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Ein Geschäftsmann unterschreibt einen Vertrag

Nichts zu verlieren als die Kettenverträge

Vor 15 Jahren hat sich an Österreichs Unis eine Interessensgemeinschaft gegründet, die für die Rechte der externen Forschenden und Lehrenden eintrat. Bis heute sind diese von geringer Entlohnung, befristeten Verträgen und wenig Mitsprache im Unialltag betroffen. Zum Jubiläum skizziert die "IG LektorInnen" den aktuellen Stand.

Hochschulen 21.10.2011

Claus Tieber und Thomas Schmidinger, der aktuelle und der vorangegangene Präsident der Interessensgemeinschaft, präsentieren in einem Gastbeitrag auch einige ihrer Forderungen.

Zur Lage der Lehrenden und Forschenden

Von Thomas Schmidinger und Claus Tieber

Über die Autoren:

Claus Tieber und Thomas Schmidinger im Porträt

privat

Claus Tieber (links) ist als habilitierter Filmwissenschaftler Lektor am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaften der Universität Wien und Projektleiter am Fachbereich Musik- und Tanzwissenschaft der Universität Salzburg. Seit 2010 ist er Präsident der IG LektorInnen.

Thomas Schmidinger (rechts) ist Lektor am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Von 2009 bis 2010 war er Präsident der IG LektorInnen und hat sich in verschiedenen Bereichen der Protestbewegung engagiert. Im Studienjahr 2010/11 war er Research Fellow an der University of Minnesota.

Bei dem Text handelt es sich um die Kurzfassung eines Beitrags, der in der Broschüre Wissensarbeit: Prekär: Organisiert zum 15-jährigen Bestehen der IG LektorInnen erschienen ist.

Veranstaltungen:

Am Freitag, 21. Oktober 2011, 19:00, findet an der Akademie der bildenden Künste (Sitzungssaal Schillerplatz, 1010 Wien) ein Jubiläumsfest statt.

Die Broschüre wurde auf dem "Soziale Bewegungen und Social Media Camp" vorgestellt.

Links:

Da die Lehre an der Massenuniversität mit dem festen Personal allein nicht bewältigbar ist, wurden und werden Lehraufträge auch an "Externe" vergeben. Bei allen Problemen, die damit einhergingen, entstand so auch ein besonders vielfältiges Lehrangebot, das sich durch den vielfach eingeforderten Praxisbezug vieler LektorInnen bzw. den unmittelbaren Bezug zu innovativer Forschung auszeichnet. Diese Vielfalt wurde und wird von ausländischen Universitäten mitunter mehr geschätzt als vor Ort.

LektorInnen an den österreichischen Hochschulen decken in einigen Studienrichtungen deutlich mehr als die Hälfte der Lehre ab. An der größten Universität Österreichs, der Universität Wien, stellt die Internationale Entwicklung (IE) mit über 90 Prozent der Lehre die Spitzenreiterin dar, gefolgt von Studienrichtungen der Sozialwissenschaftlichen Fakultät, wie Politikwissenschaft oder Kultur- und Sozialanthropologie mit weit über 50 Prozent.

Trotzdem sind die LektorInnen nicht in die universitären Strukturen eingebunden. Infrastruktur wie Büro, Computer, Drucker und anderes wird nicht an allen Instituten zur Verfügung gestellt; in Entscheidungsfindungsprozesse an der Universität sind sie kaum eingebunden.

Keine Mitsprache

LektorInnen gehören ebenso wie Drittmittelangestellte dem sogenannten "wissenschaftlichen Personal", somit zur bisher "Mittelbau" genannten Kurie an. Damit ist ihnen rein formal der Zugang zur Vertretung ihrer Interessen auf allen im Universitätsgesetz 2002 (UG 02) bzw. den diversen Universitätssatzungen vorgesehenen Ebenen der Universität ermöglicht.

De facto sind LektorInnen nur in Ausnahmefällen in Instituts- und Studienkonferenzen und so gut wie gar nicht in höher angesiedelten Gremien vertreten. Dies ist zum einen auf die strukturelle Benachteilung durch die kurzfristigen Verträge zurückzuführen, die es erschweren bzw. verunmöglichen, sich für die allesamt auf mehrere Jahre befristeten Funktionen in den diversen Gremien wählen zu lassen.

Zum anderen aber ist die Entscheidungsfindung an den Universitäten noch immer von patriarchalen Strukturen geprägt, die umso deutlicher werden, je weiter frau sich in der Universitätshierarchie nach oben bewegt.

Obergrenze von 7,99 Semesterwochenstunden

LektorInnen stellen eine intern stark diversifizierte Gruppe dar. Während es sich bei einem Teil um jungen Nachwuchs handelt, unterrichtet ein anderer Teil seit vielen Jahren regelmäßig, die einen zwischen zwei und vier Semesterwochenstunden, einige bis zur derzeit gültigen Obergrenze von 7,99 Semesterwochenstunden an einer Universität (für die Akkumulierung von Lehraufträgen an mehreren Universitäten gibt es keine Obergrenze).

Für die persönliche Lebenssituation der jeweiligen LektorInnen ist zudem entscheidend, ob und welche Tätigkeiten sie neben der universitären Lehre finden können. Seit dem Wintersemester 2009/10 verfügen alle LektorInnen, die zumindest zwei Semesterwochenstunden lehren über einen regulären Arbeitsvertrag und ein Einkommen, das für zwei Semesterwochenstunden knapp über der monatlichen Geringfügigkeitsgrenze von derzeit € 366,33 brutto im Monat liegt, womit sie auch sozialversichert sind.

Gefahren der "Senior Lecturers"

Ö1 Sendungshinweis:

Über die aktuellen Entwicklungen an den österreichischen Unviersitäten berichten auch die Ö1 Journale.

Auch wenn der seit dem Wintersemester 2009/10 in Kraft getretene Kollektivvertrag (KV) zumindest für eine gewisse Vereinheitlichung der Verträge gesorgt hat, blieben die Ergebnisse des KV weit hinter den Erwartungen der LektorInnen zurück. An den meisten Universitäten bleibt ihr Gehalt in etwa gleich hoch. Die IG LektorInnen sieht jedoch neue Gefahren durch das Bestreben, die bisherigen LektorInnen durch "Senior Lecturers" zu ersetzen.

In Bezug auf die Universität Wien wurde kritisiert, dass die angestrebten "Senior Lecturers" nichts mit den gleichnamigen Positionen an amerikanischen oder britischen Universitäten zu tun hätten. Dort ist es selbstverständlich, dass Senior Lecturers auch forschen, ihre Positionen sind eher mit den A.O. Professuren im deutschsprachigen Raum vergleichbar. Der "international" klingende Name des neuen Lehrpersonals soll verschleiern, dass es sich dabei um bloße Lehrer handelt, die durch eine extreme Stunden- und Studierendenüberlastung von 13 bis 16 Semesterwochenstunden, an Forschung gehindert werden.

Diese Trennung von Forschung und Lehre widerspricht einem der Grundpfeiler der Universität. In der Praxis wurden Senior Lecturer-Stellen bislang vorwiegend als Halbtagsstellen vergeben, was zu neuen Problemen führt, wenn halbtags bezahlt und ganztags gearbeitet wird.

"Neuer Mittelbau"

Von den beschriebenen Prekarisierungsprozessen sind jedoch nicht nur LektorInnen betroffen, sondern seit dem UG 2002 zum Teil auch andere WissenschafterInnen an den Universitäten, insbesondere der "neue Mittelbau" und die so genannten Drittmittelbeschäftigten bzw. ProjektmitarbeiterInnen.

Das UG 2002 führte zu einem Umbau des sogenannten Mittelbaus, also des wissenschaftlichen Personals mit Ausnahme der ordentlichen ProfessorInnen. Wurden die Angehörigen dieser Kurie zuvor unbefristet angestellt, in den Beamtenstatus erhoben und waren de facto unkündbar, so werden seit 2002 auf dieser Ebene nur noch befristete Qualifikationsstellen eingerichtet. Die politischen Eltern des UG 2002 (Schwarz-blau) gingen - nicht ganz frei von Empirie, aber nichtsdestotrotz ideologisch motiviert - davon aus, dass die Verbeamtung von WissenschafterInnen zur verminderten Produktivität derselben führt.

So stehen nunmehr Leistungsvereinbarungen auf der Agenda der Universitäten. Dem liberalen "Leistung muss sich lohnen"-Credo, welches etwa in den Leistungsvereinbarungen zwischen wissenschaftlichem Personal und Universitäten zum Ausdruck kommt, steht jedoch eine Wirklichkeit gegenüber, in der Leistung keinerlei Rolle spielt.

Leistung spielt gar keine Rolle

Der gesamte "neue Mittelbau", also Inhaber unterschiedlicher prä- und postdoc-Stellen, wurde zu einer zeitlich befristeten Angestelltengruppe umgewandelt, deren Verträge mit Bezugnahme auf die so genannte "Kettenvertragsregelung" nach maximal acht Jahren nicht verlängert werden können. Diese Beschränkung gilt paradoxerweise gänzlich unabhängig von ihrer Leistung, also ob die Inhaber dieser Stellen international anerkannte Forschung betrieben oder nur ihre Zeit abgesessen haben.

