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Pasterze, 2.10.2011.  Auch sie hat 2011 wieder stark an Masse eingebüßt. Erst am 5.10. beendeten Schneefälle die Abschmelzung.

Winterruhe nach neuerlichem Massenverlust

Trotz schöner zweiter Sommerhälfte und guten Herbstbeginns: Der Sommer 2011 bleibt eher als kühl und verregnet in Erinnerung. Umso erstaunlicher, dass Salzburgs Gletscher davon nicht profitiert haben, sondern weiter geschrumpft sind. Gletscherforscher Heinz Slupetzky zieht im dritten Teil seines "Tagebuchs" eine erste Bilanz.

Gletschertagebuch 2011 17.10.2011

Das Ende der sommerlichen Eisschmelze

Von Heinz Slupetzky

Porträtfoto Heinz Slupetzky

Universität Salzburg

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte. Für science.ORF.at führt er seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

Das endgültige Ende der diesjährigen Abschmelzperiode auf den Gletschern brachte der Kaltlufteinbruch ab dem 7. Oktober. Es schneite in den Alpen bis unter 1.000 Meter bzw. bis in höhere Tallagen herab. Dementsprechend fiel in der Höhe Neuschnee - bei der Wetterstation Rudolfshütte waren es an diesem Tag 25 Zentimeter, am nächsten 30 Zentimeter - der nun auch die tief herabreichenden Gletscherzungen wie die Pasterze mit Schnee bedeckte. Damit war die Abschmelzung beendet.

Massenbilanz des Stubacher Sonnblickkeeses

Das Stubacher Sonnblickkees am 17. September 2011, zwei Tage vor dem Zuschneien. Die Felsinseln haben zur Abtrennung eines größeren Teiles des Gletschers geführt.

Heinz Slupetzky

Das Stubacher Sonnblickkees am 17. September 2011, zwei Tage vor dem Zuschneien. Die Felsinseln haben zur Abtrennung eines größeren Teiles des Gletschers geführt.

Buchtipp:

Cover zu Buch "Die Pasterze"

Verlag Anton Pustet

Gerhard Karl Lieb, Heinz Slupetzky: Die Pasterze. Der Gletscher am Großglockner. Herausgeber: Nationalpark Hohe Tauern, Österreichischer Alpenverein; erschienen im Verlag Anton Pustet 2011.

Das Sonnblickkees gehört zu den Gletschern, die schon am 16. September die maximale Ausaperung (also das Minimum der Fläche der Altschneefelder im "Nährgebiet") erreicht hatten. Bis zum Gletscherende in 2.500 Meter ging der Septemberschnee nicht mehr weg.

Die vorläufigen Berechnungen der Massenbilanz 2010/11 ergaben einen Verlust von minus 2,65 Millionen Kubikmetern (umgerechnet in Wasserwert), das ist eine im Durchschnitt 2,46 Meter hohe Wasserfläche über den ganzen Gletscher (1,07 Quadratkilometer) oder eine nahezu drei Meter dicke Eischicht, die heuer abgeschmolzen ist (Die endgültigen Werte werden noch etwas negativer sein).

Der Massenverlust von minus 2,7 Millionen Kubikmetern ist der Viertgrößte in der Messreihe seit 1959 und nach der spezifischen Bilanz von 3 Meter Eis (2,46 Meter Wasserwert) liegt das Jahr hinter dem Rekordverlust 2003 an zweiter Stelle.

Der Unterschied der "Ränge" ergibt sich daraus, dass das Stubacher Sonnblickkees immer kleiner wird und nur mehr ca. die Hälfte seines Volumens (seiner Eismenge) von 1982 hat, sodass dementsprechend der Massenumsatz (jene Menge an Schnee, die akkumuliert wird und jene Menge an Eis, die abschmilzt) geringer wird. Bei großen Gletschern wie der Pasterze beträgt der Massenumsatz in der Größenordnung das Zehnfache.

Gründe für die negativen Bilanzen

Der Untere Eisbodensee beim Sonnblickkees ist erheblich größer geworden

Hans Wiesenegger

Der Untere Eisbodensee beim Sonnblickkees ist erheblich größer geworden.

Wie schon in den vorhergehenden Gletschertagebüchern (23.5. und 7.6.2011) ausgeführt, lag nach dem Ende der winterlichen Akkumulationsperiode 2010/11 ein Minimum an Schnee. An der Station Rudolfshütte in 2.300 Meter Seehöhe war schon Mitte Mai keine geschlossene Schneedecke mehr vorhanden, am Sonnblickkees begannen im Juni erste Eisbuckel aper zu werden und bei der Pasterze setzte mit Anfang Mai an der Gletscherstirn so früh wie selten die Eisablation ein.

Dies ist der eine Grund. Der zweite ist die sommerliche Witterung (siehe ZAMG). Schon der Juni war überdurchschnittlich warm. Es schneite in der Gletscherregion selten und dann meist nicht tief herab. Der Wetterverlauf im Juli bedeutete eine Unterbrechung. Er war unterdurchschnittlich kühl - besonders im Westen - und der an Sonnenschein ärmste seit 2000. In der Zeit 24. bis 25. 7. schneite es bis 1800 Meter herab, die Rudolfshütte meldete 20 Zentimeter Neuschnee, dementsprechend höher war die Schneedecke auf den Gletschern.

