpolitik durch die EZB und dezentrale Wirtschafts- vor allem Fiskalpolitik durch die Mitgliedstaaten der EU) war asymmetrisch angelegt und funktionierte die ersten zehn Jahre bis 2007 recht gut. Sie war allerdings nur für eine "Schönwetterperiode" konzipiert. Große Krisen wie die GFW 2008/09 und die anschließende Staatsschuldenkrise überforderte die gegenwärtige Konzeption. Mit den diversen ad hoc Rettungsmaßnahmen fuer Grriechenland, Irland und Portugal wurden Grundsaetze des EU-Lissabon-Vertrags ("No-Bail-out-Klausel") verletzt. Die EZB operiert mit dem Aufkauf von Staatsanleihen zudem am Rande der Legalitaet (Verbot der Finanzierung von Staaten, Unabhaengigkeit).

Philipp Bagus: Ja. Das Eurosystem ist eine Tragödie der Allmende. Verschiedene unabhängige Regierungen können sich eines Zentralbanksystems bedienen, um ihre Defizite zu finanzieren. Sie emittieren Staatsanleihen, welche das Bankensystem kauft und bei der EZB für neue Kredite hinterlegt. Die Geldmenge steigt und die Preise ziehen in der gesamten Währungsunion an. Defizitländer können auf Kosten verantwortlicher Staaten profitieren.

Die Antworten auf weitere Fragen folgen in den nächsten Tagen.

Interviews: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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