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ein Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht

Die Verteidiger der Schmerzen

Mit vorbeugendem Lebensstil und medizinischer Behandlung versuchen wir heute, Schmerzen so gut es geht zu vermeiden. Dieser "Anti-Schmerz-Konsens" ist historisch aber relativ jung. Mit der Revolution der Medizin im 19. Jahrhundert fanden sich im Gefolge von Friedrich Nietzsche auch zahlreiche "Verteidiger des Schmerzes".

Kulturwissenschaft 07.11.2011

Sie hielten ihn für notwendig, um einer vermeintlichen Verweichlichung der Kultur zu begegnen, wie die Literaturwissenschaftlerin Elisa Primavera-Lévy in einem Interview ausführt. Ein Weg dieser sehr deutschen Tradition führte freilich in die Schmerzen des Ersten und Zweiten Weltkriegs.

science.ORF.at: Sie betrachten die heutige Welt als eine, in der ein Anti-Schmerz-Konsens herrscht: Wie meinen Sie das?

Porträtfoto der Literaturwissenschaftlerin Elisa Primavera-Lévy

IFK

Elisa Primavera-Lévy promovierte 2009 an der University of Chicago in Germanistik über das Zusammenspiel von physiologischen, philosophischen und literarischen Schmerzdiskursen von Nietzsche bis Jünger. Sie lebt als freie Autorin in New York und Berlin, arbeitet an einer Einführung in das Werk Ernst Jüngers und ist derzeit IFK_Research Fellow.

Publikationen zuletzt: An sich gibt es keinen Schmerz. Heroischer und physiologischer Schmerz bei Nietzsche im Kontext des späten 19. Jahrhunderts, in: Nietzsche-Studien. Internationales Jahrbuch für die Nietzscheforschung 40, Berlin 2011 (im Druck); Facing Pain: Dr. Hans Killian's photobook Facies Dolorosa (1934), in: Literature and Medicine, Vol. 29, 2, 2011 (im Druck).

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 7.11. hält Elisa Primavera-Lévy einen Vortrag mit dem Titel "Der tetanische und der pathische Typ. Figurationen des Körperschmerzes in der deutschen Kultur".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dimensionen zum Thema "Kriegsfront - Heimatfront. Die Frauen- und Geschlechtergeschichte des Ersten Weltkriegs": 3.11., 19:05 Uhr.

Elisa Primavera-Lévy:: Heute ist man nicht mehr bereit, freiwillig an Schmerzen zu leiden. Die Medizin bietet Abhilfe, es liegt keine heroische oder spirituelle Herausforderung mehr im Schmerz. Er wird als Gegenspieler des Lebens und nur als destruktive Kraft betrachtet, die man akut behandeln sollte, damit sich nichts Chronisches entwickelt. In Deutschland gibt es sogar ein richterliches Höchsturteil, wonach jeder ein Recht auf Schmerzbehandlung hat.

Ist das nicht selbstverständlich, wenn man an die eigenen Schmerzen denkt, die jeder schon einmal gehabt hat?

Heute natürlich. Aber das liegt daran, dass man um die Möglichkeiten der Behandlung weiß. Es gibt auch Schmerzkritiker, etwa Ivan Illich, der sagt: "Nur der Schmerz, von dem man weiß, dass er geheilt werden kann, konstituiert ein Problem." Das Wissen, dass man etwas gegen ihn tun kann, führt zu einer gewissen Unduldsamkeit ihm gegenüber. Früher war der Schmerz etwas Selbstverständliches, das zur Lebensordnung gehörte. Heute fehlt ihm der Sinngehalt.

Wann begann sich das zu ändern?

Das 19. Jahrhundert ist die wichtigste Umbruchperiode. 1803 isoliert Friedrich Sertürner erstmals Morphin, 1846 wird die Anästhesie mittels Äther neuentdeckt, danach folgen Chloroform sowie lokale Anästhesien mittels Kokain etwa für Augenoperationen. Noch vor der Jahrhundertwende werden die ersten synthetischen Schmerzmittel entdeckt, darunter Aspirin, das zum Symbol der Schmerzbehandlung wurde. Das hat eine neue Situation geschaffen, das menschliche Verhältnis zum Schmerz fundamental verändert.