Das Obersulzbachkees in der Venedigergruppe (mit dem Obersulzbachsee) ist 2011 ebenso bis hoch hinauf Abschmelzgebiet.

M. Keuschnig

Das Obersulzbachkees in der Venedigergruppe (mit dem Obersulzbachsee) ist 2011 ebenso bis hoch hinauf Abschmelzgebiet.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Klimawandel widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 17.10., 13:55 Uhr.

Der August hatte es dafür für die Gletscher in sich. Er war heiß und sonnig, besonders während einer zehntägigen Hitzewelle. Der Schneefall am 27./28. August (an der Rudolfshütte lagen sieben Zentimeter Neuschnee) bis 2000 Meter herab bedeutete auf vielen Gletscher bis Anfang September eine schützende Schneedecke. Das Wetter im September war sehr warm und brachte z.T. Rekordwerte. Der ausgiebige Schneefall um den 17. September war weitgehend das Ende der Abschmelzzeit auf den Gletschern. Da die markante Kaltfront zwar Schnee bis in die Täler brachte, aber am westlichen Alpenhauptkamm nur etwa 40 Zentimeter Schnee fielen, aperten die Gletscher im Westen sonnseitig wieder bis in große Höhen aus.

Man kann davon ausgehen, dass heuer fast alle Alpengletscher wieder an Masse verloren haben (außer, topografisch bedingt, hochgelegene oder "geschützt" liegende kleine Gletscher). In Österreich gibt es heuer Unterschiede: Die Gletscher am westlichen Alpenhauptkamm wie der Hintereisferner und der Jamtalferner in den Ötztaler Alpen oder der Vernagtferner haben weniger Verluste "erleiden" müssen als die östlicher gelegenen Gletscher, wie das Goldbergkees oder das Wurtenkees ("Mölltaler Gletscher").

Schlussfolgerungen

Unter den negativen  jährlichen Massenbilanzen liegt diejenige von Jahr  2011 an vierter  Stelle seit Messbeginn 1959.

H. Slupetzky

Unter den negativen jährlichen Massenbilanzen liegt diejenige von Jahr 2011 an vierter Stelle seit Messbeginn 1959.

Nachsatz des Autors:

Heuer danke ich ganz besonders allen, die an den Gletschermessungen beteiligt waren. Aus persönlichen Gründen konnte der Autor des Gletschertagebuches nicht an den Gletschermessungen teilnehmen. Daher geht ein großes Dankeschön an: Hans Wiesenegger (Hydrografischer Dienst Land Salzburg), Nicole Slupetzky, Gabriel Seitlinger, Bernhard Zagel (alle drei: ÖAV-Längenmessungen) und Martin Geilhausen (Arbeitsgruppe Geomorphologie und Umweltsysteme am Fachbereich Geographie und Geologie an der Universität Salzburg). Weiters vielen Dank an Univ. Doz. Dr. Andrea Fischer (Institut für Meteorologie und Geophysik, Univ. Innsbruck) für die fachlichen Diskussionen.

Im 2. Gletschertagebuch 2011 wurde eine "wenn-dann" - Feststellung getroffen: "Wenn die Altschneehöhen auf den Gletschern Anfang Juli … gering sind und der Sommer annähernd so heiß wie 2003, dann gibt es neuerlich einen großen Massenverlust." Und: "Es müsste schon ein markant schlechter, kühler… Sommer kommen, um einen Massenverlust zu verhindern oder in Grenzen zu halten."

Dieses mögliche Szenario - dies war keine Prognose - ist weitgehend eingetroffen. Die Kombination von sehr wenig Winterschnee mit einer im Mittel insgesamt zu warmen Witterung im "Sommerhalbjahr" (für den Gletscher heuer von Mai bis September) ergab den hohen Massenverlust. Nur der Juli und die Schneefälle verhinderten einen allgemeinen Rekordverlust, sodass die Einzelgletscherbilanzen nur zum Teil das Rekordjahr 2003 übertroffen haben.

Und die Zukunft?

Das Nährgebiet des Sonnblickkeeses am 3.9.2011. Der Gletscher ist nahezu Altschneefrei wie im Jahr 2003.

H. Wiesenegger

Das Nährgebiet des Sonnblickkeeses am 3.9.2011. Der Gletscher ist nahezu altschneefrei wie im Jahr 2003.

Aufgrund der Klimaänderung erwartet man ein häufigeres Auftreten von Extremen. Während beim Stubacher Sonnblickkees von 1959 bis 1991 in 33 Jahren nie negativere jährliche Bilanzen als - 2,5 Millionen Kubikmeter auftraten, kam es in nur 20 Jahren von 1992 bis 2011 fünf Mal zu Jahresbilanzen mit über - 2,5 Millionen Kubikmetern Verlust vor. Und in letzterem Zeitraum fielen die 3 Jahre mit jährlichen Massenverlusten von über 2,5 Millionen Kubikmetern (bis - 4 Millionen Kubikmetern). Die Wahrscheinlichkeit von Extremereignissen hat zugenommen, ein 50- oder 100-jährliches Ereignis kann sich z. B. zu 10- oder 30-jährlichen ändern.

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