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Moschee in  Abu Dhabi bei Sonnenuntergang

Islamische Demokratie ohne westliches Vorbild

Von Tunesien über Ägypten bis in den Jemen: Im arabischen Frühling wird für eine demokratische Zukunft gekämpft. Dass eine Demokratie auch ein säkularer Staat sein muss, glauben aber nur die wenigsten Muslime. Warum das so ist, beschreibt der US-Politikwissenschaftler Nader Hashemi in einem Gastbeitrag.

Politikwissenschaft 21.10.2011

Die Religion wird deshalb weiter eine Rolle in der Politik des Nahen Ostens spielen, da die Geschichte ihrer Beziehung hier anders verlaufen ist als im Westen, schreibt Hashemi.

Die Moschee und der Staat

Von Nader Hashemi

Der Nahostexperte Nader Hashemi

Philipp Steinkellner

Nader Hashemi ist Assistant Professor of Middle East and Islamic Politics an der Josef Korbel School of International Studies der Universität Denver und war vor Kurzem zu Gast am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien (IWM). Er ist Autor der Bücher "Islam, Secularism and Liberal Democracy" und "The People Reloaded: the Green Movement and the Struggle for Iran’s Future".

Eine längere Fassung dieses Textes erscheint in englischer Sprache in der IWMpost, dem Magazin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen. Das aktuelle Heft kann kostenlos auf der IWM-Homepage bestellt werden.

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Einflussreiche Wissenschaftler, wie Samuel Huntington und Bernard Lewis, haben lange behauptet, dass die Entfaltung des politischen Säkularismus im Westen in der Einzigartigkeit der kulturellen Voraussetzungen dieser Region begründet ist. Oft zitiert wird eine Jesus Christus zugeschriebene Formulierung, in der dieser seine Jünger anweist: "So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört."

Es lohnt sich, diese Passage aus der frühen Zeit des Christentums, in der die Anhänger von Jesus Christus eine verfolgte Minderheit ohne jegliche politische Macht waren, mit der frühen Geschichte des Islam zu vergleichen. Im Gegensatz zur vermeintlichen Trennung von Religion und Politik im Christentum war der Prophet Mohammed sowohl ein religiöser, wie auch ein politischer Führer, der im Jahre 622 n. Chr. in Medina den ersten islamischen Staat gründete.

Huntington und Lewis folgern daraus, dass sich die politische Theologie des Islams grundlegend und kontinuierlich von jener des Christentums unterscheide, wobei letzteres in seinem Innersten säkular sei. Das Problem an dieser Sichtweise ist allerdings, dass sie einer historischen Überprüfung nicht standhält.

Reformation im Christentum

Die Ursprünge unserer modernen Trennung von Religion und Staat, insbesondere im angelsächsischen Raum, liegen im 16. und 17. Jahrhundert. Den politischen und theologischen Hintergrund bildeten die protestantische Reformation und die darauf folgenden Religionskriege. Das Verhältnis von religiöser Toleranz und politischer Ordnung wurde in dieser Zeit zum zentralen Thema. Damals war die Ansicht weit verbreitet, dass beide miteinander unvereinbar seien, und, mehr noch, dass religiöse Einheit im öffentlichen Raum die Voraussetzung für Frieden und Stabilität sei. Es wurden hitzige Debatten geführt und unterschiedlichste Lösungen diskutiert, wie sich die Beziehung von religiösem und politischem Leben gestalten lässt.

Letztlich argumentierten Philosophen wie John Locke und Pierre Bayle, dass religiöse Toleranz und sozialer Friede durchaus vereinbar seien - unter einer Bedingung, wie Locke sagte: "I esteem it above all things necessary to distinguish exactly the business of civil government from that of religion and to settle the just bounds that lie between the one and the other."

Mit anderen Worten: Gefordert wurde die klare Trennung von Staat und Religion. Politischer Säkularismus entstand daher im Westen nicht aufgrund eines 2.000 Jahre alten Ausspruchs von Jesus Christus, sondern war das direkte Ergebnis einer Krise von Religion und Politik in der frühen Neuzeit und der existenziellen Notwendigkeit, einen Ausweg aus dieser Krise zu finden.

Andere Erfahrungen im Islam

Muslimische Gesellschaften haben demgegenüber ganz andere historische Erfahrungen gemacht. Es gab keine Religionskriege und keine Kämpfe um religiöse Toleranz wie im Europa der frühen Neuzeit. Statt eine Quelle tiefer und fortdauernder Konflikte zu sein, schränkte Religion in der vormodernen Zeit oftmals politische Gewaltherrschaft ein.

Die Anerkennung eines von religiösen Gelehrten ausgelegten Islams zwang Sultane und Kalifen dazu, ihre autokratischen Ambitionen zu mäßigen, um im Gegenzug politische Legitimation zu erhalten. In einigen Fällen bedeutete dies sogar eine völlige Unterwerfung unter die religiösen Autoritäten.

