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Sultan Mehmed V. Reşad V. und Kaiser Franz-Joseph gemeinsam auf einer Postkarte als Motiv

Als die Türken Freunde waren

Das Verhältnis von Türkei und Österreich ist historisch belastet. Im Gedächtnis sind hierzulande in erster Linie die zwei Belagerungen von 1529 und 1683 verankert. Es gab aber eine kurze Phase, in der Türken plötzlich zu "Freunden" wurden: im Ersten Weltkrieg, als sich das Osmanische Reich mit Österreich-Ungarn verbündete.

Geschichte 05.12.2011

Die k.u.k.-Propaganda hatte alle Hände voll zu tun, um diese neue Freundschaft zu vermitteln, erzählt die amerikanische Historikerin Maureen Healy in einem Interview. Der Erfolg war durchaus bescheiden, wie das negative Türkeibild kurz nach dem Krieg - und im Prinzip bis heute - zeigt.

science.ORF.at: Wie sind Sie auf dieses Kapitel der österreichischen Geschichte gestoßen?

Porträtfoto der Historikerin Maureen Healy

privat

Maureen Healy ist Associate Professor of History am Lewis & Clark College in Portland und derzeit Fulbright/Senior_Fellow am IFK Wien.

Vortrag zum Thema:

Am 5.12. hält Maureen Healy einen Vortrag mit dem Titel "'Die damaligen Türken waren ein wildes und barbarisches Volk': Die Konstruktion einer österreichisch-türkischen Freundschaft während und nach dem Ersten Weltkrieg".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Maureen Healy: Durch eine Beobachtung an dem US-College, an dem ich u.a. "Einführung in die europäische Geschichte" unterrichte. In dem Lehrbuch, das ich verwende, wird Österreich nur dreimal erwähnt: das Attentat auf Franz Ferdinand in Sarajevo, der "Anschluss" an NS-Deutschland und die Türkenbelagerung von 1683. Als Historikerin habe ich mich gefragt, warum das so wichtig ist.

Die Türken haben in Österreich spätestens seit den Belagerungen ein schlechtes Image: Sie haben sich auf die kurze historische Phase konzentriert, in der das anders war …

1883 beim 200-Jahr-Gedenkfeier der Belagerung wurde Kara Mustafa in österreichischen Pamphleten noch ganz stark als blutrünstiger Tyrann beschrieben, es dominierten die bekannten Stereotype. Danach hat sich das Türkenbild aber Stück für Stück verändert. Bis 1914 sind immer mehr Österreicher in die Türkei gereist, weil die Schiffs- und Bahnverbindungen besser geworden sind. "Der Türke" galt zunehmend nicht in erster Linie als gefährlich und gewalttätig, sondern als rückständig und eigentlich bedauernswert. Als jemand, der im Fortschreiten der Zivilisation zurückgeblieben ist. Ein neues Stereotyp entstand, wonach die Türken keinen Begriff von Zeit haben: Sie würden nichts auf die Reihe kriegen, weil sie dauernd auf ihren Kissen sitzen, verloren im Rauch ihrer Pfeifen. Sie seien nicht nur nicht-modern, sondern stünden quasi außerhalb der Zeit, man müsse ihnen regelrecht helfen.

Dann aber braucht das Habsburgerreich selbst Hilfe und bekommt sie ausgerechnet von der Türkei …

Plakat einer Ausstellung zu Türkeibildern 1915 im Wiener Künstlerhaus

Library of Congress

Plakat zur Ausstellung im Wiener Künstlerhaus vom Dezember 1916

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 5.12., 13:55 Uhr.

Genau. Als der Krieg ausbricht und die militärische Allianz offiziell besiegelt wird, startet die aggressive Propaganda der Presse und des k.u.k.-Kriegsministeriums, und zwar sowohl gegen die Feinde als auch für die Freunde. Die Feinde werden mit Sprüchen bedacht wie "Serbien muss sterbien", "Jeder Schuss ein Russ" oder "Jeder Stoß ein Franzos'". Die Türken werden hingegen als "unsere Freunde" propagiert. Plötzlich ist in vielen Dokumenten von Freundschaft zu ihnen die Rede. Es war der Versuch, eine Beziehung zu begründen, die über eine Militärallianz hinausgeht: Die Türken als Menschen, die man tatsächlich persönlich kennenlernen könnte. Das verweist auf eine weiteres häufig verwendetes Wort dieser Zeit: den Kenner. Die Österreicher, die in die Türkei fuhren, bezeichneten sich danach gerne als "Kenner der Türken". Man musste dazu kein Gelehrter oder Archäologe sein, sogar Vergnügungsreisende hielten sich nach ihrer Rückkehr für solche Experten.

Haben Sie Beispiele für die neuen Freundschaftsbekundungen?

Es wurden Millionen von Postkarten mit den drei Staatsoberhäuptern gedruckt, die von den Soldaten dann für die Heimatpost verwendet wurden. Auch die Künstler wurden eingespannt: Der Wiener Maler Viktor Wilhelm Krausz etwa wurde vom Kriegsministerium in die Türkei geschickt wird, er sollte die Regierungsspitzen, aber auch anatolische Arbeiter und Soldaten malen. Im Dezember 1916 waren im Wiener Künstlerhaus dann in der Ausstellung "Bildnisse und Skizzen aus der Türkei im Weltkrieg" die Ergebnisse zu sehen. Sie war ein Erfolg, ging dann als Wanderausstellung auch nach Berlin.

