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Entleerte Kunststoffdosen und diverse Tabletten.

Antibiotika meist unnötig und oft falsch

Ein Gutteil der Antibiotika-Verschreibungen ist unnötig, etwa ein Drittel falsch, sagt ein Wiener Mediziner bei einer Pressekonferenz. Zur Bekämpfung von Resistenzen durch Übergebrauch der Medikamente sollte es eine "Antibiotika-Steuer" geben.

Medikamente 20.10.2011

"90 Prozent der akuten Fälle von Bronchitis sind virale Infektionen. Drei Viertel der Antibiotika gehen in die respiratorischen Infektionen. (...) Man kann sich vorstellen, dass ein Drittel der Antibiotika falsch verschrieben werden", sagte Florian Thalhammer, Spezialist von der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin an der Medizinischen Universitätsklinik I (MedUniWien/AKH). Bei Virusinfektionen wirken die gegen Bakterien gerichteten Medikamente aber nicht. Der Fehl- und Übergebrauch führt bloß zu Resistenzen.

Großes Einsparpotenzial

Hier gibt es laut dem Experten eine bedenklich Entwicklung: Weil die ehemals so häufig verschriebenen Fluorchinolone bei Pseudomonas-Infektionen nicht mehr wirken, muss mit anderen Antibiotika behandelt werden. Thalhammer: "Eine Pseudomonasinfektion heißt ab sofort immer Krankenhausaufenthalt." Dies deshalb, weil die dann noch zur Verfügung stehenden Medikamente nur per Infusion verabreicht werden können und für die Ärzte in niedergelassener Praxis bisher auch kaum von den Krankenkassen vorgesehen wurden.

Der Fachmann formulierte zur Bekämpfung des zu häufigen Gebrauchs generell zumeist billiger Antibiotika folgende Idee: Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) sollte statt einer "Reichen-Steuer" eher eine "Antibiotika-Steuer" einführen. Das würde die Häufigkeit der Verwendung der Medikamente - speziell der unnötigen - reduzieren und damit Geld herein bringen und Kosten (durch Vermeidung von Komplikationen etc.) reduzieren.

Auf anderen Gebieten dürfte die Entwicklung bei den Antibiotikaresistenzen aktuell in Österreich eher positiv verlaufen. Thalhammer nannte hier Zahlen, die auch im nächsten offiziellen AURES-Bericht zur Situation in Österreich genannt werden dürften: "Die Häufigkeit von Resistenzen gegen Makrolid-Antibiotika ist bei Pneumokokken von 15 auf zehn Prozent zurück gegangen." In den vergangenen Jahren habe sich auch die Häufigkeit von Methicillin-resistenten Staphylokokkus aureus-Infektionen verringert.

Einsparpotenzial durch Impfungen

Wesentliche Einsparungen, so Wolfgang Maurer vom Zentrum für Public Health der MedUni Wien, könnten auch höhere Impfraten bringen: "Man hat errechnet, dass die Verhinderung eines Verkehrstoten rund 1,5 Millionen Euro kostet, eines Lawinentoten drei Millionen Euro. Bei über 65-Jährigen mit chronischer Herzkrankheit kostet die Verhinderung eines Todesfalls durch die Influenza-Impfung rund 1.000 Euro. Einen Todesfall bei einer Frau durch ein Zervixkarzinom könnte man über die HPV-Impfung mit einem Aufwand von 380.000 Euro verhindern."

Bei 195 Todesfällen in Österreich durch solche Karzinome, die zu 78,5 Prozent per Impfung verhinderbar (153 Fälle) wären, käme man auf ein sehr gutes Nutzen-Risiko-Verhältnis im Vergleich zu vielen anderen Maßnahmen, so Maurer. Schließlich die Pneumokokken-Impfung, die in Zukunft für alle Kinder in Österreich kostenlos werden soll, wie der Experte sagte: 69 Prozent eines breiten Impfschutzes unter Kindern betreffe Erwachsene und ältere Menschen, weil die Pneumokokken einfach in ihrer Häufigkeit zurück gedrängt würden ("Herdenimmunität).

science.ORF.at/APA

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