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Ursache, Wirkung und Erwartungen

Der heurige "Nobelpreis für Wirtschaft" geht an Christopher Sims von der Princeton University und an Thomas Sargent von der New York University. Sie haben wichtige Beiträge zur Erforschung von Ursache und Wirkung in der Volkswirtschaft geleistet, gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm bekannt.

Wirtschafts-"Nobelpreis" 2011 10.10.2011

Zentral bei ihrer Arbeit sei die Rolle von rationalen Erwartungen für das Funktionieren der Makroökonomie. Die beiden US-Ökonomen hätten Methoden entwickelt, um etwa die Auswirkungen von Zinserhöhungen oder Steuersenkungen auf Wirtschaftswachstum und Inflation zu untersuchen.

Ihre Ergebnisse, zu denen sie unabhängig voneinander in den 1970er und 1980er Jahren gekommen sind, stellen heute wichtige Werkzeuge makroökonomischer Analysen dar, heißt es in der Begründung. Als Beispiel nannte ein Sprecher des Nobelkomitees Nationalbanken, die aufgrund der Arbeitsergebnisse von Sims und Sargent bessere Prognosen erstellen könnten.

die "Wirtschaftsnobelpreisträger" 2011, Christopher Sims und Thomas Sargent

Reuters/Tami Chappell, Denise Applewhite, Princeton University

Der 1942 geborene Christopher Sims (rechts) unterrichtet an der Princeton-Universität in New Jersey. Sargent ist ein Jahr jünger und arbeitet an der New Yorker Universität.

Ö1-Sendungshinweise:

Über die Nobelpreise 2011 berichten auch die Ö1-Journale.

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Die wichtige Rolle von Erwartungen

Die Ökonomin Monika Merz vom Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Wien, persönlich bekannt mit Thomas Sargent, hält die Entscheidung des Nobelpreiskomitees für sehr verständlich. "Sargent und Sims sind enorm wichtig für das Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge, ihre methodischen Arbeiten bahnbrechend", erklärte sie gegenüber science.ORF.at.

"Beide betonen in ihrer Methodik die wichtige Rolle von Erwartungen. D. h. etwa wenn wir uns Gedanken machen, ob ein Konjunkturpaket hilft, um eine Krise zu bewältigen, dann dürfen wir die Erwartungen von Wirtschaftstreibenden nicht vernachlässigen. Das wurde von Volkswirtschaftlern lange Zeit getan, dadurch entstehen aber Prognosen, die nichts wert sind."

Eine konkrete Handlungsanleitung - angesichts der Finanzkrise eine naheliegende Frage - soll man sich von den Arbeiten der beiden frischgebackenen "Nobelpreisträger" nicht erwarten, meint die Ökonomin Monika Merz. "Diese sind eher allgemeiner und prinzipieller Natur."

Baut auf früheren Preisträger auf

Man müsse die beiden Prämierten in Zusammenhang mit einer größeren Gruppe von Ökonomen sehen, rund um Robert Lucas, der selbst 1995 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, erklärt Merz.

"Lucas hat wichtige Beiträge zur Beleuchtung der Rolle von rationalen Erwartungen für das Funktionieren der Makroökonomie geleistet. Er ist von der damals neuen Idee ausgegangen, dass jeder Mensch, jeder Unternehmer rationale Erwartungen hat, wenn er sich Gedanken über die Zukunft macht. Diese Erwartungen sind nicht irrelevant, sondern bei Prognosen für die Wirtschaft zu berücksichtigen."

Der nun ausgezeichnete Sargent hat versucht, diese abstrakten Überlegungen von Lucas in empirische Arbeit umzusetzen.

Umgesetzt in neue Forschungsdisziplin

Herausgekommen ist dabei ein neuer Wissenschaftszweig: die sogenannte strukturelle Makroökonomie. Mit Hilfe von komplexen mathematischen Formeln wird dabei versucht, strukturelle "Tiefenparameter" der Wirtschaft zu identifizieren.

"Etwa die Präferenzen von Haushalten oder Technologien, mit denen Unternehmen Güter produzieren", so Merz. "Sargent ist zwar sehr formellastig, hat sich aber auch für die Dinge der Wirtschaft interessiert, die in der realen Welt passieren. So hat er vor einigen Jahren ein Buch über die Entwicklung der Inflation in den USA geschrieben."

