Standort: science.ORF.at / Meldung: "Der Punk als Anti-Kulturerbe"

Der Sänger der Sex Pistols, Johnny Rotten, singt ein Lied.

Der Punk als Anti-Kulturerbe

Die Pyramiden in Ägypten, Stonehenge und das Schloss Schönbrunn sind allesamt unbestrittenes Weltkulturerbe. Sollte man aber auch Graffiti der Punkband "Sex Pistols" das Prädikat "Kulturgut" verleihen? Zwei britische Forscher diskutieren diesen Vorschlag in einer renommierten Archäologiezeitschrift.

Archäologie 21.11.2011

Die Studie:

"The filth and the fury: 6 Denmark Street, London and the Sex Pistols" von John Schofield und Paul Graves-Brown ist in der Fachzeitschrift "Antiquity" erschienen.

Gemäß dem gegenkulturellen Selbstverständnis des Punk machen John Schofield von der Universität York und sein Kollege Paul Graves-Brown den Vorschlag, die Angelegenheit "Anti-Kulturerbe" zu nennen.

Ihre Studie erscheint rechtzeitig zum 35-Jahr-Jubiläum der Sex Pistols: Am 1. Dezember 1976 wurden sie in Großbritannien einem größeren Publikum bekannt, weil sie sich in einer beliebten TV-Show ein Rededuell mit dem Moderator lieferten. Die Schlagzeilen der Boulevardpresse am nächsten Tag ("The filth and the fury" - "Dreck und Wut") wurden zum Markenzeichen der Band und der Punkbewegung.

Denmark Street, Nummer 6

Graffiti von Malcolm McLaren

John Schofield und Paul Graves-Brown

Graffito von Johnny Rotten: So sah er Malcolm McLaren, seinen Manager

Graffiti von Johnny Rotten, ein Selbsporträt

John Schofield und Paul Graves-Brown

Ein Selbstporträt Johnny Rottens

Johnny Rottens Graffiti von Sid Vicious

John Schofield und Paul Graves-Brown

Das Graffito, das Sid Vicious zeigt

"The filth and the fury" heißt auch der aktuelle Artikel der beiden Archäologen im Journal "Antiquity". Üblicherweise werden dort steinzeitliche Höhlenmalereien und Artefakte aus der Bronzezeit vorgestellt, gerade einmal 35 Jahre alte Wandgemälde von Punks sind eher die Ausnahme.

Vielleicht deshalb führen Schofield und Graves-Brown fast entschuldigend in ihr Thema ein und definieren Archäologie dabei als den "Ansatz, vergangene menschliche Aktivitäten aus materiellen Überbleibseln zu studieren". Die zahlreichen Graffiti, die sie in der Denmark Street Nummer 6, einem historischen Aufenthaltsort der Sex Pistols, dokumentiert haben, erfüllen diese Definition allemal.

Zentrum der Musik

Die Denmark Street im Londoner West End ist ein Überbleibsel der Expansion Londons im späten 17. Jahrhundert. Mitte des 19. Jahrhunderts dürfte die Nummer sechs der Sitz eines Silberschmieds gewesen sein, im 20. Jahrhundert wurde die Straße zu einem Zentrum der britischen Musikszene: Auf Nummer vier stand das Studio, in dem die Rolling Stones ihr erstes Album aufnahmen, die Zeitschrift "Melody Maker" residierte auf Nummer 19, "David Bowie, so sagt man, lebte hier in den späten 1960er Jahren in einem Wohnwagen", schreiben die Forscher.

Teile der Sex Pistols und ihres Umfelds zogen im Herbst 1975 in das Gebäude, ihr erstes Konzert gaben sie vis-a-vis der Denmark Street in einer Kunsthochschule. 1976 wurde ein Studio in dem Haus eingerichtet, die ersten inoffiziellen und dann auch die ersten offiziellen Aufnahmen der Band wurden hier gemacht. Nach dem Niedergang des Punk hatte das Gebäude verschiedene, zum Teil auch berühmte Nachmieter.

Porträts des Umfelds

Heute dienen die Räume als Büro eines Unternehmens, das alte und historische Gitarren verkauft. Als Schofield und Graves-Brown im April 2010 die zahlreichen Graffiti der Wände fotografierten, trafen sie auf zwar interessierte Anwesende. Als sie Kästen und andere Einrichtungsgegenstände bewegen mussten, um bessere Bilder zu machen, wurden sie verständlicherweise aber schnell als störend empfunden.

Herausgekommen ist jedenfalls eine umfangreiche Zusammenstellung dieser sehr frühen Ausdrucksform des Punk, die die Forscher digitalisiert und kategorisiert haben. Der Großteil der Zeichnungen stammt von Johnny Rotten, dem Sänger und Kopf der Sex Pistols. Zu sehen sind Porträts seiner Bandkollegen, darunter Sid Vicious, des Managers Malcolm McLaren und nicht zuletzt von sich selbst. Es finden sich aber auch Parolen mit allerlei anstößigen Inhalten und ein Hakenkreuz - unter britischen Punks viel mehr ein Zeichen gegen die eigene Heimat als eine konkrete historische Referenz - an den Wänden.

Laut den beiden Archäologen hat Johnny Rotten zwei Arten von Graffiti gemalen: zum einen humor- und liebevolle, darunter fallen das Selbstporträt und Bilder ihm sympathischer Kollegen; zum anderen bissigere und satirische, mit denen er ihm weniger sympathische Menschen bedacht hat - etwa Manager McLaren mit einem fetten Bündel Geldscheinen in seiner linken Hand.

Graffiti statt Kulturerbe-Siegel

Sendungshinweis:

Streifzug durch die DIY Label Welt des Punk: 16.11, 22 Uhr in der FM4 Basement Show.

Dass auch relative junge Wandmalereien ein Studienobjekt für Archäologen sein können, das bejahen die beiden Forscher in jedem Fall. Ob die Denmark Street, 6 aber auch ein Fall für das britische Kulturerbe ist, das in London mit blauen Plaketten markiert wird, stellen sie selbst in Frage. "Soll das Gebäude erhalten werden oder wäre das Betrug am ikonoklastischen Geist des Punk?"

Nach Abwägung einiger Argumente und der Einführung des Begriffs "Anti-Kulturerbe", das sie im Geist des Punks sehen, lehnen sie eine offiziell ausgewiesene Erinnerung an das Gebäude ab. Der Punk brauche diese Art Gedenken nicht. In einem erst vor kürzerem aufgetragenen Graffito im Hof des Gebäudes ("Mutter des Punk") sehen Schofield und Graves-Brown eine viel passendere Art der Würdigung. "Dieser Selbstmach-Ansatz ist vermutlich alles, was die Stätte in Sachen Erinnerung braucht."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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