Ein Triumph der Medizin?

Ja, sie zeigt sich im späten 19. Jahrhundert davon selbst ganz berauscht. Es findet sich in der Medizinliteratur der Zeit flächendeckend das Selbstverständnis, die neue Leitwissenschaft zu sein. Die Ärzte verstehen sich nicht nur als solche von Individuen, sondern von der gesamten Kultur, die bald schmerzfrei sein soll. Auf dieses enorme Selbstbewusstsein reagierten kulturkritische "Schmerzbewahrer" wie Friedrich Nietzsche sehr bösartig. Seine explodierende Rhetorik muss man in Verbindung zu diesem aufgeblasenen Selbstverständnis setzen. Nietzsche wirft den Bürgern seiner Zeit einen pöbelhaften Hass auf den Schmerz vor. Die Schmerzbehandlung war zwar nur einer der vielen naturwissenschaftlichen Erfolge dieser Zeit, aber ein besonders treffender: Für Nietzsche und seine Nachfolger wurde er zum Zeichen einer Kultur, die sich Richtung Dekadenz entwickelte.

Um sich selbst als nicht-dekadent zu verstehen, musste sie also für den Schmerz argumentieren?

Sie versuchten zumindest, eine gewisse Wertigkeit des Schmerzes im Blick zu behalten. Mit seiner pharmakologischen Behandlung ergab sich die Möglichkeit, dass er komplett unnütz werden könnte. In dieser Situation sind Sinngebungsnarrative entstanden, die zwar nicht komplett neu waren - sie griffen auf stoische und christliche Leidenslehren zurück -, aber doch neue Elemente enthielten. In diesen vitalistischen Doktrinen wird der Wert des Schmerzes daran bemessen, inwieweit er positiv auf das physische und psychische Leben des Einzelnen wirkt. Das steht im Gegensatz zur christlichen oder metaphysischen Leidensdoktrin, die seinen Wert in der Beziehung des Einzelnen zu einer außerweltlichen Macht, also zu Gott bemisst; aber auch im Gegensatz zu existenzialistischen Doktrinen, die den Wert des Schmerzes darin sehen, dass man sich an ihm abarbeitet oder die Fehlerhaftigkeit des Menschen einfach akzeptiert.

Worauf geht dieses Modell zurück?

Auf Immanuel Kant, der geschrieben hat: "Der Schmerz ist der Stachel der Tätigkeit. Ohne diesen würde Leblosigkeit eintreten." Als Bildungstheorie wird dieser Gedanke nicht nur bei Kant, sondern auch bei Fichte, Herder und bis zu Schiller zentral: der Schmerz als der normative Faktor für die kulturelle Entwicklung des Menschen, ohne ihn gäbe es nur Stillstand und Lähmung. Wobei Kant ein sehr breites Verständnis von Schmerzen hat; darunter fällt alles, was unangenehm ist und mich dazu veranlasst, eine aktuelle Situation zu verändern.

Sind Kant und Nietzsche insofern überraschende Brüder im Geiste?

Nietzsche radikalisiert die Kant'schen Gedanken. Seine Wurzeln liegen zwar in den Bildungsphilosophien des deutschen Idealismus, aber er benützt eine ganz andere, viel hassvollere Sprache. Er hasst die Bürger, die sich schon auf das Ende der Schmerzen freuen und glauben, dass die Welt immer schöner, sicherer und besser wird und sich damit um ihre eigenen Entwicklungsmöglichkeiten bringen.

Bei Nietzsche hat das ein starkes autobiographisches Element, er litt ja stark unter Schmerzen, war oft krank.

