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Der Kopf von Ötzi

Ötzi: Tödliche Pfeilspitze im Süden erzeugt

Im "Kriminalfall Ötzi" um den vor rund 5.300 Jahren durch einen Pfeilschuss in den Rücken getöteten Gletschermann gibt es neue Erkenntnisse durch den Vergleich der noch immer im Körper steckenden Pfeilspitze mit Tausenden anderen derartigen Fundstücken. Demnach wurde sie südlich der Alpen erzeugt.

Forensik 04.10.2011

Der Täter muss aber nicht zwangsläufig von dort kommen, er könnte auch aus dem Norden stammen. Das sagte der früher am "Eismann-Projekt" beteiligte deutsche Geoarchäologe Alexander Binsteiner in einem Gespräch mit der APA.

Material von Verona

Von der Pfeilspitze gibt es sehr genaue Computertomographie-Aufnahmen. Demnach handelt es sich um eine 2,8 Zentimeter große Steinklinge, die für Fachleute charakteristische Merkmale aufweist. So hat sie einen sogenannten Schäftungsdorn an der Basis der Pfeilspitze.

Das Material dürfte laut Binsteiner aus den Monti Lessini nördlich von Verona stammen. Wegen der Art der Bearbeitung kann das Projektil der südlich des Gardasees angesiedelten Remedello-Kultur zugeordnet werden.

Kongress:

Die Gletschermumie wird Mitte Oktober im Mittelpunkt eines wissenschaftlichen Kongresses stehen. Der 2. Bozner Mumienkongress wird unter dem Titel "Mummies from the Ice" vom 20. bis zum 22. Oktober in der Südtiroler Landeshauptstadt über die Bühne gehen. Dabei sollen Ergebnisse verschiedener Forschungsprojekte rund um den Eismann, sein Leben sowie seine Todesumstände präsentiert werden.

Tausende Klingen analysiert

Das schränkt aber den Kreis der Täter, die für den tödlichen Schuss auf Ötzi infrage kommen, nicht ein. Der Schütze muss nicht unbedingt aus dem Süden stammen, gibt Binsteiner zu bedenken. Denn er hat in den vergangenen Jahren tausende Klingen analysiert, die bei Ausgrabungen in zeitgleichen Siedlungen der Mondsee-Kultur nördlich der Alpen entdeckt wurden.

Alle wurden ohne den charakteristischen Schäftungsdorn und aus anderem Material gefertigt - mit zwei Ausnahmen: Pfeilspitzen, die in Ainring im Berchtesgadener Land und in Seewalchen am Attersee gefunden wurden. Sie stammen ebenso aus den Monti Lessini. Die Klingen aus dem Süden waren demnach nicht nur dort, sondern auch nördlich des Alpenhauptkammes in Gebrauch.

Ötzi bei Kupferexpedition überfallen

Zusammen mit dem bei Ötzi gefundenen Kupfer-Beil, das zwar ebenfalls der Remedello-Kultur zugeordnet werden kann, aber aus "Mondsee-Kupfer" aus Erz vom Mitterberg südlich von Bischofshofen im Pongau hergestellt wurde, ergibt sich für Binsteiner folgendes Bild: In der Steinzeit hat es Handelszüge aus dem heutigen Oberitalien nach Salzburg und Oberösterreich über die Alpen gegeben.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die tödliche Pfeilspitze berichtet auch "Wissen Aktuell" am 4. Oktober 2011 um 13.55 Uhr.

Der Eismann könnte in leitender Funktion einer derartigen "Kupfer-Expedition" angehört haben, die mit Rohkupfer beladen auf dem Rückweg war. Doch auf dem für einen Überfall günstigen Similaunpass lauerten Wegelagerer seiner Gruppe auf und griffen sie an. Sie wurden abgewehrt, aber Ötzi wurde von einem Pfeil in die linke Schulter tödlich getroffen und an Ort und Stelle beigesetzt.

science.ORF.at/APA

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