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Koala hängt auf einem Baum

Wer lauter bellt, scheint größer

Lange glaubte die Wissenschaft, dass nur erwachsene Menschen einen tiefsitzenden Kehlkopf besitzen, der ihnen das Sprechen ermöglicht - bis man einen ebensolchen auch im Rot- und Damwild nachwies. Jetzt fanden Forscher einen tiefsitzenden Kehlkopf in einem Beuteltier: dem Koala.

Verhaltensforschung 30.09.2011

Dieser ermöglicht männlichen Koalas ein tiefes Bellen von sich zu geben, das anderen Männchen und Weibchen zeigen soll, wie groß sie sind.

Scheinbare Größe

Dieses tiefe, nach Grunzen klingende Bellen der Koalas hat eine wichtige Funktion: Es läßt sie groß klingen, sogar größer als sie tatsächlich sind. Laut einer im "Journal of Experimental Biology" veröffentlichten Studie erlaubt der lange Vokaltrakt der Koalas das Erzeugen der tiefen Töne. Dafür analysierten die Wissenschaftler rund um Benjamin Charlton von der Universität Wien das Bellen mehrerer männlicher Koalas während der Paarungszeit. Demnach lässt das Bellen der Koalas auf einen Vokaltrakt von 50 cm schließen. Das entspräche allerdings ungefähr der Länge des gesamten Tieres.

So klingt das Bellen eines männlichen Koalas.

Anatomische Untersuchungen zeigten zwei Besonderheiten, die die effektvolle Täuschung erlauben. Erstens sitzt der Kehlkopf des Koalas tief im Rachen und zwar auf der Höhe des dritten und vierten Halswirbels. Zweitens ist auffällig, dass der Brustbein-Schildknorpel-Muskel, der den Kehlkopf mit dem Brustbein verbindet, sehr tief im Brustkorb der Koalas verankert ist. Die Wissenschaftler vermuten, dass dadurch der Kehlkopf noch weiter nach unten gezogen und somit der Vokaltrakt noch weiter verlängert werden kann. Zusätzlich, um das Bellen zu optimieren, machen sich die Tiere vermutlich ihre Nasen- und Mundhöhle zu nutzen.

Gut für den Paarungserfolg

Ein möglichst tiefes Bellen ist wichtig während der Paarungszeit, denn es gilt: Je größer das Männchen, desto größer der Paarungserfolg - und die größten Koalas können am tiefsten Bellen. Artgenossen erhalten durch das Bellen also Informationen über dessen Körpergröße und können sich dementsprechend verhalten. Weibchen bevorzugen vermutlich tieferes Bellen, da es Größe suggeriert. Männchen hingegen schrecken die vermeintlichen Maße eher ab.

Trotz der Übertreibung ist die im Bellen enthaltene Information den Forschern zufolge insofern keine Täuschung, als die Tiefe der Töne anatomisch beschränkt ist. Ob das Bellen nun vor allem dazu dient, Rivalen abzuschrecken und/oder Weibchen anzulocken muss allerdings erst abgeklärt werden.

Benjamin Charlton vermutet einen starken Selektionsdruck hinter dem langen Vokaltrakt männlicher Koalas und glaubt, dass die Vermittlung der Körpergröße durch akustische Signale auch bei anderen Säugetieren eine Rolle spielen könnte.

Pia Melichar, Ö1 Wissenschaft

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