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Deutsche Kriegsgefangene tragen verwundete britische Soldaten an der Westfront des Ersten Weltkriegs, 1916 bei der Schlacht an der Somme .

Im Osten und im Inneren viel Neues

Dank der Öffnung von Archiven und neuen Dokumenten bewerten Historiker den Ersten Weltkrieg zunehmend neu. Speziell der Osten und die "innere Front" der kriegsführenden Länder sind in den Blickpunkt gerückt. Der Weltkrieg, so die Experten, war der erste, der die gesamte Gesellschaft durchdrungen und damit auch neue Feindbilder geschaffen hat.

Geschichte 07.10.2011

Todesschlachten am Isonzo

Ein bisschen früh kommen sie, die ersten Tagungen zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs. Das findet auch der Zeithistoriker Michael Geyer von der University of Chicago. Da das Wissen über den "Great War", wie er im angelsächsischen Bereich bezeichnet wird, in den vergangenen 20 Jahren aber enorm angewachsen ist, könne man ruhig schon drei Jahre zuvor mit dem Sammeln dieses Wissens beginnen.

Porträtfoto des Historikers Michael Geyer

University of Chicago

Michael Geyer ist Samuel N. Harper Professor of German and European History sowie Faculty Director am Human Rights Program an der University of Chicago und hat die Konferenz mitkonzipiert.

Konferenz zum Thema in Wien:

Vom 6. - 8. Oktober findet die Konferenz "Time for Destruction. The Geo-Politics, Techno-Politics, and Sensory Politics of World War" statt.

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17

Links:

Bei einer aktuellen Konferenz am IFK in Wien und zwei Folgekonferenzen in den nächsten beiden Jahren geht es um diese Änderungen des Geschichtsverständnisses. Ein Beispiel betrifft die Isonzoschlachten, in denen sich Österreich-Ungarn und Italien über zwei Jahre lang unglaublich brutale Gebirgskämpfe lieferten.

"Das ist kein historisches Detail, wie man früher vielleicht dachte, sondern ein echtes 'theater of war'", sagt Michael Geyer. "Isonzo hat in der modernen Weltkriegsforschung das gleiche Gewicht wie die Schlachten von Verdun oder Gorlice. Dabei handelt es sich um die gleichen Todesmühlen, die den Ersten Weltkrieg charakterisieren."

Die innere Front

Haben die Historiker in den vergangenen Jahren einzelne Abschnitte des Krieges neu bewertet, so gilt dies erst recht für seine Gesamtperspektive. "Es ist zu einer Verschiebung des Bildes weg von der Westfront mit seinen Grabenkämpfen, hin zu zwei neuen Perspektiven gekommen", erzählt Geyer.

"Erstens auf eine innere Front der Heimat, die nun als echte Kriegsfront verstanden wird. Sie hat eine eigene Logik, die aus Armut, Tod, Verwundung, Hunger, Flüchtlingswellen etc. besteht. Zweitens hat man immer stärker die Bedeutung Osteuropas für den Krieg erkannt, was natürlich mit der Öffnung der entsprechenden Archive nach Ende des Kalten Kriegs zu tun hat", so der Historiker.

Barbarisches "Vorbild" für die Zukunft

Eine weitere Tendenz besteht darin, dass die Zeiträume größer werden, in denen Historiker Entwicklungen untersuchen. So gibt es die These, dass in Europa zwischen 1914 und 1945 eine Art zweiter Dreißigjähriger Krieg stattgefunden hat, der vom Ultimatum an Serbien bis zur Kapitulation Nazi-Deutschlands dauerte.

"Ich bin ein großer Anhänger dieser These, weiß aber auch, wie schwierig es ist, sie zu begründen", sagt Michael Geyer. "Es gibt ein paar gute Teilargumente, aber noch keine gute Gesamterklärung."

Als plausibles Teilargument bezeichnet der Historiker etwa jenes der barbarischen Vorbildwirkung des Ersten Weltkriegs: "Wenn erst einmal begriffen ist, dass Menschen tatsächlich massenhaft hingeschlachtet werden können, dann kann sich das auch wiederholen. Wie man von dieser plausiblen Vorstellung zu einer historischen Interpretation der Entwicklung von 1917 bis 1942 kommt, das ist viel schwieriger. Da steht noch viel Arbeit für die Geschichtswissenschaft an."

Ein neues Kriegsverständnis

Einen Mindestkonsens der Zunft gebe es aber bereits: Zu Beginn des "Great War" hielten ihn die Menschen für einen Krieg des 19. Jahrhunderts; ein besonders großer zwar, aber einer, der wie die bekannten, auf die Mächte und Armeen beschränkt bleiben sollte. Zu seinem Ende offenbarte sich erstmals das Kriegsverständnis des 20. Jahrhunderts: der Krieg als etwas, das die gesamte Gesellschaft erfasst, das eine innere und eine äußere Front hat, bei dem der Zugriff auf Nahrung, Ressourcen und Finanzen absolut zentral und die Sicherung dieser Ressourcen gegen mögliche und reale Feinde ein ganz konkretes Problem ist.

