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Ein Soldat bewacht ein Hakenkreuz-Enblem

Das Puzzlebild der Nazi-Schuld

Peter Black war 19 Jahre lang als Historiker im Auftrag des US-Justizministeriums dafür zuständig, Einwanderer auf eine mögliche Nazi-Vergangenheit zu überprüfen. Im Interview erklärt er, wie groß die individuelle Schuld sein musste, um ausgebürgert zu werden, und warum Wernher von Braun dennoch in den USA Karriere machen konnte.

Zeitgeschichte 23.09.2011

"Ich habe nur meine Pflicht getan", sagte der ehemalige österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim, als er mit seiner NS-Vergangenheit konfrontiert wurde. Das habe er oft gehört, auch wenn es Menschen gab, die dazu mehr Grund hatten als Waldheim, meint dazu der Historiker.

science.ORF.at: Woher bekamen Sie die Hinweise auf bereits im Land befindliche Kriegsverbrecher?

Der Historiker Peter Black

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Peter Black, geboren 1950, ist seit 1997 Senior Historian am United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington, D.C. Vor dieser Zeit war er Chief Historian bei der Dienststelle für Sonderermittlungen des US-Justizministeriums, wo er von 1978 an 19 Jahre lang tätig war. Über die Arbeit dieser Behörde hielt Peter Black am 22. September 2011 einen Vortrag am Wiener Wiesenthal Institut, in dessen wissenschaftlichem Beirat er sich auch befindet.

Peter Black: Als wir 1979 begannen, hatten wir anfangs eine Liste von 350 Namen, die uns der Einwanderungsdienst übergeben hatte. Dazu bekamen wir Informationen aus der damaligen Sowjetunion. Die Sowjets veröffentlichten damals immer wieder Pamphlete, in denen sie über Mitläufer des NS-Regimes schrieben. Der Sinn dieser Pamphlete war, westliche Staaten bloßzustellen, auf deren Gebiet mutmaßliche Kriegsverbrecher lebten. Für uns interessant waren die darin abgedruckten Originaldokumente wie Ausweise etc. Wir haben auch schnell mit eigenen Recherchen begonnen. Als eines der ersten Dokumente stießen wir auf die SS-Offiziersliste, die in den 1950er Jahren in Berlin zusammengestellt worden war. Wir haben diese Namen und Daten wie Geburtsdatum und -ort mit den Angaben bei unserem Einwanderungsdienst verglichen. Wenn wir einen Treffer hatten, konnten wir ein Verfahren einleiten. Oft war es wie eine Kettenreaktion: Wir recherchierten zu einem Namen und stießen auf eine Liste mit weiteren 20 Personen, die beispielsweise als Wachpersonal bei einem Konzentrationslager gedient hatten.

Wenn Sie einen Treffer hatten: Wie konnten Sie nachweisen, dass es sich bei einer Person, die in die USA eingewandert war, tatsächlich um jenen Wachmann oder SS-Offizier handelte, der auf einer Namensliste der Einheit X stand? Welche Rolle spielten dabei die Opfer?

Die Opfer konnten die im Verhältnis relativ kleinen Fische, die in die USA gekommen sind, nicht wiedererkennen. Selbst wenn doch, war es oft von wenig Hilfe, weil sie relativ leicht zu verunsichern waren. Wir stützten uns deshalb in erster Linie auf Urkunden wie z.B. Mannschaftlisten, Aufzeichnungen über die täglichen Pflichten und - wenn möglich - Dokumente über die Aufgaben der einzelnen Person. Wir waren ganz viel in Archiven vor Ort, um Personal- und Verfahrensakten zu recherchieren. Wir mussten ein historisches Bild der Situation vor Ort zeichnen und den Angeklagten dann in diesem Bild verorten.

Wie groß musste die Schuld sein, um ausgebürgert und letztlich abgeschoben zu werden?

Das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI)

Das VWI, an dessen Konzeption der im September 2005 verstorbene Simon Wiesenthal noch persönlich beteiligt war, widmet sich der Erforschung, Dokumentation und Vermittlung von Fragen zu Antisemitismus, Rassismus und Holocaust. Forschung in Form von internationalen Projekten, Dokumentation durch Publikationen und Vermittlung durch Vorträge und Ausstellungen sind die drei Schwerpunkte des Instituts.

Wir mussten nicht einen bestimmten Mord nachweisen, sondern belegen, dass ein Angeklagter systematisch an der Verfolgung von Menschen aufgrund der Rasse, der Religion, der ethnischen Herkunft oder der politischen Meinung teilgenommen hatte. Es gab dazu 1981 eine Entscheidung des Obersten Gerichts der USA, des Supreme Court, zum Fall Fedor Fedorenko: Er war Wachmann im Vernichtungslager Treblinka, und das hatte er auch zugegeben. Als Verteidigung machte er geltend, dass er kein Freiwilliger war, sondern das tun musste, ansonsten wäre er selbst in ein Gefangenenlager gekommen und wahrscheinlich verhungert. Und er sei auch nur für die Bewachung des Lagers zuständig und nicht in die Tötung von Menschen involviert gewesen. Der Supreme Court hat entschieden: Es ist egal, ob der Dienst freiwillig oder im Rahmen des Kriegsdienstes geleistet worden ist. Fedorenko hätte beim Visumsantrag angeben müssen, dass er als Wachmann in Treblinka gedient hatte. Und zum zweiten hielt der Supreme Court fest: Selbst wenn es wahr wäre, dass er nur als Wachmann an der Außengrenze des Lagers gedient hatte, wäre er immer noch mitbeteiligt - denn er half dadurch mit, dass niemand vor der Tötung fliehen konnte. Das heißt, man durfte ausgewiesen werden, wenn man an NS-Verfolgung mitbeteiligt war, geholfen hat oder es auch nur geduldet hat - wobei wir nur Verfahren aufgrund von Mitbeteiligung und aktiver Unterstützung von NS-Verbrechen geführt haben.