Kaiser Wilhelm II, Sultan Mehmed V. Reşad und Kaiser Franz-Josef von Österreich auf einer gemeinsamen Postkarte

Paul Hageman (NL) / Jerry Kosanovich (USA) 1999-2010

Kaiser Wilhelm II, Sultan Mehmed V. Reşad und Kaiser Franz-Joseph I. auf einer gemeinsamen Postkarte

Ein Grundkonflikt sind die unterschiedlichen Religionen: Wie ist es den k.u.k.-Propagandisten gelungen, den Spagat zwischen neuer Freundschaft und alter Religionskonkurrenz zu schlagen?

Einige Kriegsschreiber haben es mit dem Argument versucht: Wenn man den Islam kennenlernt, kann man auch mehr über seine eigenen Wurzeln erfahren. Deshalb wurden Broschüren mit den grundlegenden Lehrsätzen des Islams gedruckt. Darin wurde erklärt, dass Moslems fünfmal am Tag beten etc. Ich denke, das waren auch Versuche, den Vorwürfen der christlichen Feinde im Weltkrieg zu begegnen, wonach sich Österreich und Deutschland mit den Türken gegen den Westen verschworen hätten. Auf Satirebildern war zu sehen, wie die drei Länder gemeinsam in einem Bett liegen. Die Broschüren sind darauf eine Antwort, richteten sich aber natürlich auch an die eigene Bevölkerung.

Welchen Eindruck hinterließ die offiziell propagierte Freundschaft tatsächlich?

Als der türkische Sultan Mehmed V. im November 1914 den Dschihad gegen Großbritannien, Frankreich und Russland ausrief, wurde das in den österreichischen Zeitungen stark positiv kommentiert. Nach der Annexion Bosniens 1908 waren die Beziehungen ja nicht sehr gut gewesen, aber man hatte mit den Russen einen gemeinsam Feind und gemeinsame Interessen. Es ist schwer zu sagen, ob die neu verkündete Freundschaft von vielen Menschen geteilt wurde, ich glaube aber eher nicht. Die Diplomaten schrieben während des Weltkriegs weiter stereotyp über die "hoffnungslosen Türken", die "nicht aufstehen in der Früh" etc. Wenn sogar die offiziellen Staatsvertreter so denken, kann man annehmen, dass sich die neue Idee der Freundschaft in der Bevölkerung nicht wirklich durchgesetzt hat.

Wie verändert sich das Bild der Türkei nach Kriegsende?

In der österreichischen Berichterstattung taucht wieder ein neues Wort auf: die Empfindsamkeit. Türken werden nun als fanatische Nationalisten dargestellt, die auch sehr empfindlich sein können. Man müsse sie immer mit Vorsicht behandeln, denn wenn man an ihrer Oberfläche kratzt, stößt man darunter auf eine kaum verhüllte Brutalität. Das ist nicht nur sehr paternalistisch, sondern auch seltsam aus dem Mund von Mitteleuropäern der 1930er Jahre, wo der rabiateste Nationalismus grassierte. Das führte auch zur Wiedereinführung einer alten Volkstradition: 1931 wurde in Wien-Hernals nach 90 Jahren Unterbrechung wieder der sogenannte "Eselsritt" ausgetragen. Dabei wurde ein "orientalischer Heerführer" - man nannte ihn nicht direkt Kara Mustafa, offenbar um die Türken nicht direkt zu beleidigen - auf einen Esel gesetzt und aus der Stadt gejagt, die Leute johlten und warfen ihm Dinge hinterher.

Wie sehen Sie die Situation heute?

Ich habe die Änderungen des Türkenbildes noch nicht genau bis in die Gegenwart verfolgt, das haben andere Forscher gemacht. Aber es ist offensichtlich, dass es das Belagerungsmotiv weiterhin gibt, wenn man an die ausländerfeindliche Rede von der "dritten Türkenbelagerung" denkt. Wichtig scheint mir, dass es eine Idee gibt, wonach Österreich eine Art Bollwerk für Europa darstellt. Das ist eine sehr österreichische Geschichte, eine Positionierung in der europäischen Geschichte, die mit der Türkei zu tun hat, aber mehr noch mit dem Selbstbild, das Österreich von sich gezeichnet hat. Und dieses "Österreich rettet Europa vor dem Islam" findet auch Niederschlag in offiziellen Darstellungen wie in dem von mir verwendeten Lehrbuch.

Ist Geschichte eine Ansammlung von Geschichten?

Ich sehe die Geschichte der Türkenbelagerung auch als Geschichte im Sinne von Erzählung. Eine Erzählung, die schon so oft erzählt worden ist, von so vielen Menschen, die so viele verschiedene Eigeninteressen damit verfolg haben, dass sie mir - die ich in erster Linie empirisch arbeite, mit harten Fakten und Quellen - auch als Fiktion erscheint. Die Frage ist: Wie dehnbar ist ein Geschichte, wenn man sie so unterschiedlich schreiben kann? Die Geschichte der Freundschaft und Waffenbrüder aus dem Ersten Weltkrieg ist auch eine Fiktion, auf dem Schlachtfeld gab es diese Realität nicht. Wenn gemeinsam Blut vergossen wurde, dann von Türken und Deutschen, die in Galizien den Oberbefehl hatten. Beide Geschichten sind auch Fiktion. Die Belagerungsgeschichte ist aber die "bessere", weil sie reichhaltigeres Rohmaterial für die verschiedenen Geschichten liefert.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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