Auch Chris Sims beschäftigt sich bevorzugt mit mathematischen Formeln, vor allem den vektorautoregressiven Modellen. Dabei handelt es sich um eine ökonometrische Methode, die "sicherstellen soll, dass man wirklich misst, was man messen will", so Merz. Konkret heißt das: berechnen und prognostizieren, wie sich einzelne wirtschaftspolitische Maßnahmen - etwa eine aktive Geld- oder Fiskalpolitik - auf die Wirtschaft auswirken.

Wifo-Aiginger enttäuscht

Der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), Karl Aiginger, geht mit der Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises hart ins Gericht. "Ich bin schwer enttäuscht", meinte er am Montag auf APA-Anfrage. Die beiden Wissenschaftler seien zwar sehr berühmte und erstklassige Forscher, aber der Preis käme zur falschen Zeit.

Die Verleihung beziehe sich auf Forschungsergebnisse, die bereits vor 30 Jahren gelehrt und der jetzigen Wirtschaftsentwicklung widersprechen würden. Der Finanzsektor, der zurzeit die Märkte weltweit in Atem hält, komme nicht vor. Die US-Amerikaner hätten politische Einflussnahme auf die Geld- und Fiskalpolitik in rationalen Märkten als unbedeutend gesehen - doch die Krise habe gezeigt, wie wichtig der regulierende Eingriff des Staates ist, so Aiginger.

Mit dieser Kritik kann die Makroökonomin Monika Merz von der Uni Wien wenig anfangen. "Natürlich liegt die Entwicklung der Methoden von Sargent und Sims schon viele Jahre zurück, aber das liegt in der Natur von Nobelpreisverleihungen. Hier geht es um langfristige Beiträge und bahnbrechende Methoden, nicht um kurzfristige Verwertung", meinte sie gegenüber science.ORF.at. Auch seien aktive geldpolitische Maßnahmen von Seiten der Regierungen in den Arbeiten der beiden Preisträger berücksichtigt. "Ich kann diese Kritik deshalb nicht nachvollziehen."

Preisgeld momentan in Cash behalten

Christopher Sims sagte in einer ersten Reaktion am Telefon, er freue sich und sei überrascht von der Mitteilung über den Stockholmer Preis. Auf die Frage, wie er seine Hälfte der Dotierung angesichts der derzeitigen Krise auf den Finanzmärkten zu investieren gedenke, sagte er: "Ich werde es wohl eine Weile in Cash behalten und dabei über die Verwendung nachdenken."

Seit der ersten Vergabe des Ökonomie-Preises 1969 hat ihn die US-Ökonomin Elinor Ostrom 2009 als einzige Frau neben 68 Männern bekommen. Im vergangenen Jahr wurden Peter A. Diamond und Dale T. Mortensen aus den USA zusammen mit dem Briten Christopher A. Pissarides ausgezeichnet.

Die gewaltige und immer wieder kritisierte Dominanz von Preisträgern aus den Vereinigten Staaten hat sich durch die heurige Vergabe weiter verstärkt: Von 69 Preisträgern haben 54 ihre Forschungsarbeit an US-Instituten betrieben.

Auszeichnung geht nicht direkt auf Nobel zurück

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht nicht direkt auf das Testament des Preisstifters Alfred Nobel zurück. Er wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank zu ihrem 300-jährigen Bestehen ins Leben gerufen und wird seit 1969 verliehen, weshalb ihn manche auch als "Quasi-Nobelpreis" bezeichnen.

Der Preis ist mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (knapp eine Million Euro) dotiert, Sims und Sargent bekommen je die Hälfte. Sie erhalten ihre Auszeichnungen am 10. Dezember, dem Todestag Nobels, zusammen mit den anderen Nobelpreisträgern aus der Hand des schwedischen Königs Carl XVI. Gustaf in Stockholm. Nur der Friedensnobelpreis wird traditionell in Oslo überreicht.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at/
APA/dpa

Die wissenschaftlichen Nobelpreise 2011:

Die Wirtschaftsnobelpreise der vergangenen Jahre: