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Exekution von Robbespierre und seinen Gefolgsleuten als "Verschwörer gegen die Freiheit und Gleichheit" 1794

Terror: Ein ambivalentes Prinzip

Bei "Terroristen" denken wir heute in erster Linie an junge Menschen, zumeist Männer, die ihren Glauben oder ihre Überzeugungen mit Gewalt durchsetzen wollen. Doch Terror ist ein uraltes Prinzip, das in Religion, im Gesetz, im Theater und anderen Bereichen sehr ambivalent regiert hat, wie der Literaturwissenschaftler Arata Takeda erinnert.

Kulturwissenschaften 14.11.2011

Terror konnte Ordnung stiften oder zerstören, Gerechtigkeit beanspruchen oder Vernichtung, schreibt Takeda in einem Gastbeitrag.

Geschichte und Gegenwart des Terrors

Von Arata Takeda

Der Autor:

Porträtfoto des Literaturwissenschaftlers Arata Takeda

privat

Arata Takeda lehrt Neuere deutsche Literatur und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen und ist derzeit Research Fellow am IFK Wien.

Publikationen (u.a.): Ästhetik der Selbstzerstörung. Selbstmordattentäter in der abendländischen Literatur, Wilhelm Fink Verlag, München 2010; Die Erfindung des Anderen. Zur Genese des fiktionalen Herausgebers im Briefroman des 18. Jahrhunderts, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2008.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 14.11. hält Arata Takeda einen Vortrag mit dem Titel "Die Techniken des Terrors".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Giusto de' Menabuoi, Vetreibung von Adam und Eva aus dem Paradies (1376-1378), Dom von Padua

Giusto de' Menabuoi, Dom von Padua

Giusto de' Menabuoi, Vetreibung von Adam und Eva aus dem Paradies (1376-1378), Dom von Padua

Exekution von Robbespierre und seinen Gefolgsleuten als "Verschwörer gegen die Freiheit und Gleichheit" 1794

Arata Takeda

Exekution von Robbespierre und seinen Gefolgsleuten als "Verschwörer gegen die Freiheit und Gleichheit" 1794

William Blake: The Whirlwind. Ezekiel’s Vision of the Cherubim and Eyed Wheels (1803-1805), Museum of Fine Arts, Boston

Museum of Fine Arts, Boston

William Blake: The Whirlwind. Ezekiel’s Vision of the Cherubim and Eyed Wheels (1803-1805), Museum of Fine Arts, Boston

Ö1 Sendungshinweis:

Über aktuelle Terroranschläge berichteten die Ö1 Journale.

Bemerkenswerte Wortbildungen wie "Finanzterror" oder "Klimaterror" jagen seit einiger Zeit durch die Medien. Hinter ihnen verbirgt sich ein bestimmtes Verständnis von Terror, das heute von vielen Menschen geteilt wird.

Nicht wenige Vorstellungen haben im Laufe der Geschichte einen grundlegenden Bedeutungswandel erfahren - wie etwa die Vorstellung von Kultur, die Vorstellung von Mythos oder die Vorstellung von Würde.

Wie ist es um die Vorstellung von Terror bestellt? Wie belastet ist unsere Vorstellung von Terror durch die kulturelle Erinnerung an die "Schrecken des Krieges" und die kollektive Erfahrung des modernen Terrorismus?

Terror als Praxis, Terror als Prinzip

Nach einem Jahrzehnt "Krieg gegen den Terror" liegt es vielleicht besonders nahe, unter Terror eine Praxis zu verstehen, die sich der Gewalt bedient und Zerstörung anrichtet. Der Terror als Prinzip hingegen, das in vielen unserer Lebensbereiche waltet und wirkt, gerät immer weiter aus dem Blickfeld.

Diese Tendenz wird zudem dadurch verstärkt, dass wir den Terror in der zeitbedingten Wahrnehmung weitestgehend im Bereich der Politik - wenn nicht auch der Religion - verorten und ihn aufgrund seiner schwelenden Gefahr als eine Art Miasma der Moderne betrachten.

Ein solches Verständnis von Terror ignoriert die ambivalente Tragweite, in der der Terror als Prinzip einst wirksam war. Welche Formen kannte der Terror als Prinzip in kulturhistorischer Perspektive?

