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"Ethik kann zur Rhetorik verkommen"

Ziele von Nachhaltigkeitsstrategien werden mitunter ethisch begründet. Doch der Bezug auf die Philosophie des richtigen Handelns ist bisweilen nur auf den ersten Blick einleuchtend. Im Detail und in der Frage der Umsetzung bleibt manches unklar.

Nachhaltigkeit 03.11.2011

Dieser Ansicht ist der Schweizer Philosoph und Ethiker Andreas Bachmann. Im Interview für science.ORF.at erklärt er, warum manche Ethiker strenge Gebote erlassen, warum das Ziel des guten Lebens ethische Probleme aufwirft und warum manche Ethiker zu dem Schluss kommen könnten, dass unsere Wirtschaftsweise fundamental geändert werden muss.

science.ORF.at: Sie kritisieren, dass bei einer ethischen Begründung für die Notwendigkeit eines nachhaltigen Handels mitunter nicht klar ist, was mit dieser Ethik gemeint ist. Warum?

Porträt Andreas Bachmann

Bachmann

Andreas Bachmann ist Philosoph, Geschäftsführer des Büros "Ethik im Diskurs" in Zürich und arbeitet als Ethiker im Schweizer Bundesamt für Umwelt.

Andreas Bachmann: Schauen wir uns die Schweizer Nachhaltigkeitsstrategie an: Sie vertritt eine Pflichtenethik in der Kant'schen Tradition. Das ist die Basis, auf der die Strategie umgesetzt werden soll. Doch wenn man sich die Strategie etwas genauer anschaut, ist nicht mehr ganz klar, wo die ethische Basis umgesetzt wird und welche Rolle sie genau spielt.

Wie sieht diese ethische Basis in der Schweizer Nachhaltigkeitsstrategie aus?

Die Strategie geht von der Brundtland-Definition aus (Anm.: Diese Definition stammt aus dem sogenannten Brundtland-Bericht einer UN-Kommission: Sie verlangt, "dass die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können") und sagt, dass dieser Definition eine ethische Orientierung zugrunde liegt. Menschen sollen unter menschenwürdigen und gerechten Bedingungen leben. Das ist der Rahmen, das Fundament. Innerhalb dieses Rahmen soll sich dann die Nachhaltigkeit entwickeln.

Das Ziel wäre zum Beispiel, dass die Wirtschaft weiter wachsen und die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt zunehmen kann, ohne dass die Umwelt zerstört wird. Aber dieses Ziel setzt einen gewissen Rahmen voraus. Grundrechte dürfen nicht eingeschränkt werden, um dieses Ziel zu erreichen. Das ist das Pflichtenethische.

Was ist Pflichtenethik?

Wenn wir fragen, was moralisch richtig ist, gibt es zwei Modelle. Das eine Modell, der Konsequentialismus, sagt, wir müssen ausschließlich auf die Folgen achten und immer das tun, was die besten Folgen hat. Die Pflichtenethik, die Deontologie, sagt, dass es bestimmte Handlungen gibt, die man immer unterlassen oder ausführen soll - ungeachtet der Konsequenzen, der eigenen Interessen oder ökonomischer Überlegungen. Das klassische Beispiel bei Kant wäre: "Du sollst nicht lügen!", was immer die Konsequenzen sind. Starke Formen der Deontologie stellen starke Gebote auf.

Haben Sie hierfür ein Beispiel aus einer gesellschaftlichen Diskussion?

Veranstaltungshinweis:

Am 03. November 2011 spricht Andreas Bachmann zum Thema "Wie können wir mit Ressourcen nachhaltig umgehen - eine Diskussion aus ethischer Sicht" ab 18 Uhr im Kassensaal der Österreichischen Nationalbank (Otto Wagner Platz 3, 1090 Wien).

Verbindliche Anmeldung und weitere Informationen zur Veranstaltung:

VeranstalterInnen der Reihe „Mut zur Nachhaltigkeit“ sind das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der BOKU, Lebensministerium und Risiko:dialog (Umweltbundesamt, Radio Österreich 1, BOKU, BMWFJ, Lebensministerium, Austrian Power Grid) in Zusammenarbeit mit der Oesterreichischen Nationalbank, der Kommunalkredit Public Consulting GmbH und mit freundlicher Unterstützung der Stiftung "Forum für Verantwortung", Deutschland.
Die Vortragsreihe findet bereits seit drei Jahren statt und wird seither mit Interviews in science.ORF.at begleitet, unter anderem mit den folgenden Beiträgen:

In Deutschland gab es eine große Diskussion, ob man von Terroristen entführte Flugzeuge abschießen darf. Das wurde vom deutschen Verfassungsgericht verneint: Man darf das nicht, auch wenn die Gefahr besteht, dass bei einem Absturz auf ein Wohngebiet viel mehr Menschen sterben, als in dem Flugzeug sitzen. Das Argument ist die Menschenwürde: Der Staat darf unschuldige Menschen nicht töten, was auch immer die Konsequenz ist. Das ist eine falsche Handlung. Das ist Pflichtenethik in einem starken Sinn.