Der osmanische Sultan Selim III. beispielsweise wurde im Mai 1807 abgesetzt, nachdem der Obermufti verfügt hatte, dass dessen Modernisierungspolitik islamische Prinzipien verletze.

Religion als Garant für Stabilität

Der springende Punkt ist, dass die Beziehungen zwischen Staat und Religion für die Gläubigen in der muslimischen Welt zu anderen historischen, politischen, und moralischen Erfahrungen und Erinnerungen geführt haben.

Religion wird heute von den meisten Bevölkerungsschichten nicht als ein natürlicher Verbündeter des Despotismus und als Ursache sozialer Konflikte betrachtet, sondern als ein potenzieller Garant für Stabilität, Verlässlichkeit, und politische Machteinschränkung.

Dies erklärt auch zum Teil, warum die meisten Muslime religiöse Institutionen und Führer stärker unterstützen als dies im Westen der Fall ist. Die historischen Erlebnisse und die Lehren, die daraus gezogen wurden, unterscheiden sich wesentlich.

Schlechte Erfahrungen mit Säkularismus

In der Moderne wurden arabische Gesellschaften darüber hinaus zutiefst geprägt von negativen Erfahrungen mit einem post-kolonialen Autoritarismus. Jene Form des "Säkularismus", die mit diesen Regimen verbunden war, hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Sichtweise der Beziehung von Religion und Staat.

Die verschiedenen Modernisierungsprojekte und politischen Systeme wurden zumeist im Namen eines säkularen arabischen Nationalismus gerechtfertigt. Im späten 20. Jahrhundert waren sie jedoch ebenso politisch repressiv wie ökonomisch korrupt. Ben Alis Tunesien, Mubaraks Ägypten und Assads Syrien zeigen dies deutlich.

Für eine ganze arabische Generation stellten daher Diktatur, Unterdrückung, Korruption, und Vetternwirtschaft eine als negativ erlebte, "säkulare" Realität dar. Die Hinwendung zum Islam, als einer alternativen Quelle politischer Inspiration und Hoffnung, ist daher kaum verwunderlich.

Demokratische Auseinandersetzung steht noch aus

Ö1 Sendungshinweis:

Religion aktuell: Islam-Experte zu Unruhen in Ägypten, 14.10., 18:55 Uhr.

Das Ergebnis ist, dass die meisten Muslime, wie seriöse Umfragen belegen, der Idee, dass Demokratie eine westliche Form des Säkularismus beinhalten müsse, ablehnend gegenüberstehen. Gleichzeitig vertritt eine große Mehrheit die Auffassung, dass die Sharia eine - wenngleich nicht die einzige - Quelle der Gesetzgebung sein solle. Das mag für ein westliches Publikum schockierend sein, ist aufgrund der historischen Erfahrungen der Muslime jedoch nachvollziehbar.

Die Geschichte des Autoritarismus zeigt, dass ein offener Meinungsaustausch, in dem arabische und muslimische Bürger politische und soziale Normen öffentlich hätten in Frage stellen können, nie möglich war. Stattdessen gab es über Jahrzehnte staatliche Unterdrückung, Überwachung, und Zensur - von der besonders die Religion betroffen war. Muslimische Gesellschaften konnten sich deswegen bisher noch nicht auf demokratische Weise mit der Trennung von Religion und Staat auseinandersetzen.

Anzunehmen, dass diese Debatte schon längst stattgefunden habe oder dass über die Rolle der Religion im Staat bereits demokratisch entschieden worden sei, würde bedeuten, der islamischen Welt die historische Erfahrung des Westens überzustülpen. Auch analytisch wäre das eine wenig hilfreiche Verzerrung der Tatsachen.

Auf der Suche nach eigener Modernisierung

Hingegen wäre es sinnvoll, mit Shmuel Eisenstadt von "multiplen Modernen" zu sprechen: Unterschiedliche Gesellschaften finden ihren eigenen Weg in die Moderne, ohne notwendigerweise die Erfahrungen Europas und Nordamerikas zu wiederholen. Eine Modernisierung wird vielmehr erreicht vor dem Hintergrund der jeweiligen Geschichte und inneren Debatten.

Eine der großen Herausforderungen für muslimische Demokraten wird es dabei sein, Argumente für einen politischen Säkularismus zu finden unter Rückgriff auf eine historische und religiöse Tradition, die unberührt ist von langjährigen Kämpfen um religiöse Toleranz.

In einer Zeit, in der die alte politische Ordnung im Mittleren Osten und in Nordafrika zerfällt und eine neue entsteht, wird es für die arabischen Bürger zum ersten Mal in der modernen Geschichte möglich, dies ernsthaft zu versuchen. In den nicht-arabischen Regionen der muslimischen Welt, wie der Türkei und Indonesien, gab es bereits Fortschritte.

Sicherlich: Die kommenden Debatten in der arabischen Welt werden schmerzhaft und erbittert sein - so wie sie es auch im Westen waren und manchmal noch sind -, doch politische Stabilität in der Region lässt sich nur durch einen solchen politischen Prozess erreichen.

Übersetzung: Sven Hartwig

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