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zwei afrikanische Frauen, eine sieht in die Kamera

Die Stimme der Differenz

Weibliche Beiträge zur Geschichtsschreibung in der Dritten Welt sind rar. Die mündliche Überlieferung hat dort einen besonders großen Stellenwert. Doch diese Stimmen, vor allem die der Frauen, wurden lange nicht wahrgenommen. Denn die Geschichte dieser Länder wurde vor allem in der westlichen Welt geschrieben - und die hat verlernt zuzuhören.

Gender 14.10.2011

Das meint Trinh T. Minh-ha, die Filmemacherin und Theoretikerin der Gender- und Postcolonial Studies von der University of California in Berkely. Über die Bedeutung der "oral history" für die Geschichtsschreibung, das Geschlecht als Merkmal der Differenz und durch einen Bindestrich gespaltene Identitäten hat sie mit science.ORF.at gesprochen.

science.ORF.at: Anders als klassische wissenschaftliche Publikationen lesen sich Ihre Publikationen als "Denkprozess". Warum haben Sie von der traditionellen, akademischen Schreibweise Abstand genommen?

Trinh T. Minh-ha, Theoretikerin der Gender- und Postcolonial Studies

Jean-Paul Bourdier, © MOONGIFT FILMS

Trinh T. Minh-ha ist Theoretikerin der Gender- und Postcolonial Studies an der University of California in Berkely und hat diese Woche an mehreren Veranstaltungen des Center for Teaching and Learning /CTL der Universität Wien teilgenommen, unter anderem an der Lecture Performance "who/man: words overlap music. A lecture-performance on writing identities".

Trinh T. Minh-ha: Ich versuche meinen Lesern immer etwas anzubieten, was ich "work in progress" nenne. Viele Menschen, vor allem Akademiker, tendieren dazu Denkprozesse minderwertiger einzustufen als ein vermeintlich fertiges, abgeschlossenes Produkt. Der Prozess ist dann etwas Unfertiges, etwas Unvollständiges. Das sehe ich nicht so. Für mich steht "work in progress" für unsere Realität. Unser Leben ist ein Prozess, wir verändern uns ständig, alles verändert sich laufend. Um am Leben zu sein, müssen wir Teil eines Prozesses sein.

In ihrem Buch "Women, Native, Other" schreiben Sie über den speziellen Status von marginalisierten Gruppen. Einen Schwerpunkt legen Sie dabei auf schreibende Frauen in Afrika. Warum nehmen diese Menschen eine Sonderstellung in der Gesellschaft ein?

Wenn sich jemand von gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen auch nur ein bisschen abhebt, dann ist es fast so, als sei dieser Mensch in Sonderbehandlung. Seine Differenz muss herausgestellt werden. Geschlecht ist zum Beispiel so ein Differenzmerkmal. Diese Menschen - das kann eine gute Schriftstellerin, eine gute Lehrerin oder eine gute Rednerin sein - werden dann nicht für ihr Schaffen anerkannt. Der Arbeit von ausgegrenzten, "speziellen" Menschen, wird immer ein Label aufgedrückt.

Und die Frage des Geschlechts ist hier grundlegend. Denn wenn man schreibt und man wirklich darauf eingeht, was es bedeutet das als Frau zu tun, dann beeinflusst das die Arbeit fundamental. Wenn ich also das Problem der Differenz anspreche, dann kritisiere ich, dass die dominante Gesellschaft diese Differenz nicht ertragen kann, außer sie kann selber definieren, wie diese Differenz beschaffen ist. Wenn die Gesellschaft Differenz definiert, dann heißt das zum Beispiel, dass über das "Andere" gesprochen wird, dass für das "Andere" Wörter und Beschreibungen geschaffen werden.

Ist das ein Phänomen, das Sie vor allem in Zusammenhang mit Frauen beobachten?

Nein, es wuchert überall in unserer Gesellschaft. Wenn sie zum Beispiel das französische Fernsehen aufdrehen, dann sehen sie dort viele Menschen mit Migrationshintergrund. Deren Eltern kommen aus allen Teilen der Welt, aber sie sind französische Staatsbürger. Sie sprechen teilweise besser Französisch als die Franzosen. Aber die Art und Weise, wie diese Menschen die gängige Kultur kritisieren, wird nicht zur Gänze wahrgenommen.

Gewisse Aspekte und Probleme werden diskutiert. Aber wie diese marginalisierten Gruppen ihre Kritik äußern, wird vernachlässigt, wie sie diese Kritik aussprechen, aufschreiben, wie sie sich präsentieren. Aber das wäre wichtig. Denn man erkennt sofort, ob die Person sich der dominanten Wertvorstellungen bewusst ist oder nicht, sich an diese anpasst oder nicht.

Das Konzept der Differenz kommt auch bei solchen kleinen Beobachtungen zum Tragen. Die vorherrschende Sprache, Grammatik, Sprechkonvention, sie bestimmen alles, was wir tun. Das sollten wir nicht zulassen. Wenn man eine Position der Differenz repräsentieren will, dann muss man auch gehört und gesehen werden. Die Differenz muss auch in der Art und Weise, wie wir uns präsentieren, sichtbar werden.

In ihrem Buch "Women, Native, Other" sprechen Sie auch über sogenannte "Hyphenated Identities", also durch einen Bindestrich gespaltene Identitäten.

