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Lächelnde Frau

Optimismus ist nicht heilbar

Manche Menschen haben einen unerschütterlichen Hang zum Optimismus, selbst wenn alles dagegen spricht. Das liegt Forschern zufolge auch daran, dass sie ihre Erwartungen nur dann revidieren, wenn die Aussichten besser sind als vermutet, schlechtere Prognosen werden von ihrem Gehirn einfach ignoriert.

Gehirnstudie 10.10.2011

Optimismus tut gut

Menschen sind in vielerlei Hinsicht unbelehrbar, unter anderem tendieren sie zu einer oft unrealistischen optimistischen Grundhaltung. Warum diese Eigenschaft so weit verbreitet ist - auch wenn sie von der Realität häufig in Frage gestellt wird, wundert Forscher schon lange.

Zur Studie in "Nature Neuroscience":

"How unrealistic optimism is maintained in the face of reality" von Tali Sharot et al.

Optimismus kann ja nicht schaden, würden an dieser Stelle vermutlich die meisten - nicht zuletzt auch Psychologen - einwenden. Nicht zu Unrecht, denn erwiesenermaßen kann eine positive Grundeinstellung Stress und Ängste abschwächen. Sie fördert die Gesundheit und das psychische Wohlergehen. Es ist daher kein Zufall, dass positives Denken auf der Liste der Lebensratschläge seit Jahren auf Nummer eins steht.

Optimistische Realitätsverweigerung

Laut den Forschern um Tali Sharot vom Welcome Trust Centre for Neuroimaging des University College London hat Optimismus aber auch eine Schattenseite. Denn wer übertrieben optimistisch ist, leugnet bisweilen die Realität und ist in der Folge oft leichtsinnig. Vorsichts- oder Vorsorgemaßnahmen werden vernachlässigt.

Dass dem tatsächlich so ist, zeigen auch Untersuchungen: Dabei hat man z.B. festgestellt, dass neue Informationen über gesundheitliche Risiken die Wahrnehmung der eigenen Verwundbarkeit kaum beeinträchtigen. Andere Studien haben ergeben, dass manche Finanzmarktanalysten im Vorfeld der Wirtschaftskrise 2008 ihre zu erwartenden Profite eindeutig überschätzt haben, offensichtlich auf Basis von Annahmen, die nichts mit der Realität zu tun hatten.

Leichtsinn kann also mitunter drastische Folgen haben, besonders wenn es um die Vermeidung von Krankheiten geht, so ist etwa Safer Sex als Vorsichtsmaßnahme gegen AIDS für viele Gefährdete immer noch nicht zur Selbstverständlichkeit geworden.

Werden Annahmen korrigiert?

Gezielte Informationen bringen scheinbar oft erschreckend wenig. Warum viele zu derartig irrationalem Verhalten neigen, haben die Forscher nun im Rahmen ihrer experimentellen Studie untersucht und gleichzeitig gemessen, was dabei im Gehirn passiert.

Um herauszufinden, inwieweit Menschen ihre Meinungen auf der Basis neuer Informationen korrigieren, wurden die neunzehn Freiwilligen zuerst mit 80 möglichen negativen Lebensereignisse konfrontiert, darunter etwa Krebserkrankungen oder ein Raubüberfall. Sie sollten einschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass das jeweilige Ereignis in ihrem Leben tatsächlich eintritt.

Nach einer kurzen Pause erfuhren sie die objektive Wahrscheinlichkeit für einen Eintritt von den Forschern. In der zweiten Runde mussten die Probanden erneut beziffern, wie wahrscheinlich die Ereignisse in ihrem Leben sind. So wurde sichtbar, wie sich die Informationen von außen auf die persönliche Einschätzung ausgewirkt hat.

Nur gute Aussichten kommen an

Wie die Forscher schreiben, zeigte sich eine interessante Asymmetrie: Die meisten Probanden hatten ihre Schätzungen tatsächlich korrigiert, aber nur bzw. vor allem dann, wenn die objektive Einschätzung positiver war als ihre eigene, zuvor abgegebene. War sie jedoch negativer, änderten sie die Werte - wenn überhaupt - nur geringfügig.

D.h. hatten sie etwa ihre Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken bei der ersten Befragung mit 40 Prozent beziffert, das objektive Risiko betrug aber nur 30 Prozent, passten sie ihre Einschätzung dahingehend an, nämlich auf 32 Prozent. Im umgekehrten Fall ignorierten sie die neuen Informationen oft völlig. Den Forschern zufolge spielte die Merkfähigkeit dabei keine Rolle, denn wie Zusatztests zeigten, konnten sich die Teilnehmer in der Regel sehr gut an die genannten Zahlen erinnern.

Realitätsferne Frohnaturen

Während der Versuche wurde die Gehirnaktivität mittels Funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) gemessen. Auffällig dabei war vor allem die schwankende Aktivität in Teilen des Frontallappens, die bekanntermaßen beim Lernen für die Korrektur von Fehlern zuständig sind. Die Messungen bestätigten die Asymmetrie des psychologischen Tests: Waren die objektiven Wahrscheinlichkeiten besser als die eigene Einschätzung, war die Aktivität deutlich höher als im umgekehrten Fall. Das Gehirn reagierte also eindeutig stärker auf wünschenswerte Informationen.

Anhand der Messungen und eines zusätzlichen Fragebogens analysierten die Forscher in der Folge die individuellen Unterschiede. Wie zu erwarten war bei jenen Personen, die als besonders optimistisch eingestuft wurden, die neuronale Reaktion auf negative Information noch schwächer als im Durchschnitt - offensichtlich gelingt es ihnen besonders gut, Unangenehmes einfach auszublenden.

Vereinfacht gesagt ist es eine Funktionsstörung des Gehirns, die den Optimisten vor schlechten Neuigkeiten schützt. So bleibt sein Blick durch die rosarote Brille in der Regel ungetrübt. Für seine psychische Gesundheit ist die leichte Realitätsferne durchaus von Vorteil, bei der Einschätzung von Risiken kann sie jedoch auch fatal sein – ein Trost für weniger positiv justierte Menschen. Denn, wie frühere Studien bereits gezeigt haben, betrachten leicht depressive Personen die Zukunft meist realistischer. Das schützt sie zumindest vor bestimmten Gefahren.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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