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Skelett von Homo neanderthalensis (rechts) und Homo sapiens (links)

Der Engel in uns

Mord, Totschlag und Gewalt - nach Ansicht des US-Forschers Steven Pinker hat der Mensch seine Dämonen weitgehend gezähmt. Nie sei unsere Existenz friedlicher gewesen als heute. Befunde aus der Anthropologie widersprechen der These zumindest nicht.

Gewalt 22.11.2011

Steven Pinker ist einer jener Autoren, denen man per Ferndiagnose fortgeschrittene Schlaflosigkeit attestieren möchte. Ansonsten scheint es schwer erklärbar, wie der Psychologe neben seinem Job an der Harvard-University so viele dicke Bücher schreiben kann. Sein letztes Werk hat in der deutschen Übersetzung mehr als 1.200 Seiten, in der Originalfassung sind es deren immerhin 800 - dem Umfang des Textes entsprechend ist auch das Thema ein voluminöses: Pinker argumentiert in "The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined", dass die Gegenwart eine ausgesprochen ungefährliche Zeit sei. Die Menschheit sei nun so friedfertig wie niemals zuvor.

Das ist eine starke Ansage, wenn man an das 20. Jahrhundert mit seinen zwei Weltkriegen, dem Holocaust und Variationen totalitärer Gewalt denkt. Doch Pinker be- bzw. unterlegt seine These mit Statistiken: Das 20. Jahrhundert mag Exzesse hervorgebracht haben, schreibt er, doch Eruptionen des Bösen habe es immer gegeben, global betrachtet hebe es sich nicht wesentlich vom historischen Hintergrund ab. Natürlich sind Statistiken immer nur so gut wie ihre Datenbasis - über deren Güte in Pinkers Fall Historiker urteilen werden müssen.

Gefährliche Steinzeit

Der US-Psychologe zeichnet jedenfalls ein optimistisches Bild. Ihm zufolge hat sich die Wahrscheinlichkeit eines gewaltsamen Todes zu sterben im Lauf der Geschichte sukzessive verkleinert. Vergleiche man das Europa der Gegenwart mit jenem vor 500 Jahren, dann sei das Risiko umgebracht zu werden um 90 bis 98 Prozent geschrumpft.

Ähnliche Trends im Vergleich Tribus vs. Staat: In der Aztekenkultur, die unter allen staatlich organisierten Gesellschaften als besonders gewalttätig gilt, starben fünf Prozent der Bevölkerung eines gewaltsamen Todes. In den Jäger-und-Sammler-Kulturen der Steinzeit waren es Pinker zufolge drei Mal so viele.

So einen Gewaltfall aus prähistorischer Zeit haben nun Anthropologen im Fachblatt "PNAS" vorgestellt. Die Studie handelt vom Maba-Menschen, einem rund 130.000 Jahre alten Fossil aus der chinesischen Provinz Guangdong. 1958 schaufelten Bauern Sedimente aus einer Karsthöhle in der Nähe des Dorfes Maba, um damit ihre Felder zu düngen. Darin entdeckten sie einen unvollständigen Schädel, der zur Gattung Homo gehört - ob es sich dabei um Homo sapiens, neandertalensis oder eine andere Art handelt, ist bis heute nicht ganz klar.

Mordversuch am Maba-Menschen

Ö1 Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch die Sendung "Wissen aktuell", Dienstag, 22.11.2011, 13:55 Uhr

Bei der Erstbeschreibung des Knochens notierten die Forscher eine "Narbe" im Knochengewebe, hielten sich damit aber nicht weiter auf. In jüngeren Untersuchungen aus dem Jahr 1995 stellten Anthropologen fest, dass der Schädel eine "unerklärliche Einbuchtung" besitze, und ließen das Thema ebenfalls auf sich beruhen.

Eric Trinkaus von der Washington University hat den Schädel nun genauer untersucht und nach Ursachen für die seltsame Delle im Knochen gesucht. Nach fünf Seiten Deklination anatomischer Details und medizinischer Hypothesen (von Krebs über Tuberkulose bis zu Syphilis) kommt der US-Anthropologe zu dem Schluss: Die Delle im Schädel muss von einem schweren, stumpfen Gegenstand verursacht worden sein.

Etwas expliziter formuliert: Irgendjemand hat vor 130.000 Jahren dem Maba-Menschen den Schädel eingeschlagen. Dieser dürfte jedoch an der schweren Verletzung nicht gestorben sein, sonst trüge der Knochen keine Zeichen der Verheilung.

Homo sapiens vs. Neandertaler

Dieser prähistorische Gewaltakt reiht sich Trinkaus zufolge in eine Ahnengalerie der Aggression. Er zählt in seiner Studie weitere Fälle von Morden bzw. Mordversuchen auf: Einer davon ereignete sich vor rund 36.000 Jahren und betraf einen jungen Neandertaler, dessen Überreste 1976 in der Nähe des französischen Dorfes St. Césaire entdeckt worden war. 2002 untersuchten Forscher den Schädel genauer und stellten Verletzungen fest, offenbar durch einen "spitzen Gegenstand" verursacht.

Einen Unfall konnten die Forscher mit computergestützten Analysen ausschließen. Diagnose: Mordversuch mit einer Waffe, das Opfer überlebte den Angriff. Weniger Glück hatte ein Neandertaler, der vor 50.000 Jahren angegriffen wurde. Das Skelett namens "Shanidar 3" (benannt nach dem Fundort im nördlichen Irak) weist tödliche Verletzungen im Bereich der neunten linken Rippe auf, die von einem Geschoß stammen.

Der Studienleiter Steven Churchill von der Duke University ordnete das Geschoß dem Homo sapiens zu. Schluss daraus: Zwischen modernem Menschen und Neandertaler kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, Umfang unbekannt.

Robert Czepel, science.ORF.at

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