Diese Handhabung der "Kettenvertragsregelung" führt ihre ursprüngliche Intention ad absurdum: Sie besagt eigentlich, dass einem befristeten Arbeitsverhältnis nur in Ausnahmefällen - und maximal acht Jahre lang - wieder ein befristetes folgen darf. Treffen diese Ausnahmeregelungen nicht zu, würde ein weiterer Vertrag per Gesetz als unbefristet gelten. Die Regelung soll damit davor schützen, über lange Zeiträume in unsicheren, befristeten Anstellungsverhältnissen gehalten zu werden.

Manche Universitäten in Österreich - etwa die Universität Klagenfurt - stellen daher etwa auch Drittmittelangestellte auf unbefristeten (kündbaren) Verträgen an und gibt ihren MitarbeiterInnen damit eine gewisse Planungssicherheit - zumindest so lange, wie deren Finanzierung über Drittmittelakquisition gesichert ist. Andere Universitätsleitungen - etwa an der Universität Wien - haben sich entschieden, in solchen Fällen grundsätzlich keine unbefristeten Verträge zu vergeben.

Unter diesem Umgang mit der Kettenvertragsregelung leiden sowohl Lehrende als auch die MitarbeiterInnen von drittmittelfinanzierten Forschungsprojekten, die nach einigen Jahren nicht einmal mehr die Möglichkeit haben, sich über selbst eingeworbene Projekte an ihrer Universität weiter beschäftigen zu lassen.

Faculty versus Ordinariensystem

Die im Kollektivvertrag versprochenen unbefristeten Laufbahnstellen existieren bislang fast nur auf dem Papier. Die Zusammensetzung der Institute mit befristeten Qualifikationsstellen einerseits und weiterhin unbefristeten Professuren führt zwangsläufig zu einem Wiederaufleben des international überholten Ordinariensystems, also zu einer stärkeren Hierarchisierung an den Instituten.

Demgegenüber stünde ein Faculty-System, in dem sich die MitarbeiterInnen eines Instituts nicht von vornherein in eine vorgegebene Rangordnung einordnen müssen. Voraussetzung hierfür sind jedoch "tenure tracks", unbefristete Verträge mit Qualifikationsvereinbarung.

Ein erfolgreiches Faculty-Modell gäbe allen an der Universität arbeitenden Personen die gleichen Rechte und führt daher auch zu einer erhöhten Identifikation mit der Universität und einer stärkeren Motivation in Forschung und Lehre. Beim aktuellen Ausmaß an Frustration und Demotivation an vielen Instituten wäre dies dringend notwendig.

Schwierigkeiten der Organisierung

Eine 2010 publizierte Untersuchung bemerkte, dass neben den mangelnden Perspektiven "die Vielfalt an Vertragsverhältnissen zur Pluralisierung der Identitäten und Interessen der wissenschaftlichen Beschäftigten" beitrage. Dies erschwert letztlich auch eine gemeinsame Interessenvertretung.

Trotzdem führte die Unzufriedenheit mit dem Kollektivvertrag, das Auslaufen der ersten befristeten Anstellungen des "neuen Mittelbaus" und das drohende Ende universitärer Karrieren durch die "Kettenvertragsregelung" für Drittmittelangstellte, bereits im Laufe des Studienjahres 2008/2009 zu einer stärkeren Organisierung der betroffenen Statusgruppen. Mit Beginn der Uniproteste im Herbst 2010 wurden auch die Proteste von Lehrenden und Forschenden in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen.

Die IG LektorInnen solidarisierte sich bereits nach der ersten Nacht der Audimax-Besetzung mit den Protestierenden und lud wenige Tage später gemeinsam mit anderen zu einem Lehrenden- und Forschendentreffen ein an dem ca. 150 MitarbeiterInnen aus Wiener Universitäten teilnahmen. Daraus entwickelte sich ein regelmäßig tagendes Plenum, das mit dem Label der "Squatting Teachers" wesentlich zur Sichtbarkeit von Lehrenden in der Protestbewegung beitrug.

Im Zuge der Studierendenproteste gelang es auf die prekäre Lage der in befristeten Verträgen Beschäftigten aufmerksam zu machen. Diese auch tatsächlich zu verbessern kann nur gelingen, wenn sich der Organisationsgrad der Betroffenen auf allen Ebenen erhöht. Die Fundamente hierfür sind gelegt. Nur wenn sich die Betroffenen organisieren und gemeinsam aktiv werden, haben sie eine Chance auf Veränderung. Sie haben nichts zu verlieren als ihre Ketten(verträge).

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