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Medizinnobelpreis, eine Pipette mit Alfred Nobel im Vordergrund

Nobelpreis an zwei Lebende - und einen Toten

Eine Panne ist dem Stockholmer Nobelkomitee zum Auftakt der Vergabe der Nobelpreise unterlaufen: Der Preis für Medizin sollte an drei Immunologen gehen. Doch wenige Stunden nach der Veröffentlichung der Namen meldete sich die Rockefeller University in New York: Der ausgezeichnete Ralph M. Steinman sei nach langer Krankheit am Freitag verstorben.

Medizin 03.10.2011

Der Nobelpreis darf eigentlich nur an lebende Preisträger vergeben werden, nach Prüfung der Angelegenheit entschied das Komitee: Steinman behält den Preis. Mehr dazu in news.ORF.at

Der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin sollte in diesem Jahr - dem normalen Procedere folgend - den Immunforschern Bruce Beutler (USA), Jules Hoffmann (Frankreich) und Ralph Steinman (Kanada) zuerkannt werden.

Beutler und Hoffmann erhalten die Auszeichnung für die Entdeckung der angeborenen Immunität. Der vor wenigen Tagen verstorbene Steinman wurde für die Entdeckung der dendritischen Zellen ausgezeichnet, die das Immunsystem aktivieren. Die Auszeichnung ist mit zehn Millionen schwedischen Kronen (1,088 Mio. Euro) dotiert.

"Wächter des Immunsystems"

"Die diesjährigen Nobelpreisträger haben unser Verständnis des Immunsystems revolutioniert, indem sie zentrale Prinzipien seiner Aktivierung entdeckt haben", erklärte die Jury zur Begründung. Mit ihrer Forschung hätten die drei Wissenschaftler den Weg für die Vorbeugung und neue Therapien bei der Bekämpfung von Infektionen, Krebs und Entzündungskrankheiten bereitet.

So hätten auf Grundlage der Arbeit der Forscher bessere Impfstoffe entwickelt werden können. Die Forschung habe aber auch neue Erkenntnisse bei der Frage gebracht, warum das menschliche Immunsystem manchmal den eigenen Körper angreift.

Fliegen und Abwehrgene

Jules Hoffmann

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Jules Hoffmann

Der Franzose Jules Hoffmann (geboren im Jahr 1941 in Echternach in Luxemburg) machte seine große Entdeckung im Jahr 1996, als er und eine Mitarbeiter untersuchten, wie Drosophila-Fliegen, die bevorzugten Studienobjekte vieler Genetiker, Infektionen abwehren.

Dabei kamen sie auf die Toll-Gene. Mutationen bewirkten, dass die Insekten keine Abwehrreaktion gegen Bakterien und Pilze aufbauen konnten.

Die Gene waren zuvor von der deutschen Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard (1995 mit dem Nobelpreis geehrt) als wichtig für die Embryonalentwicklung erkannt worden. Der gebürtige Luxemburger arbeitete an einem Forschungslabor in Straßburg und war 2007 bis 2008 auch Präsident der Französischen Akademie der Wissenschaften.

Immunschock-Rezeptoren

Bruce Beutler

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Bruce Beutler

Bruce Beutler (geboren 1957 in Chicago) suchte nach einem Rezeptor, an den bei einer Infektion mit bestimmten Bakterien die Lipopolysaccharide (LPS) binden.

Sie können den septischen Schock und somit die gefährlichste Komplikation bei Blutvergiftungen auslösen. 1998 entdeckten Beutler und seine Mitarbeiter Mäuse, die gegen die LPS-Toxizität "immun" waren.

Sie fanden heraus, dass das auf der Mutation eines Gens beruht, das sehr ähnlich dem Toll-Gen der Fruchtfliege ist. Schließlich entdeckten sie den Toll-like-Rezeptor 4 als jene Andockstelle für LPS von Bakterien, die sofort zu einer Entzündungsreaktion und zum septischen Schock führen kann. Beutler arbeitet seit dem Jahr 2000 am Scripps Institute in La Jolla in den USA.

Fingerabdruck der Eindringlinge

Ralph Steinman

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Ralph Steinman

Ralph Steinman (geboren in Montreal, Kanada) entdeckte im Jahr 1973 die Dendritischen Zellen als jene Zellen des adaptiven Immunsystems, die durch den Organismus patrouillieren, fremdartige Moleküle ("Antigene" von Krankheitserregern) aufnehmen, in kleine Bruchstücke zerlegen und dem Immunsystem präsentieren.

Das ist die Voraussetzung für die Aktivierung von B- oder T-Zellen, die dann die weitere Abwehrreaktion in Gang setzen. Der Wissenschaftler erforschte auch jene Mechanismen, die dazu führen, dass die Abwehrreaktion nicht überschießend gegen eigenes Gewebe in Gang gesetzt wird. Steinman arbeitete an der Rockefeller University in New York und war dort auch Direktor des Zentrums für Immunologie und Immunerkrankungen. Letzten Freitag erlag er einem Krebsleiden.

Der kanadische Wissenschaftler hat offenbar kurz vor seinem Tod noch über die Auszeichnung gescherzt. Ihr Vater habe geahnt, dass er auch in diesem Jahr wieder in der engen Auswahl für den Nobelpreis sei, berichtete seine Tochter Alexis Steinman am Montag der Nachrichtenagentur AFP.

Der 68-Jährige sei wegen seiner Krebserkrankung am 25. September ins Krankenhaus eingeliefert worden. "Die Ärzte haben uns gesagt, dass sein Zustand sehr schlecht ist." Die Familie habe Steinman daraufhin scherzhaft aufgefordert, "noch bis Montag durchzuhalten, bis zur Verkündung der Preisträger".

Ihr Vater habe gewusst, wie es gemeint war, sagte Alexis Steinman weiter. "Ich glaube nicht, dass ich es hinbekomme, im Dezember (zur Verleihung der Nobelpreise) zu verreisen", habe der Patient geantwortet. Der Immunologe habe zwar immer gehofft, eines Tages vielleicht den Nobelpreis zu bekommen, berichtete die 34-jährige Tochter weiter. "Aber er war ein bescheidener Mann. Er hat immer gesagt: Es gibt so viele hervorragende Wissenschaftler, sie werden jemand anderes auswählen."

Nächste Auszeichnung: Physik

Ö1-Sendungshinweis

Über die Nobelpreise 2011 berichten
auch die Ö1-Journale.

Am Dienstag folgt die Bekanntgabe des oder der Preisträger für Physik, am Mittwoch für Chemie. Am Freitag (7. Oktober) gibt das norwegische Nobelkomitee in Oslo seine Entscheidung über den diesjährigen Friedensnobelpreis bekannt, am 10. Oktober folgt dann die Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaften.

Der Nobelpreis 2010 für Physiologie und Medizin ging an den britischen Wissenschaftler Robert G. Edwards (geb. 1925) für seine Forschungsarbeiten, die am 25. Juli 1978 zur Geburt des ersten "Retortenbabys" der Welt führten.

science.ORF.at/APA/dpa/AFP

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