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Eine Frau flüstern einem Mann etwas ins Ohr

Offene und andere Geheimnisse

Was ist öffentlich, was privat oder geheim? Diese Grenzziehungen sind nicht erst seit unserem Zeitalter digitaler Daten brisant. Ein Biotop, in dem Geheimnisse besonders blühten, war der Hof der spanischen Habsburger. Wie diese Geheimnisse das politische und private Leben prägten, hat der Hofdichter Calderón eindringlich beschrieben.

Kulturwissenschaft 24.10.2011

Der Romanist Wolfram Aichinger beschreibt Calderón in einem Gastbeitrag als gleichsam besessen vom Verbergen und Enthüllen.

Schein und Geheimnis im spanischen Barock

Von Wolfram Aichinger

Der Autor:

Der Romanist Wolfram Aichinger im Porträt

privat

Wolfram Aichinger lehrt spanische und französische Literatur an den Universitäten Wien, Innsbruck und Klagenfurt und ist derzeit IFK_Research Fellow.

Publikationen zuletzt: gem. mit Simon Kroll (Hg.), Geheimnisse. Calderón de la Barca und die Chiffren des Barock, Wien 2011; Pintura viva. Einführung in Bedeutung, Funktionen und Ausdruckmittel literarischer Texte, Wien 2010.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 24.10. hält Wolfram Aichinger einen Vortrag mit dem Titel "Schein und Geheimnis im spanischen Barock".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Geheimnisse regulieren soziale Beziehungen, bestimmen über Nähe oder Distanz, erzeugen geteilte Aufmerksamkeit hin auf das Faszinosum des Verborgenen, setzen Anstrengungen des Entschlüsselns in Gang, rhythmisieren soziale Zeit, indem sie gespannte Erwartung herstellen, die sich in den großen Momenten der Enthüllung entlädt.

Geheimnisse zeigen die Gunst der Mächtigen an und die Loyalität der Untergebenen. Sie verleihen denjenigen, die bedeutende Geheimnisse besitzen und hüten, besonderes Prestige.

Bemerkenswert ist, dass nicht alle Geheimnisse lichtscheu sind. Offene Geheimnisse sind solche, die zwar allen sichtbar, dennoch aber mit Kommunikationsverbot belegt sind. Dabei kann auch ein Nicht-Vorhandensein zum offenen Geheimnis werden, seien es des Kaisers neue Kleider oder Cervantes' Wunderaltar, den alle zu sehen vorgeben, da sie sonst ihre nichtchristliche Abstammung eingestehen würden.

Ein Leitmotiv bei Calderón

Im Jahr 1642 wird in Madrid die Komödie "El secreto a voces/Das laute Geheimnis" von Pedro Calderón de la Barca uraufgeführt: Die Handlung entspinnt sich um eine tyrannische Herzogin, die ihren eigenen Sekretär begehrt und daher dessen Liebe zu einer ihr unbekannten Dame stören und zerstören will. Sekretär und Dame erfinden einen geheimen Code, der es ihnen erlaubt, vor versammelter Hofgesellschaft Botschaften auszutauschen.

Die Geheimsprache ist einfach - das erste Wort jedes Verses ist für den Eingeweihten bestimmt, der Rest ist Pseudo-Sinn für die Umstehenden. Doch ist damit wohl nur eine, die offensichtliche Bedeutungsebene des "lauten Geheimnisses" genannt.

Geheimnis und offenes Geheimnis sind Leitmotive, die im Verlauf des Stückes in all ihren Möglichkeiten durchgespielt werden und verschiedenste Bedeutungen entfalten. Calderón entwickelt dabei Motive weiter, die er bereits in anderen "Komödien der Geheimhaltung" einführte (Wenn man sein Geheimnis nicht verschweigt; Schweigen können ist alles; Für heimliche Schmach, heimliche Rache).

Heimlichkeiten am Hof

Beispiel für ein Geheimnis - ein Akrostichon

Wolfram Aichinger

Beispiel für ein Geheimnis: ein Akrostichon - die Anfangsbuchstaben ergeben den Namen des letzten spanischen Habsburgerkönigs.

Als Sprössling einer Dynastie von Sekretären, als Teilhaber und Zeremonienmeister höfischen Lebens war er eng vertraut mit der Brisanz, die der Gegenstand am spanischen Habsburgerhof, Mittelpunkt der Künste und Herrschaftszentrum eines Weltreichs, besaß: Da gab es geheime Zeichen (mit Fächer oder Tüchlein) und heimliche Briefe (versteckt in Handschuhen), die zwischen den Hofdamen und ihren Galanen zirkulierten. Da gab es heimliche Liebe und heimliche Hochzeit.

Eine solche Vermählung war keine Privatsache, wenn etwa der Jungvermählte unehelicher Sohn des mächtigsten Mannes, des Conde-Duque de Olivares war und dazu bestimmt, den Vater als Mitglied der höchsten Gesellschaft zu beerben. Es gab geheime Versammlungen und Geheimpapiere zur Reform der Regierung und der Finanzen, zum Umgang mit dem gefährlichen Hochadel, zur Art und Weise, wie die Infanten am besten zu verheiraten und von konspirativer Tätigkeit fernzuhalten seien.

Spione, Beichtväter und Sekretäre

Ein ganzes Netz von Spionen arbeitete dem tief misstrauischen und beständig intrigierenden Olivares zu, dessen Truppen im Jahr 1642 an mehreren Fronten in Europa und Übersee kämpften und gleichzeitig die Aufständischen in Katalonien und Portugal niederzuschlagen suchten. Ausländische Botschafter erfüllten heimliche Missionen für ihre Könige, und vermeldeten die geringsten Vorkommnisse in Madrid pflichttreu und in Geheimschrift.

Schlüsselfiguren an diesem Hof, an dem der König dem Bruder und der Favorit dem Neffen misstraute, waren Beichtvater und Sekretär. Der erste agierte dort, wo sich Politik und höhere Sinnstiftung trafen.

Der Geheimschreiber, der Sekretär, dagegen kontrollierte den Fluss von Information. Das heißt, es stand in seiner Macht, Nachrichten für Einzelne zu reservieren, zu beschneiden oder auch zu verfälschen. Er war mächtig dadurch, dass er täglich mit den Mächtigsten verkehrte und Dinge wusste, die aus den innersten Kammern der Macht stammten. Bestehen konnte ein Höfling - so der Jesuit Baltasar Gracián - in diesem Milieu, wenn er "sein Wollen nur in Ziffernschrift" kundtue. "Die Zurückhaltung des Vorsichtigen kämpfe gegen das Aufpassen des Forschenden: gegen Luchse an Spürgeist, Tintenfische an Verstecktheit."

Von Cervantes bis Assange

Welche Verbindungen, Spiegelungen - und bedeutsamen Unterschiede ¬- lassen sich finden, zwischen der Wirklichkeit am Hofe der spanischen Habsburger und der Wirklichkeit des Theaters, das nach Maßgabe eigener Funktionen gebündeltes und verschlüsseltes soziales Leben auf die Bühne bringt?

Indem wir dieser Frage nachgehen, schärft sich vielleicht unser Blick für heutige Formen des Verhüllens und Spionierens, für den heutigen Wandel im Verhältnis von Privatem, Öffentlichem und Geheimem. Und hat nicht Julian Assange in einem Interview gemeint, Widerstand gegen den Zugriff der alles registrierenden, beobachtenden und überwachenden Macht könne sich nur mehr mit Hilfe der Kryptographie formieren?

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