Es gibt im Englischen diese Begriffe: afro-american, native-american, asian-american. Politisch marginalisierte Menschen hassen diese Bindestrich- Bezeichnungen. Es gab eine Zeit, in der die Betroffenen diese Bindestriche verweigert haben. Sie wollten damit sagen: "Wir sind genauso wie ihr." Das ist ein politischer Schritt gewesen. Wenn man von der Gesellschaft abgelehnt wird, dann pocht man auf seine Rechte, auf die gleichen Rechte wie alle anderen. Und damit sagt man: "Ich bin wie du."

In meiner Arbeit sage ich dagegen, jedes Mal wenn ein Mensch etwas äußert, dann steht das für mehrere unterschiedliche Haltungen und nicht für eine eindeutige Aussage. Wenn ich sage: "Ich bin wie du, ich bin auch Amerikanerin, ich habe die gleichen Rechte und ich lebe auf die gleiche Art wie du", dann bestätige ich damit die Differenz erst recht. Dadurch, dass ich die Gleichheit betonen muss, betone ich auch, dass ich wie du bin, aber eben auch anders.

Und ich bringe diese Diskussion um den Bindestrich zurück, weil er an und für sich fragwürdig ist. Ich will nicht diese alten, zusammengesetzten Bezeichnungen wieder bringen, sondern diesen Bindestrich als etwas Trennendes, als Rammbock zwischen den Identitäten verdeutlichen. Der Bindestrich steht für einen noch unbekannten Raum, nicht für das Eine oder das Andere. Dieser Bindestrich interessiert mich.

Sie haben sich auch mit dem Stellenwert der "oral history" in der Geschichtsschreibung beschäftigt, die nach wie vor vernachlässigt wird ...

Das kommt aus der Zeit, in der ich in Afrika gelebt und unterrichtet habe. Als ich dort angekommen bin, habe ich nichts über diesen Kontinent gewusst und es war auch sehr schwierig etwas über die Kultur und die Menschen zu erfahren. Denn, wenn man Intellektuelle, hauptsächlich Franzosen und Afrikaner danach fragt, dann sagen sie: "Hier gibt es keine Kultur, weil es auch keine Geschichte gibt." Das hat mich schockiert. Denn die Menschen, mit denen ich sprach, haben 15 Jahre ihres Lebens dort verbracht.

Und das liegt daran, dass sie "oral history", die mündliche Überlieferung, nicht zur Geschichtsschreibung zählen. Dabei war ich, als ich mich näher damit zu beschäftigen begann, fast überwältigt von der Fülle an Geschichten und Geschichte, die es in Afrika gibt. Das gesprochene Wort ist dort nach wie vor unglaublich wichtig. Die Geschichten der Mütter und Großmütter spielen eine wichtige Rolle. Doch die Geschichtsschreibung verdrängt diese mündlichen Überlieferungen, die klar weiblich konnotiert sind, in den Bereich des Fiktionalen, des Mythos. Und diese Geschichten werden so aus der Geschichte ausgeklammert.

Man sieht hier das Dilemma des modernen Menschen auf den ersten Blick: Hören und Zuhören sind verkümmert. Und alles konzentriert sich in überproportionaler Weise auf schriftliche Aufzeichnungen. Das war schockierend für mich, dieses erste Zusammentreffen mit einem kolonialistischen Denken.

In ihrem letzten Buch "Elsewhere, within Here” beschäftigen Sie sich mit "Grenzen". Warum haben Sie dieses Thema aufgegriffen?

Ö1 Sendungshinweis:

Radiokolleg über "Blaxploitation, Emanzipation aus dem Ghetto": 3.-6.10, 9:45 Uhr.

Eine Grenze ist dort, wo etwas endet und gleichzeitig etwas beginnt. Eine Grenze kann etwas sehr hartes sein, wie eine Mauer. Und es werden dauernd Mauern gebaut auf der Welt. Jedes Mal, wenn es politische Probleme gibt, wird eine Mauer hochgezogen. Und es kann natürlich sein, dass man damit die Probleme löst, weil man die verfeindeten Gruppen trennt. Aber die Menschen, die von der Mauer unterdrückt werden, werden nicht müde zu sagen: "Egal wie hoch diese Mauer ist, wir werden sie überwinden. Und wenn wir unter ihr durchgraben müssen, wir finden einen Weg."

Sie schreiben in diesem Buch nicht nur über materielle, sondern auch symbolische Grenzen.

Zum Beispiel das Zwielicht, das ist ein Moment zwischen Tag und Nacht, wo die Stimmung sehr düster, sehr verworren wird. In diesem Moment kann man Grenzen rammen, sie verformen. Dort transformieren sich Identitäten. Die Menschen können dann zum Beispiel einen Hund für einen Wolf halten.

Sie sind Filmemacherin, Komponistin und Wissenschaftlerin. Beeinflussen sich diese Arbeitsfelder gegenseitig?

Es wird immer versucht, meine Arbeit zu klassifizieren, sie in zwei Arbeitsbereiche zu teilen: den künstlerischen Bereich und den wissenschaftlichen. Aber für mich ist das eins.

Wenn ich einen Film mache und darüber spreche, dann beurteilen andere Filmschaffende meine Aussagen immer als wissenschaftlich, als theoretisch. Und wenn ich an der Universität über meine Arbeit spreche, dann werde ich oft als Filmemacherin dargestellt oder mein Zugang als kreativ und eben nicht wissenschaftlich klassifiziert. Dann wird bei mir dieser "spezielle" Zugang zum theoretischen Arbeiten betont.

Ich bekomme also auch eine Spezialbehandlung. D.h. ich bewege mich immer zwischen diesen beiden Welten, weil mich beide klassifizieren wollen. Und beide nehmen mich dann nicht wahr. Ich musste also mein eigenes Feld begründen. Aber das hat mir unglaublich viel Kraft gegeben.

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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