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Blick auf die Bestuhlung in einem leeren Theatersaal

Mehr als Frankenstein und Dr. Seltsam

In ihrem Theaterstück "Oxygen" gehen Carl Djerassi und Roald Hoffmann der Frage nach, was eine wissenschaftliche Entdeckung ist und wie wichtig es ist, der Erste zu sein. Anlass für einen Roundtable über Naturwissenschaft, ihre künstlerische Verarbeitung und gemeinsame Schnittstellen.

Science-in-Fiction 25.11.2011

Davon gibt es nur sehr wenig, meint Carl Djerassi im Vorabgespräch mit science.ORF.at.

science.ORF.at: Carl Djerassi und Roald Hoffmann, zwei Chemiker schreiben ein Theaterstück. Wie sind Sie zur Kunst und zum Theater gekommen?

Portrait Carl Djerassi

Djerassi

Carl Djerassi ist Chemiker und emeritierter Professor an der Stanford University. Bekannt ist er als Erfinder der ersten Antibabypille. Seit den 1980er Jahren ist er zudem als Schriftsteller und Bühnenautor tätig.

Carl Djerassi: Hoffmann würde Ihnen sicher nicht die selbe Antwort geben. Er ist zehn Jahre jünger als ich und arbeitet noch immer als Chemiker, während ich das nicht mehr tue. Ich habe mich schon in den Neunzigerjahren entschlossen, in die Literatur zu gehen. Wenige schreiben Theaterstücke zu zweit, aber bei uns ist es gut gegangen.

In meinem Fall schreibe ich, da ich mit einem generellen Publikum über die Naturwissenschaften kommunizieren möchte. Der übliche Weg ist es, Vorträge zu halten und Artikel zu schreiben, doch dann sind die einzigen Leute, die das lesen, ein Fachpublikum. Die meisten Menschen, die einen Chemiker treffen, sagen "Ich verstehe von Chemie nichts" und hören dir gar nicht mehr zu.

Ich bin schon immer gerne ins Theater gegangen und eines Tages habe ich mir gedacht: 'Warum gibt es eigentlich nichts über die Naturwissenschaft außer vielleicht Frankenstein und Doktor Seltsam?' Ich möchte in erster Linie über das Benehmen und die Kultur von Naturwissenschaftlern sprechen. Also habe ich mir gedacht, es als Schmuggler zu tun, indem ich Romane schreibe. Ich nenne das 'Science-in-fiction'. Das hat nichts mit Science Fiction zu tun. Ich schreibe über tatsächlich stattgefundene Wissenschaft.

Sie sprachen von der Kultur von Naturwissenschaftlern. Wie inszeniert sich die Naturwissenschaft Ihrer Meinung nach heutzutage?

Ich konzentriere mich darauf zu zeigen, dass sich gewisse Dinge überhaupt nicht geändert haben, um zu beweisen, dass sie Teil einer Stammeskultur sind. Dazu gehört zum Beispiel ein gewisser Arbeitsstil. Wenn wir uns kreative Tätigkeiten wie Musik, bildnerische Kunst oder Literatur ansehen, so sind die Naturwissenschaften am kooperativsten. Naturwissenschaften sind vertikal. Wir sind total abhängig von Leuten die vor uns gekommen sind oder um uns herum arbeiten. Das muss in der Kunst nicht der Fall sein. Schriftsteller, Komponisten oder Maler arbeiten meist allein. Naturwissenschaft geschieht in einem Team mit Kollegen.

Gleichzeitig besteht in der Naturwissenschaft die brutalste Konkurrenz. Und die Konkurrenz sind die Kollegen. Da ist dieser unglaubliche Druck der Erste zu sein, den es in der Kunst nicht gibt. Es spielt ja keine Rolle wer der Erste war, der über Hamlet geschrieben hat. Wenn Newton, Darwin oder Mendel nicht gelebt hätten, bedeutet das nicht, dass wir nichts über Genetik und Evolution wissen würden. Das Problem wäre auch von jemand anderem gelöst worden und wir wüssten die Namen.
Zweiter oder Dritter zu sein bedeutet nichts in der Naturwissenschaft. Das ist sowohl giftig, als auch sehr produktiv. Man hat Ambition und gleichzeitig kann der Ehrgeiz natürlich Gift sein. Wissenschaft gilt heute als sehr konkurrenzfähig. In dem Stück "Oxygen" und auch in meinem Stück ‚Kalkül‘ über Newton und Leibnitz wollte ich zeigen, dass das vor 200 Jahren schon genauso der Fall war.

Wo sehen Sie Schnittstellen zwischen Kunst und Wissenschaft? Können sie sich gegenseitig beeinflussen?

