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Kopf eines Tigerpython

Herztherapie à la Schlange

Pythons fressen Beutetiere, die so schwer sind wie sie selbst: Während sie verdauen, wachsen ihre Herzen um bis zu 50 Prozent. Forscher wollen die Wirkstoffe im Schlangenblut nun gegen Herzleiden einsetzen.

Fettsäuren 28.10.2011

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Man stelle sich einen Menschen vor, der einen 50-Kilo-Braten verdrückt. Selbst die Magendehnungs-Athleten der neuen US-Gourmand-Bewegung "Epic Meal Time" würden an dieser Aufgabe bereits im Ansatz scheitern. Doch für den Tigerpython sind solche Mahlzeiten kein Problem. Die in Südostasien beheimatete Riesenschlange kann ein Jahr lang fasten, wenn sie aber isst, dann richtig.

Die Studie

"Fatty Acids Identified in the Burmese Python Promote Beneficial Cardiac Growth", Science (doi: 10.1126/science.1210558).

Große Exemplare bringen über 50 Kilogramm auf die Waage, ihre Beute kann gut und gerne das Gleiche wiegen. Das Erstaunliche an diesen monströsen Mahlzeiten: Sie scheinen den Körper des Python nicht zu belasten. Wie Studien zeigen, springt der Python-Stoffwechsel nach dem großen Fressen sprunghaft (nämlich um das Vierzigfache) an und die Organe beginnen zu wachsen.

Das gilt besonders für das Herz. Nach 24 bis 72 Stunden ist es bereits um die Hälfte schwerer als zuvor - und offensichtlich schadet der Schwall an Nährstoffen im Blut weder den Gefäßen noch den Herzzellen. Leslie Leinwand ist nun dem Geheimnis des pythonesken Gourmandismus auf die Spur gekommen.

Fettsäuren stimulieren Herzwachstum

Die Biologin von der University of Colorado in Bolder hat das Blutplasma von Riesenschlangen im Verdauungsstatus untersucht und jede Menge Triglyzeride und Fettsäuren - die Bestandteile von Ölen und Fetten - identifiziert. Sie lagern sich nicht im Schlangenherzen ab, unter anderem deswegen, weil der Python gleichzeitig ein Schutzenzym aktiviert, die sogenannte Superoxid-Dismutase.

Das war zunächst keine große Überraschung, denn das Enzym gilt auch unter Medizinern als Schutzsubstanz für das menschliche Herz. Sehr wohl überraschend war jedoch das Ergebnis folgenden Versuchs: Leinwand verabreichte Mäusen eine entsprechend niedrigere Dosis jener Fettsäuren, die sie im Plasma der Schlangen gefunden hatte - und erzielte ein ähnliches Ergebnis. Auch die Herzen der Mäuse begannen zu wachsen.

Verantwortlich dafür dürften vor allem drei Komponenten sein, wie die Forscher im Fachblatt "Science" schreiben: Myristinsäure, Palmitinsäure und Palmitoleinsäure. Erstere ist - in gebundener Form - etwa in Koskosfett enthalten, die anderen beiden Komponenten sind Bestandteil vieler tierischer Fette und pflanzlicher Öle, Milchfett und Sanddornöl beispielsweise.

Trainingseffekt ohne Training

Dass Herzzellen größer werden, kann, muss aber nicht gut sein, betont Leinwand. Bei der sogenannten hypertrophen Kardiomyopathie, einer angeborenen Herzkrankheit, sind die Herzmuskeln ebenfalls verdickt. Doch sie neigen in diesem Fall auch zur Versteifung, stören den Blutfluss und führen vor allem bei jungen Sportlern zum plötzlichen Herztod.

Die Mäuse zeigten in den Versuchen keine Anzeichen steifer Herzmuskel, ihr Wachstum der Herzmuskulatur dürfte also der "guten" Kategorie zuzurechnen sein, das normalerweise durch durch Sport und andere körperliche Aktivitäten verursacht wird.

"Gut trainierte Athleten wie der Schwimmer Michael Phelps oder der Radfahrer Lance Armstrong habe große Herzen", sagt Leinwand. "Aber es gibt viele Menschen, die wegen eines Herzleidens keinen Sport machen können. Wir wollen versuchen, eine Behandlung zu entwickeln, die ihre Herzmuskelzellen dennoch wachsen lässt." Sollte das gelingen, wäre zweifelsohne vielen Herzkranken geholfen.

Das Stichwort Phelps respektive Armstrong freilich weist auch auf eine zweite potenzielle Abnehmergruppe des noch zu entwickelnden Herzmuskel-Präparats hin. Ein Schelm, wer dabei gleich an Doping denkt.

Robert Czepel, science.ORF.at

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