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Eine Frau mit roten Haaren hört begeistert Musik aus einem Lautsprecher

Wie Ohrwürmer in unser Gehirn kriechen

Es hat vermutlich jeder und jede schon einmal erlebt: Man schnappt irgendwo ein Lied auf, oft reichen schon wenige Takte, und schon hat sich ein Ohrwurm festgesetzt, der den ganzen Tag nicht aus dem Kopf geht. Die genauen Bedingungen, unter denen unser Gehirn zur Jukebox wird, haben nun britische Forscher untersucht.

Psychologie 16.11.2011

Neben dem aktuellen Hören eines Musikstücks spielen auch Erinnerungen sowie bestimmte Gemüts- und Aufmerksamkeitszustände eine wichtige Rolle, schreiben die Psychologin Victoria Williamson von der Goldsmiths University of London und Kollegen in einer Studie.

Die Studien:

"How do 'earworms' start? Classifying the everyday circumstances of Involuntary Musical Imagery" von Victoria Williamson und Kollegen in "Psychology of Music"

"The Power of Music" von Oliver Sacks in "Brain. A Journal of Neurology"

"Music in Everymind: Commonality of Involuntary Musical Imagery" von Lassi A. Liikkanen in den "Proceedings of the 10th International Conference on Music Perception and Cognition"

"Earworms - stuck song syndrome -: Towards a natural history of intrusive thoughts" von Philip Beaman und Tim Williams im "British Journal of Psychology"

In Nervennetzwerken gefangen

"Involuntary Musical Imagery" - "Unfreiwillige Musikbilder": Mit diesem etwas spröden Begriff hat der US-Neuropsychologe Oliver Sacks 2006 etwas bezeichnet, das aus dem Alltag gut bekannt ist: die bewusste Erfahrung vertrauter oder neuer Musik, die sich permanent im Geiste wiederholt, obwohl wir sie von außen gar nicht hören und die wir bewusst kaum beeinflussen können.

Ohrwürmer, im Englischen mit einem deutschen Lehnwort auch "earworms" genannt, sind einer von vielen Ausdrücken jener Macht, die Musik über uns haben kann.

"Diese sich ständig wiederholende Musik hat den Charakter eines Gehirnautomatismus, der Nervennetzwerke nahelegt, die in einem Kreislauf wechselseitiger Erregung gefangen sind", schrieb Sacks damals in einer Studie. "Ich glaube nicht, dass es vergleichbare Phänomene bei anderen Arten der Wahrnehmung gibt, mit Sicherheit nicht beim Sehsinn."

90 Prozent haben mindestens einen Ohrwurm pro Woche

Dass es in diesem Sinne keine "Augenwürmer" gibt, sehr wohl aber "Ohrwürmer", hat die Psychologen vor und nach Oliver Sacks' Wortneuschöpfung interessiert. Der finnische Kognitionsforscher Lassi Liikkanen hat etwa in einer Studie herausgefunden, dass 90 Prozent aller Menschen mindestens einmal die Woche ein Lied auf diese Weise im Kopf haben. Immerhin 15 Prozent von ihnen würden dies als störend empfinden, in erster Linie weil es sie von anderen Denkleistungen ablenkt.

Es sind nicht unbedingt musikalische Menschen, die von Ohrwürmern öfter befallen werden, dafür jene, für die Musik einen höheren Stellenwert hat: Dies fand der Kognitionspsychologe Philip Beaman heraus. Laut seiner Studie kommen die meisten Ohrwürmer am selben Tag nicht zurück, wenn sie einmal verschwunden sind; ihre durchschnittliche Aufenthaltsdauer in unserem Geist liegt zwischen einer halben und einigen Stunden.

"Bitte spielt das Lied nie wieder!"

Ö1 Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet auch "Wissen aktuell", 16.11.2011, 13:55 Uhr.

Welche Umstände überhaupt dazu führen, dass sich solch ein Ohrwurm zwischen unseren beiden Ohren festsetzen kann, haben nun Victoria Williamson und ihre Kollegen genauer untersucht. Dazu gingen sie eine Kooperation mit dem britischen Pop- und Rocksender BBC 6 ein. Auf einer eigens eingerichteten Website wurden die Hörer und Hörerinnen gebeten, ihre Erfahrungen mit Ohrwürmern aller Art zu dokumentieren. Die Daten von 600 Teilnehmern wurden schließlich für die kürzlich erschienene Studie ausgewertet.

Wie nicht anders zu erwarten, erwiesen sich jüngst gehörte Lieder als wichtigste Auslöser für einen Ohrwurm. "Meiner stammt von diesem verdammten George-Harrison-Song, den ihr gestern gespielt habt", schrieb etwa ein leicht genervter Hörer in das entsprechende Antwortformular. "Bin um 4 Uhr 30 in der Früh aufgewacht, als er mir durch den Kopf schoss. Bitte spielt das Lied nie wieder!" Es ist aber nicht mehr unbedingt das Radio, das Anlass für Ohrwürmer ist: Handytöne, Kaufhausmusik, das Summen eines Fremden, Internet und TV können es genauso sein.

Erinnerungen, Assoziationen, Aufmerksamkeit

Gar nicht selten bedarf es überhaupt keines äußeren akustischen Reizes. Assoziationen - ausgelöst durch Situationen, Menschen oder Worte - können ebenso für das innere Klangerlebnis sorgen. Das gilt erst recht für länger zurückliegende Erinnerungen, etwa wenn man beim Autofahren an jener Stelle vorbeikommt, an der man ein bestimmtes Lied zum ersten Mal gehört hat.

Die Stimmung und der Gemütszustand, in denen man sich gerade befindet, können ebenfalls für ein Dauerkonzert im Kopf sorgen. Wer traurig ist, hört eher traurige Ohrwürmer; einem Hörer der Studie, dem beim Tod von Michael Jackson vor zwei Jahren sein nachdenklicher Hit "Man in the mirror" nicht mehr aus dem Sinn kam, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Schließlich spielt auch unsere Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle bei der Frage, inwieweit wir anfällig für Ohrwürmer sind. Wer gelangweilt, müde oder unaufmerksam ist, dem fallen sie laut Studie eher zu. Laut einem der Teilnehmer kann ein Ohrwurm sogar aus einem Traum herrühren und dann im Wachleben weiter präsent sein. Die "Jukebox Gehirn" scheint also niemals schlafen zu gehen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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