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Stempel und Formular für Arbeitslosengeld

Jugend ohne Job

Was kann man gegen die Arbeitslosigkeit unterprivilegierter Jugendlicher tun? Die Wiener Sozialwissenschaftlerin Karin Steiner schlägt in einem Gastbeitrag vier Maßnahmen vor: Förderung von Kleinkindern, Ganztagsschule, frühere Berufsorientierung und mehr Geld für die Lehrausbildung.

Arbeitsmarkt 11.11.2011

Jugendarbeitslosigkeit: Ein Lösungsprogramm

Von Karin Steiner

Na bravo! Österreich hat die niedrigste Arbeitslosenquote Europas. Für die über 7.800 arbeitslosen Jugendlichen in Österreich (September 2011) ist das ein schwacher Trost. Insbesondere ausländische Jugendliche oder solche mit Migrationshintergrund sind besonders gefährdet. Warum ist das so? Und was ließe sich dagegen tun?

Schulen machtlos

Porträtfoto Karin Steiner

abif

Die Autorin

Karin Steiner ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des Forschungsinstituts abif. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Lebenslanges Lernen, Arbeitsmarkt und Gesundheit.

Beiträge für science.ORF.at:

Insbesondere in Haupt- und sogenannten Neuen Mittelschulen befinden sich Jugendliche mit "Multiproblemlagen". Ihnen fehlt es nicht nur an grundlegenden Fähigkeiten (Rechnen, Schreiben, Lesen, EDV). Sie kommen häufig aus einem bildungsfernen Umfeld mit sozialen Problemen, wie schlechte Wohnverhältnisse und Arbeitslosigkeit der Eltern.

Im Rahmen unseres Schulsystems werden aus diesen Kindern häufig leistungsschwache und sozial unangepasste Jugendliche. Entweder haben sie am Ende der Schulpflicht gar keinen Abschluss in der Hand oder nur ein schlechtes Zeugnis – denkbar schlechte Voraussetzungen, um eine Lehrstelle zu ergattern.

Erst werden sie ausgesondert ...

Das Image der Lehre ist mittlerweile ramponiert. Unternehmen entscheiden sich immer öfter gegen die Ausbildung eines Lehrlings. Sie können ja zwischen Maturanten und Absolventen berufsbildender mittlerer Schulen wählen, deren Ausbildungskosten der Staat trägt. Warum sollten sie in die Ausbildung von leistungsschwachen Jugendlichen investieren?

Auf eine Lehrstelle kommen häufig 50 Bewerber und mehr. In größeren Kfz-Firmen muss sogar ein mehrtägiges Assessment absolviert werden. Auch Lehrstellen für Bankkauf- und Versicherungskaufmann sind für leistungsschwächere Jugendliche unerreichbar. Was übrig bleibt sind Berufe mit geringerer Bezahlung und schlechtem Image wie Friseur, Einzelhandel, Koch und Kellner.

... und dann ist der Zug abgefahren

Das AMS hat für Jugendliche, die keine Lehrstelle am 1.Arbeitsmarkt finden können, die überbetriebliche Lehrausbildung geschaffen. Heuer haben 4.001 Jugendliche damit begonnen, insgesamt sind es derzeit 7.801 Jugendliche. Freilich: Längst nicht alle finden nach Abschluss der Lehrausbildung auch einen Job. Mit derzeit 28.827 (8,2 %) arbeitslosen jungen Erwachsenen (20-24 Jahre) zählt diese Altersgruppe schon seit Jahren zur Hauptrisikogruppe am Arbeitsmarkt.

Die Aussichten für ihre weitere berufliche Karriere sind düster. Dies zeigt: Die Maßnahme ist gut gemeint, aber sie kommt zu spät. Viel zu spät. Um zu verhindern dass Tausende junge Menschen auf ein soziales Abstellgleis geraten, muss eine Reihe von Schritten gesetzt werden, die früher ansetzen. Viel früher.

Schritt 1: Kleinkinder fördern - verpflichtend!

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Jugendliche ohne Zukunft: Morgenjournal, 5.11.

Kinder sollten ab 3 Jahren verpflichtend den Kindergarten besuchen. So können sie mithilfe professioneller Pädagogik auf das Bildungssystem vorbereitet werden, insbesondere was die erforderlichen Deutschkenntnisse angeht. Nur so verschafft man Kindern aus unteren sozialen Schichten zumindest annähernd gleiche Chancen wie den Sprößlingen der Mittelschicht.

Schritt 2: Ganztagsschule – hilft auch den Müttern

Ganztagsschule – in vielen anderen EU-Ländern schon gang und gäbe – bedeutet nicht notwendigerweise, dass ganztags unterrichtet wird. Entscheidend ist die professionelle Aufgaben- und Lernbetreuung. So würde allen Schülern die gleiche Förderung zuteil werden – unabhängig vom Elternhaus. Nebeneffekt für die Mütter: Sie könnten Voll- statt Teilzeit arbeiten.

Schritt 3: Berufsorientierung ab 10 Jahren

Selbst bei Maturanten ist der Anteil orientierungsloser Jugendlicher immer noch erheblich. Berufsorientierung sollte daher in alle Fächer integriert werden. Die Organisation berufspraktischer Tage sollte nicht den Eltern überlassen werden, sondern muss auch schulisch unterstützt und gemeinsam mit den Schülern nachbereitet werden.

Schritt 4: Betriebliche Förderung der Lehrausbildung

Betriebe rekrutieren top ausgebildete Absolventen berufsbildender Schulen, FHs und Unis ohne für deren Ausbildung bezahlen. Da fragt sich, warum die betriebliche (nicht die überbetriebliche) Ausbildung leistungsschwächerer Jugendliche staatlich nicht stärker gefördert wird? So könnten sich viele Betriebe eher zu einer Lehrausbildung entschließen.

Die halbherzigen und mutlosen Schritte der Vergangenheit haben die Situation nicht verbessert. Es besteht die Gefahr dass ein großes Segment an „Bildungsverlierern“ entsteht. Wer jungen Menschen mit schlechten Voraussetzungen wirklich helfen, will muss umfassendere und radikale Maßnahmen setzen. Damit wäre uns allen gedient.

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