Warum zogen sich manche Verfahren über viele Jahre hin?

Bis zur tatsächlichen Aberkennung der Staatsbürgerschaft und der Ausweisung aus den USA hatten die Angeklagten sieben Mal die Gelegenheit zu berufen - wenn alle Instanzen ausgeschöpft wurden, dauerte das natürlich seine Zeit. Wenn alles glatt ging, ging es so schnell wie im Fall Ferdinand Hammer - ein geborener Kroate, der in Auschwitz, Sachsenhausen und Mauthausen als Wachmann gedient hatte. Das Verfahren gegen ihn begann 1994, und er wurde im Jahr 2000 ausgewiesen. Aber es konnte auch viel länger dauern, etwa wenn Beweisverfahren neu aufgerollt werden mussten.

Sind Sie von allen Staaten gleichermaßen bei Ihrer Arbeit unterstützt worden?

Nein. Vor der Wende 1989 durften wir in die Sowjetunion und die Ostblockstaaten außer Polen und teilweise Rumänien nicht einreisen. Wir durften anfragen um Dokumente, und wenn die Verhältnisse zwischen den Supermächten gut waren, bekamen wir Unterlagen von den Behörden vor Ort. Ich muss betonen, dass wir die ganze Zeit unserer Tätigkeit nichts Gefälschtes aus der Sowjetunion bzw. den Staaten des Ostblocks bekommen haben. Westdeutschland und Österreich waren beide relativ offen und unterstützten uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Nach der Wende 1989 änderte sich die Lage natürlich, es wurde für uns einfacher, vor Ort zu recherchieren. Nur in Russland blieben unsere Möglichkeiten immer begrenzt.

"Gewendete" Forscher:

Wernher von Braun war ein deutscher Raketeningenieur und nach seiner Auswanderung in die USA 1947 Wegbereiter und Visionär der Raumfahrt. Trotz seiner Pionierleistungen blieb er wegen seiner Beteiligung an der Aufrüstung des nationalsozialistischen Deutschlands umstritten. Hubertus Strughold, der 1947 in die USA auswanderte, wurde dort als erster Professor für Weltraummedizin bekannt. Im nationalsozialistischen Deutschland waren unter seiner Leitung Versuche an behinderten Kindern und Häftlingen von Konzentrationslagern gemacht worden. Im Rahmen der "Operation Overcast" boten die USA während des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach deutschen Wissenschaftlern und Technikern die Ausreise in die USA an, um an deren Fachwissen zu kommen.

Links:

Nun gibt es zahlreiche Beispiele für Menschen, die hohe Funktionen im nationalsozialistischen Deutschland bekleideten und dennoch in den USA unbehelligt Karriere machen konnten: Ich sage nur die Namen Wernher von Braun und Hubertus Strughold bzw. das Schlagwort "Operation Overcast". Wie war das möglich?

Die Leute wurden bewusst in die USA gebracht aus zwei Gründen: Erstens hatten die USA eine Atombombe, aber kein Raketensystem, um die Bombe zu schicken. Die USA wollten diese Technologie. Zweitens sollten sie die Russen nicht bekommen. Deshalb wurden die Raketenwissenschaftler wissentlich und bewusst "rübergezogen". Unser Problem war, dass wir ja den Einwanderern nachweisen mussten, dass sie Informationen über ihre Verwicklung in das NS-Regime verschwiegen hatten. Aber die Wissenschaftler kamen in die USA nicht trotz, sondern wegen ihrer Taten. Wir haben aber sehr wohl in diese Richtung auch ermittelt. Wir wollten ein Verfahren gegen Arthur Rudolf anstrengen, einen deutschen Raketeningenieur, der sich aber durch Auswanderung nach Deutschland und Verzicht auf die amerikanische Staatsbürgerschaft der Verfolgung entzog.

Einer der - in Österreich - bekanntesten Fälle, in die Ihre Behörde involviert war, war jener von Kurt Waldheim. Durch Ihre Bemühungen kam der damalige österreichische Bundespräsident auf die "Watchlist". Er selbst betonte immer, "nur seine Pflicht getan zu haben". War diese Begründung typisch?

Sehr typisch, und manchmal hatte sie mehr mit der Wahrheit zu tun als bei Waldheim. Waldheim kam ja nur auf die Watchlist, das bedeutete nicht, dass er nicht einreisen durfte. Das hieß, wenn man rein will, muss man möglicherweise auch unbequeme Fragen über die Vergangenheit beantworten. Wir hatten ja Beweise, dass Waldheim die Befehle des Reichssicherheitshauptamts zur Deportation griechischer Juden an die Wehrmachtsstellen weitergeleitet hatte. Diese Anweisungen sind durch seine Hände gegangen.

Aber viele behaupteten, nichts getan zu haben, manche, die als Wachpersonal bei Konzentrationslagern eingesetzt waren, behaupteten sogar, nicht gewusst zu haben, was drinnen vor sich ging. Sehr wenige haben gesagt: "Die Menschen dort taten mir sehr leid." Einmal haben wir von einem Soldatenkameraden eines Angeklagten gehört: "Für mich wäre es besser gewesen, ich wäre auch im Lager gestorben." Aber das war die Ausnahme. Die Menschen waren bei den Befragungen ängstlich, weil sie nicht wussten, was auf sie zukam. Und was ihnen am peinlichsten war: Auch die Familien, sogar die Ehefrauen wussten nichts über ihre Vergangenheit.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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