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Ein Eisbär liegt mit seinem Kopf auf einem Stein.

Die Arten schrumpfen

Eisbären, Eichhörnchen und Erdbeeren haben eines gemeinsam: Ihre Körper sind in den vergangenen Jahrzehnten im Durchschnitt geschrumpft. Betroffen sind noch sehr viele anderen Arten der Tier- und Pflanzenwelt, berichten Biologen der Universität Singapur. Verantwortlich dafür sei die Klimaerwärmung.

Klimaerwärmung 17.10.2011

Die Biodiversitätsforscher Jennifer Sheridan und David Bickford von der National University of Singapore haben in einem Überblicksartikel Studien zu 85 Arten ausgewertet. Bei 38 von ihnen zeigte sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Reduktion der Körpergröße.

Die Studie:

"Shrinking body size as an ecological response to climate change" von Jennifer Sheridan und David Bickford ist in "Nature Climate Change" erschienen.

Verschiedenen Anpassungen

Dass Fauna und Flora auf die steigenden Temperaturen reagieren, ist in vielerlei Hinsicht dokumentiert. Viele Arten verlegen ihren Lebensraum, wandern auf der Suche nach kühleren Temperaturen Richtung Norden oder in höher gelegene Gebiete, verändern auch den Zeitpunkt ihres Reproduktionszyklus.

Der Klimawandel wirkt sich aber auch unmittelbar auf die durchschnittlichen Körpergrößen aus, wie der bisher umfassendste Review zu dem Thema festhält. Betroffen sind so unterschiedliche Arten wie Baumwolle, Erdbeeren, Krebse, Karpfen, Heringe, Lachse, Frösche, Möwen, Rotkehlchen, Eichhörnchen und Luchse.

Direkte und indirekte Wirkungen

Die Wirkung bei wechselwarmen Tieren wie Insekten, Reptilien und Amphibien sei direkt: Laut Experimenten führt ein durchschnittliches Plus von einem Grad Celsius in der Umgebung zu einer zehn Prozent höheren Stoffwechselrate - die Tiere schrumpfen, um diesen Zuwachs zu kompensieren. Bei anderen Arten kommen laut den Forschern indirekte Effekte zum Tragen, etwa bei Räubern, deren Beutetiere bereits geschrumpft sind.

Bei einigen Arten - speziell bei Pflanzen - ist das Phänomen durchaus überraschend. "Wenn es mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre gibt, sollten Planzen eigentlich größer werden", sagen Sheridan und Bickford. Die Mischung aus veränderter Temperatur, Feuchtigkeit und zur Verfügung stehender Nährstoffe scheint bei einigen aber zu einer Entwicklungshemmung zu führen, so etwa bei Kukuruz und Passionsfrüchten.

Warnung und Beruhigung

Ö1 Sendungshinweise:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 17.10., 13:55 Uhr.
Radiokolleg über "Die Haut der Erde - Ressource Boden": 10.-13.10, 9:05 Uhr.

Obwohl der genaue Schrumpfmechanismus noch nicht bekannt ist, warnen die Forscher vor seinen Auswirkungen, speziell was Biodiversität und Nahrungsmittelversorgung für den Menschen betrifft. "Weniger Nährstoffe, weniger Verfügbarkeit von Essen und Wasser hängen mit dem Klimawandel und den schrumpfenden Organismen zusammen", schreiben sie in ihrer Studie.

Andere Experten halten es für überzogen, den Klimawandel für die Größenveränderungen verantwortlich zu machen. Solche Veränderungen seien ein normales Phänomen, sagte Yoram Yom-Tov von der Universität Tel Aviv, dessen Studien zum Teil von Sheridan und Bickford verwendet wurden.

"Wenn die Bedingungen günstig sind, wachsen Arte und vermehren sich stärker. Verschlechtern sich die Bedingungen, tun sie das Gegenteil. Die meisten Arten werden sich an den Klimawandel anpassen und nicht aussterben", meinte er gegenüber der Nachrichtenagentur AP. "Es gibt keinen Grund für Alarm."

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