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Künstlerhaus Wien

Das Künstlerhaus und die Nazis

Aus Anlass des 150-Jahre-Jubiläums des Wiener Künstlerhauses stellt sich die Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs einem unrühmlichen Kapitel ihrer Vergangenheit. "Das Künstlerhaus im Nationalsozialismus" lautet der Titel einer interdisziplinären Tagung.

Tagung 18.10.2011

Sie findet die am Donnerstag und Freitag (20./21. Oktober) statt. "Die Institution war sicher nationalsozialistisch instrumentalisiert", sagt der Kunsthistoriker Richard Kurdiovsky, von dem das Tagungskonzept stammt. "Und sie hat sich auch instrumentalisieren lassen."

Profiteure des Regimes

Das Künstlerhaus war neben der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) die einzige Künstlervereinigung, die von den Nationalsozialisten nach dem "Anschluss" zugelassen wurde. Der Hagenbund wurde aufgelöst, die Secession mit dem Künstlerhaus zusammengeführt. "Das heißt aber nicht, dass alle Mitglieder Nazis waren", so Kurdiovsky im Gespräch mit der APA. Zwei Künstlerhaus-Präsidenten sind es allerdings, die eine nicht unwesentliche Rolle in der NS-Kulturpolitik gespielt haben: Der Maler Leopold Blauensteiner, der bereits 1933 NSDAP-Mitglied wurde und 1938/39 dem Künstlerhaus vorstand, avancierte zum Landesleiter der Reichskammer der bildenden Künste in Wien. Rudolf Eisenmenger, dessen Kunst von Adolf Hitler bewundert wurde, war 1939-45 Künstlerhaus-Präsident.

Tagung

"Das Künstlerhaus im Nationalsozialismus", Tagung im Künstlerhaus, 20. / 21. Oktober, jeweils ab 9 Uhr;

Veranstalter und Kooperationspartner: Künstlerhaus, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, Verband österreichischer Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, Kommission für Kunstgeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Eisenmenger arbeitete nach dem Krieg weiter und erhielt zahlreiche öffentliche Aufträge und Preise. Seine Rolle in der NS-Zeit wurde in den vergangenen Jahren vor allem anhand seines 1955 für die Wiener Staatsoper geschaffenen Eisernen Vorhangs thematisiert, der seit 1998 von jährlich wechselnden künstlerischen Gestaltungen überdeckt wird. "Kontinuitäten und Brüche sind auch für das Künstlerhaus ein spannendes Thema", erklärt Kurdiovsky. So sei das erst 1948 durch Umbau eines Ausstellungssaales entstandene Künstlerhaus-Kino "ein Gesamtkunstwerk, das engste Beziehungen zur NS-Zeit und zum Austrofaschismus aufweist".

Propagandaausstellungen

"Die Pläne für die Renovierung des Kinos sind fix und fertig", sagt Künstlerhaus-Direktor Peter Bogner. "Es ist ein Zeitzeugnis, das die konservative und retrospektive Ausrichtung der Kulturpolitik der Nachkriegszeit widerspiegelt. Wir wollen es erhalten, aber auch reflektieren, in welchem Umfeld es entstanden ist." Innenarchitektur und Programmierung des Kinos sind ebenso wie der Umgang mit den jüdischen Mitgliedern des Künstlerhauses Gegenstand von Vorträgen der Tagung.

Thematisiert werden auch nationalsozialistische Propagandaausstellungen, die im Künstlerhaus abgehalten wurden: Der Wiener Ableger von "Entartete Kunst" wurde 1939 in nur 31 Tagen von 90.000 Besuchern gestürmt, auch "Berge und Menschen der Ostmark" oder "Ein Maler erlebt die Reichsautobahn" diente politischen Zwecken, ebenso wie eine große Retrospektive zum 25. Todestag von Gustav Klimt 1943.

Das Künstlerhaus wird die Tagung auch selbst mit einer kleinen Ausstellung begleiten: Im Keller haben sich einige in der NS-Zeit entstandene Kunstwerke gefunden, die mit Erinnerungen an damals aus dem Künstlerhaus ausgeschlossene jüdische Mäzene und Förderer konfrontiert werden. Die Tagung soll aber nur den Auftakt zu weiteren Forschungen darstellen. Bogner: "Wir haben exzellente Bestände in unserem Archiv und wollen das Interesse darauf lenken."

Nazi-Humor: "Aufrollung der Judenfrage"

Eine Einladungskarte zur "Sternfahrt zum Gschnasfest in Groß-Wien" des Jahres 1939 zeigt einen illustrierten Stadtplan in gezeichneter Form mit dem damaligen "Wiener NS-Humor".

APA/Künstlerhaus Archiv

Ausschnitt der Einladungskarte

Im Archiv befindet sich auch die Einladungskarte zum Künstlerhaus-Gschnas des Jahres 1939. Der illustrierte Stadtplan, der zur "Sternfahrt zum Gschnasfest in Groß-Wien" einlädt, zeigt in gezeichneter Form etwa die "Aufrollung der Judenfrage" in der Leopoldstadt, eine "Gigoloverwertung" als straßenbürstende Reinigungskolonne oder ein "Umschulungslager", in dem die Neuzugänge direkt im Siedekessel landen. Wiener NS-Humor, ein halbes Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Auch mit diesem Kapitel beschäftigt sich die Tagung.

Ein neues Kapitel soll dagegen am 11. November aufgeschlagen werden: Mit einem großen Fest lässt man zum 150. Geburtstag des Künstlerhauses das einst legendäre Gschnas wieder aufleben. Die Dekoration entsteht live: 50 Beamer sollen das leere Haus zu einem bewegten, immer neuen Gesamtkunstwerk machen. Die Gäste sind dazu angehalten, sich möglichst fantasievoll zu kostümieren. Motto des Abends: "Untragbar".

science.ORF.at/APA

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