Standort: science.ORF.at / Meldung: "Realität, made by Photoshop"

Schauspielerin Kim Cattrall vor und nach Photoshop

Realität, made by Photoshop

Sie sind schlank und gleichmäßig proportioniert, ihre Gesichter kennen keine Falten und keine Augenringe: Die Models in diversen Zeitschriften scheinen fast übernatürlich - und sie sind es auch, denn ihr Erscheinen hat mehr mit Technik als mit Natur zu tun. US-Forscher wollen nun die digitalen Manipulationen sichtbar machen.

Technologie 29.11.2011

Die Computerwissenschaftler Eric Kee und Hany Farid stellen in ihrer Studie einen Analyseraster vor, mit dem Fotos auf den Grad ihrer Verfremdung überprüft werden können.

Die Studie:

"A perceptual metric for photo retouching" ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen (DOI:10.1073/pnas.1110747108).

Kampagne gegen irreführende Retuschen

Jo Swinson, eine liberale Abgeordnete im britischen Parlament, konnte im Juli 2011 schon den zweiten Erfolg in ihrer Auseinandersetzung mit Kosmetikkonzernen verzeichnen: Zwei Plakate von L'Oreal, eines mit der Schauspielerin Julia Roberts, eines mit dem Supermodel Christy Turlington, durften in Großbritannien nicht mehr affichiert werden. Die Begründung der Advertising Standards Agency: Die Fotos der beiden Frauen seien so stark digital bearbeitet worden, dass bei den Betrachterinnen der Werbung unrealistische Erwartungen geweckt würden. Schon 2009 hatte Procter&Gamble auf Swinsons Betreiben eine Werbestrecke zurückziehen müssen, weil das Foto der dargestellten Frau zu stark verändert worden war.

Model Filippa Hamilton auf einem Werbesujet und "real" am Laufsteg.

Associated Press

Model Filippa Hamilton stark "verdünnt" auf einem Werbesujet und real am Laufsteg.

Die Begründung Jo Swinsons für ihr Engagement deckt sich mit der Motivation von Eric Kee und Hany Farid für ihre Studie: Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass insbesondere Mädchen und Frauen, aber auch immer mehr Burschen und Männer durch unrealistische Darstellungen mit ihrem Körper unzufrieden werden, manche auch Essstörungen entwickeln. Wenn transparent würde, dass auch Models und Schauspieler/innen nur Menschen mit gewöhnlichen Gesichtern und Körpern sind, würden die "perfekten" Bilder ihre vermeintliche Vorbildwirkung verlieren.

Glätten, straffen, verlängern

Die Porträtaufnahme eines Mannes: einmal original, einmal stark bearbeitet.

deviant art

Auch Männer entkommen Photoshop nicht: Lippen begradigt, Unebenheiten entfernt, Augen und Teint aufgehellt - alles digital.

Digitale Bildbearbeitungsprogramme wie Photoshop haben den Job eines Bildredakteurs grundlegend geändert: Während früher die Bildauswahl und maximal noch das Finden des richtigen Ausschnitts die meiste Arbeit gemacht haben, beginnt heute mit einem Fotoshooting erst die Mühe: Da müssen Gesichter geglättet, von Falten, Muttermalen und Altersflecken bereinigt, gestrafft und abgesoftet werden. Da werden die Proportionen harmonischer, die Taille schmäler und die Beine länger. Das letztlich veröffentlichte Bild hat oft kaum mehr etwas mit dem abgelichteten Menschen zu tun - das wissen allerdings die Rezipienten von Zeitschrift bzw. Werbung nicht. Allerdings werden diese Verfremdungen heute schon relativ genau dokumentiert, was wiederum den beiden Forschern zugute kam:

Sie sammelten 468 unbearbeitete und retuschierte Fotos von diversen Websites und entwickelten ein Programm, das anhand von acht Kategorien das Original und das Kunstbild verglich. Wichtig war für Forscher, ob nicht nur an der Farbgebung des Bildes "geschraubt" wurde, sondern auch andere, das Erscheinungsbild eines Menschen stark beeinflussende Änderungen gemacht wurden - beispielsweise ob die Proportionen harmonisiert und Falten geglättet wurden bzw. die Körperhaltung verändert wurde.

Die Bilder wurden in tausende Einzelpunkte aufgelöst, wodurch bis ins Detail Veränderungen gefunden und ausgewertet werden konnten. Um den Abgleich mit der Realität zu schaffen, suchten die Computerwissenschaftler auch das Feedback von Menschen. Über ein Crowd Sourcing Tool fanden sie 390 Testpersonen, die jeweils insgesamt 70 Fotos betrachteten. Sie sollten die Fotos anhand von fünf Kriterien einteilen: von kaum verändert bis stark modifiziert.

Eigene Meinung bilden

Testpersonen und Rechner waren sich durchwegs einig, wie der Vergleich der Analysen von Mensch und Maschinen zeigte: Bei 81,4 Prozent der Bilder kamen Computer und Menschen zur gleichen Einschätzung, beim Rest zeigte sich geringfügige Abweichungen. Am deutlichsten fiel die Übereinstimmung bei den Veränderungen im Gesicht aus - sie waren für beide "Seiten" am einfachsten zu bestimmen, schreiben Eric Kee und Hany Farid in ihrer Studie.

Besonders misslungene Fotobearbeitungen veröffentlicht regelmäßig die Website "PSDisasters.com".

Die Wunschvorstellung der Forscher wäre, wenn neben jedem retuschierten Bild ein Index zu sehen wäre mit den Angaben, an welchen Schräubchen am meisten gedreht wurde. Das könnte Herausgeber und Werber dazu motivieren, die Finger von extremen Veränderungen zu lassen. Gleichzeitig würde es auch den Betrachterinnen und Betrachtern der Aufnahmen ermöglichen, sich ihre eigene Meinung zu bilden - und vielleicht weniger unrealistische Maßstäbe an ihren eigenen Körper anzulegen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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