Von Theologie und Theater …

Die Vorstellung von Terror als Prinzip des Gesetzes und der Ordnung ist so alt wie die Menschheit. Schon das an Adam und Eva gerichtete Verbot, von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, ging mit der Drohung des Todes einher.

Nach dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies sollten "die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert" (Gen 3,24) dafür sorgen, dass Adam und Eva die ihnen gesetzten Grenzen nicht überschritten. Schließlich verkörperte Gott selbst den "König des Schreckens" (Hiob 18,14).

Im Bereich der Literatur und des Theaters kam dem Terror von Beginn an eine zentrale Bedeutung zu. Die Tragödie sollte nach Aristoteles Jammer und Terror hervorrufen und dadurch eine Reinigung von Affekten bewirken. Ähnlich galt im Bereich der Medizin das Konzept des "heilsamen Schreckens" bis ins 19. Jahrhundert hinein als besonders hilfreich.

…bis zur Strafjustiz

Schiller betrachtete die "Schaubühne als moralische Anstalt": Sie übernehme "Schwert und Waage" und reiße "die Laster vor einen schrecklichen Richterstuhl". Die im 18. und im 19. Jahrhundert populäre "Tale of Terror" - heute bekannter als "Graphic Novel" - bereitete unterdessen ein süchtig machendes Lesevergnügen.

Im Bereich der Strafjustiz existierte vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Praxis der so genannten "Territion" bzw. "Schreckung": Sie sollte durch das Zeigen - aber nicht das Einsetzen - der Folterinstrumente die Angeklagten zum Geständnis ihrer Straftaten bewegen. Dadurch konnte unnötige Gewaltanwendung vermieden werden.

Ambivalenz des Terrors: Wirkung, Ziele, Wege

In dieser Vielfalt von Funktionen als religiöser Denkfigur, ästhetischem Verfahren, medizinischem Konzept und juristischer Methode erscheint der Terror - ähnlich wie Hoffnung oder Verantwortung - als ein Prinzip, an das man reale Erwartungen geknüpft und von dem man konkrete Wirkungen versprochen hat.

Dabei war der Terror ein durch und durch ambivalentes Prinzip. Er konnte restaurativ oder destruktiv, ordnungsstiftend oder ordnungszerstörend wirken. Bald erhob er Anspruch auf Heilung und Gerechtigkeit, bald behielt er sich das Recht auf Herrschaft und Vernichtung vor.

Die Ziele des Terrors konnten Optimierung oder Perfektion, Erhaltung oder Erneuerung sein. Der Wege, auf denen er seine Ziele zu erreichen suchte, waren viele. Diese Wege konnten über die Gewalt, die Bilder oder die Sprache führen.

Terrorismus: Missbrauch des Terrors

In diesem Verständnis von Terror als ambivalentem Prinzip liegt die nahe liegende Antwort auf die Frage, woraus der moderne Terrorismus seine abstoßende wie ansteckende Wirkung schöpft: aus dem Terror als Prinzip, das in der Geschichte in gewaltsamen wie auch gewaltfreien Formen, auf tödlichen wie auch heilsamen Wegen angewandt worden ist.

An dieser Stelle können wir es wagen, unseren Blick auf den Terrorismus umzukehren: Es ist nicht der Terror, der sich der Gewalt bedient, sondern die Gewalt bedient sich des Terrors, um ihre Ziele wirkungsvoll durchzusetzen.

Wenn es die Gewalt ist, die sich des Terrors bedient, und nicht umgekehrt, so stellt der Terrorismus nicht nur einen Missbrauch von Religion oder Ideologie, sondern in erster Linie einen Missbrauch des Terrors dar - wie einst die Terreur der Jakobiner (1793-1794), mit der die Begriffsgeschichte des Terrorismus begann.

Das bedeutet für die Freiheit und die Sicherheit in der globalisierten Welt, dass nicht der Terror als Prinzip, sondern ein spezifischer - der Gewalt bedienender - Gebrauch des Terrors zu bekämpfen ist. Das bedeutet aber auch, dass Alternativen zu Überwachung und Militärgewalt geprüft werden müssen.

Denn auch diese können bisweilen den Terror als Prinzip missbrauchen, wie nicht zuletzt die Folterskandale in Abu Ghraib gezeigt haben. Die utopisch klingenden, aber realistisch gemeinten Alternativen können Erziehung und Vertrauen heißen.

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