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Violette Strahlen auf schwarzem Grund

Neutrinos immer noch schneller als das Licht

Physiker wollten im September dieses Jahres überlichtschnelle Neutrinos gemessen haben. Die Aufregung war groß, viele hielten den Effekt für einen Messfehler. Doch jetzt legen die Forscher mit neuen Experimenten nach. Es bleibe dabei: Neutrinos überholen Photonen.

Experiment 18.11.2011

Dass die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum eine natürliche Obergrenze für die Bewegung massereicher Teilchen ist, gehört zum physikalischen Theorienkanon wie das Amen zum Gebet. Albert Einstein hat dieser Idee in seiner Speziellen Relativitätstheorie 1905 zum Durchbruch verholfen, und sie schien die Welt mehr als 100 Jahre lang korrekt zu beschreiben.

Ob das Limit, um Einstein zu zitieren, aber tatsächlich der "wahre Jakob" ist, das scheint nun offen zu sein. Denn Physiker der Opera-Kollaboration, einer Forschergruppe des Schweizer Teilchenforschungszentrums CERN, behaupten: Neutrinos (ungeladene Elementarteilchen mit sehr geringer Masse) sind schneller als das Licht, zwar nur geringfügig (Faktor 1,00003), aber dennoch messbar.

Kein Fehler gefunden

Wie schon der Wissenschaftstheoretiker Imre Lakatos wusste, sind Angriffe auf den Kern einer Wissenschaft nur dann erfolgreich, wenn sie mehrfach bestätigt werden. Eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer, und einen Widerspruch hat noch jedes Weltbild ausgehalten, das gilt auch für die Forschung. Erfolgreiche Theorien besitzen Lakatos zufolge einen natürlichen Schutzwall, der sich etwa als Skepsis gegenüber abweichenden Experimenten äußert. Bevor man eine gute Theorie über Bord wirft, zweifelt man zunächst an den Messungen, die sie zu widerlegen scheinen.

Das ist auch passiert: Forscher vermuteten, dass die für die Zeitmessungen verwendeten Uhren nicht exakt synchronisiert gewesen seien, die unterschiedlichen Schwerefelder an den Messorten verantwortlich gewesen sein könnten oder eine mangelnde Kontrolle des Neutrinostrahls. Die Opera-Forscher bestritten diese Einwände immer, man habe die Experimente auf Herz und Nieren geprüft, aber nichts gefunden, was für die Abweichung verantwortlich sei. Der Effekt müsse also real sein. Und nun meldet sich die Kollaboration erneut zu Wort. Man habe die Versuche seit September wiederholt, es bleibe dabei: Neutrinos halten sich nicht an das Einstein'sche Tempolimit. Die Statue des Jahrhundertphysikers wankt. Wird sie fallen?

Robert Czepel, science.ORF.at

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