Sein Denken wird oft auf sein persönliches Leben zurückgeführt. Das ist wohl wichtig, aber nicht alles. Nietzsche steht innerhalb eines Umbruchs und springt in dem Moment in die Bresche, wo alte Sinngebungsnarrative für den Schmerz nicht mehr greifen. Sein "Gott ist tot" könnte man auch als "Der Schmerz hat keinen Sinn mehr" lesen. Er selbst hat offenbar nicht die richtigen Schmerzmedikamente gefunden, obwohl er mit Brom und anderem gegen seine Kopf- und Augenschmerzen viel an sich selbst experimentiert hat.

Hätte er anders über den Schmerz geschrieben, wenn er dabei erfolgreicher gewesen wäre?

Das ist natürlich Spekulation. Aber er sagt auch: "Jede große Philosophie war bisher das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires", die er auf körperliche Erfahrungen zurückführt. Sicher war sein eigenes Schmerzerlebnis für seine Ansichten wichtig. Er hat aber auch viel physiologische Literatur seiner Zeit gelesen, um Argumente für sich zu finden.

Inwiefern ist dieses Schmerzverständnis eine sehr deutsche Angelegenheit?

Das ist eine gute Frage, auf die ich noch keine gute Antwort habe. Dass es dabei kulturelle Unterschiede gibt, ist klar. Die französische Intellektuelle Isabelle Azouley etwa betont die Differenzen, die es heute bei der Geburtshilfe gibt. Während die Epiduralanästhesie bei der Geburt in Frankreich Standard ist, wird den Frauen in Deutschland sowohl von Ärzten als auch Hebammen nahegelegt, sie nur in Ausnahmefällen in Anspruch zu nehmen - das ist quasi eine Ausnahme des Anti-Schmerz-Konsenses.

Zurück zur Zeit Nietzsches: Hat die Verteidigung des Schmerzes durch ihn und seine Nachfolger ins Stahlgewitter des Ersten Weltkriegs geführt?

Das kann man verkürzt so sagen. Vor dem Ersten Weltkrieg dominierten Diskurse der regenerativen Gewalt und des Schmerzes flächendeckend unter den Intellektuellen, und zwar nicht nur der reaktionären, sondern eigentlich der gesamten Avantgarde. Sie waren vollkommen überzeugt, dass der Krieg eine Gelegenheit bieten würde, alles Dekadente und Überkommene auszuschwemmen in Stahlbädern, Blutbädern und alledem. Was im Übrigen auf ein hippokratisches Modell zurückgreift, wonach die "krankmachende Substanz" in der Krise ausgeschwemmt werden muss. Da haben sich Kriegsfreunde jeder Coleur zusammengefunden und ihre eigene Agenda mitgebracht. Max Scheler hat dies nach seiner eigenen persönlichen Kehrtwendung 1923 als die "schmerzlüsterne heroische Glücksverachtung der Deutschen" kritisiert: einen Zustand, den er seit Kant konstatierte und bei allen sah, die die Weltgeschichte nicht als Boden des Glücks betrachteten. Insofern ist das doch ein sehr deutsches Problem.

Das nicht zuletzt im Zweiten Weltkrieg und im Holocaust mündete.

Das stimmt, das vitalistische Modell des Schmerzes dominierte von 1870 bis 1945 und hat nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich an kulturellem Marktwert verloren. Holocaust, Hiroshima, die Masse an destruktiver geschichtlicher Erfahrung ließ viele Abstand nehmen von diesem Schmerzverständnis. Denn was passiert beim Kant'schen "Stachel der Tätigkeit" denn eigentlich? Das gesamte phänomenologische Schmerzerlebnis wird auf den Stachel reduziert. D.h. der Mensch, der Schmerz empfindet, der Gestachelte, die gesamte Leidensdimension wird ausgeklammert und spielt konzeptionell keine Rolle. Nach 1945 kehren christlich-humanistische und existenzialistische Deutungen zurück. Leute wie Viktor von Weizsäcker, Frederik Buytendijk und Martin Buber pochen darauf, den Schmerz als geteilte Erfahrung zu verstehen, um eine auf geteilter Verletzlichkeit basierende Leidengemeinschaft zu schaffen. Das sollte ein Grundstein für die neue, friedlichere und menschenwürdigere Nachkriegsordnung werden.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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