Man kann bei dem Problem aber auch von moralischen Rechten ausgehen, zum Beispiel dem Recht auf Leben als Gegenstück zum Verbot des Tötens. Dann könnte man sagen, dieses Recht auf Leben darf nicht eingeschränkt werden zugunsten von Nutzenüberlegungen. Rechte dürfen im Konfliktfall nur gegen andere Rechte oder Pflichten abgewogen werden.

Was wäre ein Beispiel dieser Ethik für die Nachhaltigkeit?

Zum Beispiel die Frage, ob es ein Recht auf Befriedigung der Grundbedürfnisse gibt. Wenn man sagt, dass es das gibt, hat dieses Recht einen Primat: Alle Menschen haben den gleichen Anspruch darauf und jemand hat die Pflicht, dafür zur sorgen, dass diese Rechte garantiert sind. Wer das ist, ist offen. Aber es bestünde die Pflicht, die Grundbedürfnisse für alle Menschen zu befriedigen, auch wenn man Wohlstandseinbußen bei manchen in Kauf nehmen muss. Deontologen haben starke Vorstellungen von dem, was man tun muss, weil es moralisch richtig ist.

Sie kritisieren, dass Ethik mitunter zur reinen Rhetorik verkommt.

Es besteht die Gefahr, dass es zur Rhetorik wird, weil ethische Grundprinzipien aufgestellt werden, die aber dann in der Durchführung der Strategie keine weitere Rolle mehr spielen. Wenn man fragt, was das Ziel von Nachhaltigkeit ist, tauchen meist Argumente auf, dass es um die Befriedigung der Grundbedürfnisse aller Menschen jetzt und in Zukunft geht. Aber die Argumente gehen darüber hinaus. Es geht um eine bestimmte Lebensqualität als Zielvorstellung, um materielle und immaterielle Bedürfnisse, die über Grundbedürfnisse hinausgehen. Dann ist die Frage, was wir damit überhaupt meinen: die Lebensqualität in der Schweiz oder in Österreich, jetzt oder in der Zukunft?

Das klingt eher nach einer Frage der Definition als nach einem ethischen Problem.

Dem Reden von Lebensqualität wohnt die Tendenz inne, dass man damit die Vorstellung von einem guten Leben verbindet. Das wird in der Nachhaltigkeitsstrategie gekoppelt mit einer Vision, wie die Gesellschaft in Zukunft aussehen soll. Es wird bestimmt, was für alle Menschen gut und verbindlich ist. Die Schwierigkeit ist, dass in einem liberalen Staat diese Vorstellung in Spannung zu grundlegenden Freiheitsrechten steht. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, für die Bürgerinnen und Bürger zu bestimmen, wie sie leben sollen. Aufgabe des Staates ist, die Bedingung herzustellen, dass Bürgerinnen und Bürger frei entscheiden können, wie sie leben wollen.

Ich würde das Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit in den Mittelpunkt stellen. Wenn das das Ziel ist, können wir fragen, welche Bedingungen gegeben sein müssen, um es zu erreichen. Das wäre für mich eine Umsetzung eines pflichtenethischen Ansatzes. Die Nachhaltigkeitsdiskussion sollte sich daran orientieren und nicht an einer nicht ganz klaren Vorstellung von Lebensqualität.

Diese Freiheit könnte aber dazu führen, dass Menschen sich entscheiden, möglichst viel Ressourcen zu verbrauchen, was die Freiheit anderer Menschen einschränken kann. Wie könnte dann die Politik trotzdem für nachhaltiges Verhalten sorgen?

Auch hier gilt, dass die Freiheit des einen da endet, wo die Freiheit des anderen beginnt. Man darf durch sein freies Verhalten Dritte nicht schädigen oder übermäßigen Risiken aussetzen. Es gibt hier also klare Grenzen. Die Frage ist dann nur, wo genau sie liegen.

Gibt es eine Alternative zur Pflichtenethik?

Im angelsächsischen Raum ist das utilitaristische Denken viel stärker als bei uns. Man kann Nachhaltigkeit auch utilitaristisch begründen: Das Kriterium für eine moralisch richtige Handlung ist dann die Gesamtnutzenmaximierung, wobei mit Nutzen das Glück oder das Wohlergehen der Betroffenen gemeint ist. Dann haben wir die Pflicht für alle Lebewesen, die Glück empfinden können, den Nutzen zu maximieren, und zwar über die Zeit hinweg, also auch in die Zukunft hinein.

Zur Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum würden Utilitaristen fragen, ob es überhaupt eine minimale Wahrscheinlichkeit gibt, dass wir das schaffen. Wenn nicht, müssten wir radikal umsteuern, wir müssten etwas wie "Prosperity without Growth" schaffen, Wohlstand ohne Wachstum, wie der Titel eines Buches des englischen Ökonomen Tim Jackson lautet. Da müsste man am Wirtschaftsmodell etwas Fundamentales ändern. Diese utilitaristische Vorstellung von Nachhaltigkeit setzt freilich voraus, dass der Utilitarismus eine plausible ethische Theorie ist. Daran kann man mit guten Gründen zweifeln. Insbesondere ist unklar, warum das maximierungsprinzip, die Maximierung des Nutzen bzw. des Glücks, moralisch verbindlich sein soll.

Interview: Mark Hammer, science.ORF.at

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