Standort: science.ORF.at / Meldung: "Bilder, direkt aus dem Gehirn"

Vom Erfinder des Brain Painting, dem Künstler Adi Hoesle, stammt dieses Werk.

Bilder, direkt aus dem Gehirn

Am Computer Bilder malen, ohne dabei Hände, Tastatur und Maus einzusetzen: Dank Gehirn-Computer-Schnittstellen ist das seit einiger Zeit möglich. Im kommenden Jahr soll es in der deutschen Stadt Rostock sogar die weltweit erste Brain-Painting-Ausstellung geben.

Neurowissenschaft 07.11.2011

Forschung für ALS-Patienten

Ein Mann sitzt mit Elektroden-Badekappe vor zwei Bildschirmen

Robert Emmerich

Die Maler tragen eine bademützenartige Kappe, die ihre Gehirnströme misst und mit dem Computer verkabelt ist. Außerdem brauchen sie zwei Bildschirme: Auf einem sehen sie die Leinwand, auf dem anderen eine Farb- und Formenpalette. Deren Symbole blinken immer wieder in einem bestimmten Muster auf.

Wollen sie nun zum Beispiel ein rotes Viereck auf die Leinwand bringen, müssen sie sich in der Palette auf das entsprechende Symbol konzentrieren. Der Computer erkennt die Absicht und setzt sie um. Das Brain Painting gelingt mit einem ausgetüftelten Verfahren, das eine charakteristische Gehirnantwort auf spezielle Reize ausnutzt.

Brain Painting-Bild des Künstlers Adi Hoesle,

Adi Hoesle

Ein Brain-Painting-Bild des Künstlers Adi Hoesle

Brain Painting ist ein Nebenprodukt der wissenschaftlichen Arbeit von Andrea Kübler. Die Psychologin von der Universität Würzburg arbeitet seit über 15 Jahren mit Gehirn-Computer-Schnittstellen. Ziel ist es, die Lebensqualität von Patienten zu verbessern, die an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) leiden. Bei dieser Krankheit sterben nach und nach die Nerven ab, die die Muskeln aktivieren. Das lähmt den Körper zusehends.

ALS-Patienten wie der Physiker Stephen Hawking können irgendwann nicht mehr sprechen und ihre Muskeln kaum noch bewegen, Kommunikation ist ihnen dann so gut wie unmöglich. Doch mit der Unterstützung durch Gehirn-Computer-Schnittstellen können sie sich weiterhin äußern, selbst noch im so genannten Locked-In-Zustand. Das bedeutet, dass ein reger Geist in einem fast komplett bewegungsunfähigen Körper "eingesperrt" ist.

Sollte Jörg Immendorf helfen

Die Idee, Gehirn-Computer-Schnittstellen für die Malerei zu verwenden, stammt von dem Künstler Adi Hoesle. Im Jahr 2006 wurde bei einem seiner Bekannten, dem Maler Jörg Immendorf, die Krankheit ALS diagnostiziert. Zur gleichen Zeit lernte Hoesle auch Andrea Kübler kennen. Gemeinsam trieben sie die Idee voran, eine Mal-Software für Gehirn-Computer-Schnittstellen zu entwickeln. Hoesles Ziel war es, Immendorf auch weiterhin eine kreative Tätigkeit zu ermöglichen. Doch soweit kam es nie, denn Immendorf starb 2007 an der Krankheit.

Adi Hoesle allerdings begann dann selbst, mit Brain Painting zu arbeiten. Mit ihm und mit Menschen mit ALS entwickelte Andrea Kübler die Mal-Software weiter. "Die Patienten haben es sehr genossen, sich auch kreativ ausdrücken zu können", erklärt sie in einer Aussendung der Uni Würzburg.

"Rostocker Synapse" als Weltpremiere

Spannend sei es, mit ihrer Arbeit Kunst und Wissenschaft zu verbinden, sagt Andrea Kübler. Besonders erwartungsvoll sieht sie derzeit einer weltweiten Premiere entgegen: der Ausstellung "Rostocker Synapse". Diese zeigt voraussichtlich ab März 2012 erstmals Werke, die durch Brain Painting entstanden sind. Organisiert wird die Ausstellung von Adi Hoesle und der Kunsthalle Rostock; Andrea Küblers Team begleitet die Schau in wissenschaftlicher Hinsicht.

Die "Rostocker Synapse" wartet mit einigen Besonderheiten auf: Während der Ausstellung sollen auch neue Brain-Painting-Bilder geschaffen werden - von Besuchern und international renommierten Künstlern wie Neo Rauch, aber auch von einer Locked-In-Patientin. Die Entstehung der Bilder werden die Besucher in Rostock verfolgen können, parallel dazu auch im Ars Electronica Center in Linz und im Salon La Meduse in Quebec.

science.ORF.at

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