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Johannes Hahn

"Arbeit würde heute nicht mehr angenommen"

Zum Urteil der Agentur für wissenschaftliche Integrität über die Dissertation des früheren Wissenschaftsministers und nunmehrigen EU-Kommissars Johannes Hahn (ÖVP) , liegen nun erste Kommentare vor - auch zu damaligen und heutigen Standards wissenschaftlichen Arbeitens.

Hahn-Dissertation 04.11.2011

"Kein wissenschaftliches Fehlverhalten"

Die Dissertation von Johannes Hahn ist kein Plagiat: Zu diesem Schluss ist die österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität (OeAWI) gekommen, die von der Universität Wien mit einem Gutachten beauftragt worden war.

Das Ergebnis wurde heute bei einer Pressekonferenz der Uni Wien präsentiert. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme: "Bei der Dissertation von Herrn Dr. Hahn handelt es sich nicht um ein Plagiat. Entsprechend liegt auch kein wissenschaftliches Fehlverhalten vor."

Die Uni Wien hatte das Gutachten in Auftrag gegeben, nachdem Hahn im Zuge der Plagiatsaffäre um den deutschen Ex-Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg erneut beschuldigt worden war, in seiner Doktorarbeit plagiiert zu haben. Bereits 2007 hatte die Uni Wien Teile von Hahns Arbeit durch einen Experten der Uni Zürich prüfen lassen. Er kam zu dem Schluss, dass Hahns Zitierweise zwar "leserunfreundlich", aber "redlich" gewesen sei.

Standards waren früher lockerer

Da die OeAWI zu dem "klaren Schluss" gekommen sei, dass Hahn seinen akademischen Titel nicht durch Täuschung erschlichen hat, wird das Plagiatsprüfungsverfahren eingestellt, sagte die für die Aberkennung von wissenschaftlichen Titeln zuständige Studienpräses Brigitte Kopp.

Der Rektor der Universität Wien, Heinz Engl, betonte, auch er könne "voll zu dieser Entscheidung stehen". Über die Qualität der Arbeit sage dies freilich nichts aus. "Heute würde eine solche Dissertation nicht mehr angenommen", sagte Engl. "Die Standards waren damals offenbar lockerer als jetzt."

Praxis vor 25 Jahren und heute

Allerdings sei die Aufgabe der OeAWI nicht gewesen, festzustellen, ob Hahns Arbeit "eine gute, mittelmäßige oder nicht so gute Dissertation war", sondern ob die Zuerkennung des Doktortitels auf Täuschung beruht habe, so Engl.

Doch neben der Prüfung auf Plagiat hat auch die OeAWI einen Kommentar zum wissenschaftlichen Standard der Dissertation abgegeben: Das Zitieren von Texten anderer Autoren in Hahns Dissertation "Die Perspektiven der Philosophie heute - Dargestellt am Phänomen Stadt" aus dem Jahr 1987 würde zwar nach heutigen allgemein anerkannten Standards "nicht den Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis" entsprechen. Nach 25 Jahren sei aber nicht mehr zu verifizieren, ob die Arbeit den damals an der Uni Wien geltenden Standards entsprochen habe.

Mehrere Gutachten berücksichtigt

Ö1-Sendungshinweis:

Über das Thema berichten auch die Ö1-Journale.

Die Agentur hat bei ihrer Entscheidung nicht nur drei Gutachten ausländischer Experten berücksichtigt, die laut OeAWI "fundierte Kenntnisse über die Natur und Definition eines wissenschaftlichen Plagiats besitzen". Es wurden u.a. auch die Gutachten des als "Plagiatsjäger" bekanntgewordenen Salzburger Medienwissenschaftlers Stefan Weber beachtet, betonte Engl.

Weber war bereits 2007 Auslöser für die Überprüfung von Teilen von Hahns Dissertation, da er dem damaligen Wissenschaftsminister vorwarf, er habe aus einem Werk des österreichischen Nationalökonomen, Juristen, Staatswissenschaftler und Philosophen Leopold Kohr abgeschrieben. In einem vom Grünen-Abgeordneten Peter Pilz in Auftrag gegebenen Gutachten vom Mai 2011 behauptete Weber gar, Hahn habe rund ein Fünftel seiner Doktorarbeit abgeschrieben.

Ende der Debatte

Für Engl ist die Debatte mit der OeAWI-Stellungnahme beendet, es "bleibt uns gar nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren". Immerhin handle es sich bei der OeAWI um die beste unabhängige Stelle für Qualitätssicherung, das zähle mehr als eine "Einzelmeinung", kommentierte er die Vorwürfe gegen Hahn etwa durch Herbert Hrachovec, Philosoph an der Uni Wien.

Der nunmehrige EU-Regionalkommissar Johannes Hahn selbst zeigte sich zufrieden mit dem von der Uni Wien präsentierten Gutachten. Es sei "die von mir immer betonte Grund- und Haltlosigkeit der Plagiatsvorwürfe" bestätigt worden, sagte Hahn heute in einer Stellungnahme.

Hahn, der sich derzeit auf einer Dienstreise auf der französischen Karibikinsel Martinique aufhält, zeigt sich überzeugt, dass "mit der eindeutigen Feststellung, dass es sich bei meiner Arbeit um kein Plagiat handelt und dass kein wissenschaftliches Fehlverhalten meinerseits vorliegt, dieses Kapitel nun endgültig abgeschlossen ist".

Grüne Kritik

Für den Grünen Abgeordneten Peter Pilz sei das Verfahren der Universität Wien "rein formell zur Kenntnis zu nehmen", wie er heute gegenüber der APA sagte. Die Uni habe aber "dem Herrn Doktor Hahn einen Persilschein ausgestellt", so die inhaltliche Beurteilung durch Pilz, der sich in der Vergangenheit die Entlarvung des angeblichen Plagiats aus Hahns Feder auf die Fahnen geschrieben hatte.

Das Argument, dass die damaligen Standards heute nicht mehr verifizierbar seien, ist für Pilz "völliger Blödsinn" bzw. "Durchschwindeln": "Sämtliche Regeln von vor 25 Jahren liegen bei der Uni auf und sind ohne weiteres nachzuvollziehen. Die damaligen Standards waren formal schärfer." Die Universität Wien aber habe eine "ernsthafte Prüfung verweigert" und "sich damit unnötig blamiert", so Pilz, der auch fürchtet, dass die Uni damit die Standards für künftige Dissertationen tiefer lege.

Kritik des "Plagiatjägers"

Der "Plagiatsjäger" Stefan Weber stellt die Stellungnahme der OeAWI infrage: "Ich halte sie für wissenschaftlich skandalös", so Weber gegenüber der APA. Es liege lediglich ein "15 magere Zeilen" langes Schreiben der OeAWI vor, aber nicht die drei von ihr in Auftrag gegebenen Gutachten. "Das ist eine Form der Wissenschaftskommunikation, die intransparent ist", so Weber.

Auch Gehard Fröhlich, Professor am Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Uni Linz und gemeinsam mit Weber Mitbegründer der "Initiative Transparente Wissenschaft", will das Urteil der OeAWI erst dann akzeptieren, wenn die Gutachten, auf denen es basiert, öffentlich zugänglich sind. "Wissenschaft muss von anderen kritisch überprüfbar sein, sonst ist sie keine Wissenschaft."

An der Uni Wien werden jedes Jahr rund 5.000 wissenschaftliche Arbeiten auf Plagiat überprüft. Seit dem Studienjahr 2005/06 gab es 26 Verfahren, in 13 Fällen wurde den Betroffenen der wissenschaftliche Titel aberkannt.

science.ORF.at/APA

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