"Wir verstehen auch immer besser, dass in dieser Vergesellschaftung des Krieges Stereotypen von Feinden aktiviert werden", sagt Geyer und meint damit in erster Linie den Antisemitismus. "Dieser hatte natürlich eine lange Tradition. Im Gegensatz zum alten Antijudaismus wurde der neue, rassistische Antisemitismus aber mit der Vorstellung verknüpft, dass man eine Gesellschaft braucht, die auf Teufel-komm-raus zusammenhält und die man sozusagen als Ganzes in den Krieg werfen kann."

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema und der Konferenz widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 7.10., 19:05 Uhr.

Problem des Revisionismus

Wer von einem Dreißigjährigen Krieg im 20. Jahrhundert Europas spricht, hat früher oder später ein Problem: Auch die Revisionisten benutzen diese Denkschablone und entschuldigen Nationalsozialismus und Holocaust mit den Folgen des Ersten Weltkriegs.

"Die Revisionismusfrage ist kompliziert", sagt auch Michael Geyer, "weil man in einer gewissen Zwickmühle steckt. Einerseits ist es plausibel zu argumentieren, dass die NS-Ideologie mit ihren Ausrottungsideen nicht vom Himmel gefallen, sondern auf einem Nährboden gewachsen ist, den es schon länger gab und den man darstellen muss. Auf der anderen Seite verliert man dadurch aber die Tiefenschärfe dafür, was den Holocaust ausmacht. Denn es ist eine Sache, am Biertisch herumzureden und mit politischer Rhetorik die Menschen aufzupeitschen, aber etwas ganz anderes, zum Schluss von 1941/42 zu kommen, alle Juden im NS-Herrschaftsbereich auszurotten. Der Übergang von der Rhetorik zur Praxis ist ein gewaltiger Schritt, und der muss genau studiert werden."

Nicht einzigartig und doch einzigartig

Die Revisionismusfrage hat für Michael Geyer auch einen zweiten Teil, und der betrifft die Einzigartigkeit des Holocaust. Für ihn gibt es im Laufe der Geschichte "vergleichbare Genozide, die bewusst darauf hingearbeitet haben, ab einem gewissen Zeitpunkt die Vernichtung aller zu erreichen. Das ist nicht oft passiert, aber es ist passiert. Wenn es geschehen ist, denken wir an Karthago, dann ist das Erstaunen hinterher über die außerordentliche Singularität dieser totalen Ausrottung immer ein Teil der Erinnerung und der Geschichte geworden."

Geyer zufolge lässt sich die Geschichte des Holocaust in eine Geschichte der Genozide einbetten. Zugleich betont er aber, "dass die radikale Konsequenz der totalen Ausrottung, obwohl sie historisch nicht einzigartig war, immer als ein Singuläres und singulär Schreckliches begriffen wird."

Die Gegenwart erinnert ...

Noch größeren Zeiträumen als 1914 bis 1945 geht Michael Geyer in seinem demnächst erscheinenden Buch "The Global Condition" nach, in dem er versucht, das Zusammenwachsen der Welt zwischen 1850 und der Gegenwart zu entschlüsseln. Ein Ausgangspunkt dafür war die "Konjunktur" von Kriegen in den vergangenen 150 Jahren.

"Die globale Welle der Kriege verläuft anders als die in Europa beginnenden Weltkriege, nämlich parallel zu Zyklen der Globalisierung. In den 1860er Jahre und 1890er Jahre begannen sehr viele Kriege. So wie auch - vielleicht entgegen unseren Vorstellungen - in den 1970er und 1980er Jahren, die für die Europäer eine friedliche Periode waren. Aus globaler Sicht handelte es sich aber um besonders gewalttätige Jahrzehnte", sagt Geyer.

... an die 1860er Jahre

Einher gehen diese Kriege mit einer "Verwandlung der Welt", wie es der Historiker ausdrückt. Vor 150 Jahren bedeutete dies: sprunghafter Produktionsanstieg von Industrie und Landwirtschaft, drastisches Bevölkerungswachstum, Explosion des Welthandels etc.

"Das Resultat dieser Verwandlungsperiode ist ein asymmetrisches und ungleiches Ineinandergreifen der Welt in Sachen Gewalt, Industrie, Gesellschaft und Kultur." Diese Tendenzen hält der Historiker für sehr aktuell.

"Wir befinden uns heute an einem ähnlichen Wendepunkt wie in den 1860er Jahren, auch in Sachen Krieg. Es gibt heute keinen Weltkrieg oder Systemkrieg, wo alle mit allen kämpfen. Aber es bröselt und 'kriegt' überall wie vor 150 Jahren. In unserer Geschichte der Gewalt sind das zwei Perioden diffuser Kriege, Schraubendrehungen in einer Zeit der Verwandlung der Welt."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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