Da muss man fragen, was meinen Sie mit Kunst? Wenn Sie über Malerei sprechen oder Musik, so kann Kunst meiner Meinung nach sehr wenig für die Naturwissenschaften tun. Leute, die sagen, es gebe Ähnlichkeiten, romantisieren das nur sehr. Es gibt viele Künstler, die malen DNA-Helices. Das kann oft sehr schöne Kunst sein, aber intellektuell hat das keinen Einfluss auf Wissenschaft. Wissenschaftler brauchen allerdings Kunst als soziale Menschen.

Was Wissenschaft für die Kunst machen kann, ist eine andere Sache. Es hat beispielsweise viele Dichter gegeben, die im 19. Jahrhundert zu wissenschaftlichen Vorträgen gegangen sind, um ihre Metaphernquellen zu erneuern. Das hatte also metaphorische Gründe.

Helmut Lethen, der Direktor des Wiener Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK) hat in einem Interview gemeint, Künstler seien auch Forscher. Als ein Beispiel nennt er Arnold Schönberg, der als Künstler wichtiges für die Musiktheorie und –Wissenschaft geleistet hat.

Das ist ein gutes Argument. Ich habe über Schönberg geschrieben. Ja, das ist auch Wissenschaft, es hat vielleicht ein wenig Bedeutung für Mathematik oder Chaostheorie, aber nichts für Chemie oder Physik.
Dennoch würde ich sagen, er war der vielleicht größte musikalische Wissenschaftler des vorigen Jahrhunderts. Aber er ist die Ausnahme, der die Regel bestätigt. Man könnte das auch von Bach sagen, aber das ist nicht worüber ich spreche.

Kann man bei dem großen Konkurrenzdruck, den sie angesprochen haben, heute noch kreativ in der Forschung sein?

Natürlich. Diese Konkurrenz hat schon im 18. Jahrhundert begonnen. Es ist eine Motivation, die die Arbeit ja auch beschleunigt. Man könnte es einen Nährstoff nennen. Zur gleichen Zeit hat das natürlich nicht immer die besten Auswirkungen im menschlichen Bereich. Diese Balance zwischen Nährstoff und Gift ist das Problem. Ich weiß nicht, ob man durch die Konkurrenzfähigkeit kreativer wird, aber man arbeitet intensiver. Das braucht es auch in der Wissenschaft. Leute glauben immer, man sitzt herum und hat dann einen Heureka-Effekt. Das ist Unsinn.

In meinen Stücken stelle ich mir auch die Frage ob es möglich ist, dass eine Person völlig unethisch handelt und gleichzeitig ein großer Wissenschaftler sein kann - und die Antwort ist ja. Newton ist das beste Beispiel. Er war als Wissenschaftler manipulativ und rücksichtslos. Seine Laborbücher hat er anagrammatisch verschlüsselt, sodass niemand sie zufällig lesen konnte. Das ist ja absurd. Gleichzeitig war er einer der größten Wissenschaftler der Geschichte. Und ein großer Wissenschaftler zu sein, heißt per definitionem kreativ zu sein.

Der Drang Erster zu sein, führt ja auch zu einer Art Personenkult in der Naturwissenschaft. Den gibt es in der Kunst auch. Führt die Beschäftigung mit beiden Gebieten auch zu einer Reflexion über sich selbst?

Oh ja. Schreiben ist für mich eine Art Selbstanalyse. Ich habe jetzt die Möglichkeit, mir die Naturwissenschaften aus einer Distanz anzusehen. Ich bin praktisch Psychoanalytiker und Analysand in einem, nämlich Analytiker als Autor und Analysand als Chemiker. Allerlei Kollegen haben mich kritisiert, dass ich schmutzige Labormäntel in der Öffentlichkeit wasche. Ich tue das, weil es unsere Labormäntel sind. Wer einen weißen Mantel anzieht, wird bei der Arbeit auch mal schmutzig. Es kommt nur darauf an, ob das ein ehrlicher Schmutz ist oder Dreck.

Ich reflektiere jetzt über mein eigenes Benehmen als Naturwissenschaftler, was die meisten nicht tun. Ich gehöre zum selben Stamm. Ich war 50 Jahre lang Chemiker. Gewisse Verhaltensweisen kann man da nicht zurücklassen. Zum Beispiel wie ich mich ausdrücke, wie ich Dinge analysiere oder mit jemandem debattiere. Das ist bei mir durch eine naturwissenschaftliche Herangehensweise geprägt. Doch ich würde sagen, dass ich mir jetzt besser gefalle als früher.

Interview: Tobias J. Körtner

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