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Besetzung der Uni Wien

Studenten sind wenig autoritätshörig

Österreichs Studenten und Studentinnen neigen wesentlich weniger zu autoritären Einstellungen als der Rest der Bevölkerung. Besonders Geistes- und Sozialwissenschaftler sind aufgeschlossen gegenüber fremden Kulturen und lehnen verschärftes "Law and Order" ab. Techniker, Juristen und Naturwissenschaftler sind hingegen weit konservativer.

Gesellschaft 06.12.2011

Das zeigt eine repräsentative Umfrage unter Studierenden aller wichtigen Universitäten in Wien, Graz, Innsbruck, Salzburg und Linz, die heute vom Historiker Oliver Rathkolb im Parlament in Wien präsentiert wurde. "Wir haben eine Umkehr der Entwicklungen in der Zwischenkriegszeit, in der die Universitäten auch ein Hort der Antidemokratie gewesen sind. Die Universitäten haben ihre Geschichte gelernt", sagt der wissenschaftliche Leiter der Studie.

Gegen "Law and Order"

Die Studie:

An der online erfolgten "Umfrage zu Autoritarismus und nationalem Selbstverständnis von österreichischen Studierenden" beteiligten sich rund 14.500 Studierende von Universitäten in Wien, Linz, Graz, Salzburg und Innsbruck. Durchgeführt wurde sie im März und April 2011 vom Verein zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Zeitgeschichte.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 6.12., 13:55 Uhr.

Die neue Studie baut auf einer bereits 2010 vorgestellten Arbeit auf, bei der die Einstellung der Gesamtbevölkerung zu autoritären Meinungen untersucht wurde. Die Ergebnisse damals: Die Sympathie für "Law and Order" ist in Österreich deutlich ausgeprägt. Knapp 60 Prozent wollten etwa, dass Verbrechen härter bestraft werden, etwas mehr als die Hälfte stimmte der Aussage "Um Recht und Ordnung zu bewahren, sollte man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen" zu.

Unter Studierenden bejahen dies nur elf Prozent, 68 Prozent lehnen die Aussage ab, wie aus der aktuellen Studie hervorgeht. Rund 95 Prozent sprechen sich auch gegen ein generelles Streik- oder Demonstrationsverbot als Maßnahmen der Regierung aus. Die Onlinedurchsuchung von privaten PCs wird von 80 Prozent der Studenten abgelehnt und die Überwachung von Telefongesprächen von 75 Prozent.

Auch in anderen Bereichen zeigten sich liberale Ansichten. So gestehen 72 Prozent der Befragten Muslimen das Recht zu, Moscheen zu bauen, 63 Prozent meinen, dass "Zuwanderer Österreich offener für neue Ideen und andere Kulturen" machen.

Kein Schlussstrich unter Vergangenheitsbewältigung

Wie schon in der Vorläuferstudie wurden auch Einstellungen in Sachen Verarbeitung der jüngsten Geschichte abgefragt. Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen anti-autoritärer Einstellung und der Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

Nur zehn Prozent der Studierenden stimmten der Aussage zu, wonach "Österreich das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen ist"; nur 15 Prozent wollen die "Diskussion über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust" beenden. Zum Vergleich: An die Opferthese glaubten 2010 in der Gesamtbevölkerung über 36 Prozent.

"Studierende weisen weniger autoritäre Einstellungen auf, sie haben ein wesentlich höheres demokratiepolitisches Potenzial", fasst Oliver Rathkolb die Ergebnisse der Studie zusammen. "Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Sparkurse sollte man nachdenken, nicht nur in Mainstream-Arbeitsplätze zu investieren, sondern überlegen, welche Gesellschaft in der Lage ist, in Krisensituationen autoritären Entwicklungen entgegenzusteuern. Wer in Bildung investiert, bekommt ein wesentlich höheres demokratiepolitisches Potenzial", meinte er gegenüber Ö1.

Juristen und Ökonomen autoritätshöriger

Der Historiker sieht aber auch eine "bittere Pille": Studierende der Natur-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften neigen nämlich deutlich mehr zu autoritären Einstellungen als ihre geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Kollegen. Während z.B. nur sieben Prozent der Sozialwissenschaftler etwas gegen den Moscheebau von Muslimen haben, sind es 20 Prozent der Ökonomen und Juristen. Während nur 33 Prozent der sozialwissenschaftlichen Studenten eine Mitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union ablehnen, sind es bei wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen 60 Prozent.

Dieser Unterschied zeigt sich auch bei den Ansichten zur Geschichtsaufarbeitung. Während nur sieben Prozent der Sozialwissenschaftler einen Schlussstrich unter eine Holocaust-Beschäftigung ziehen wollen, möchten dies 20 Prozent der Studierenden aus MINT-, Wirtschafts- und Rechtsfächern.

Zwei Erklärungen

Für seine eigene Zunft zeigt sich der Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien Heinz Mayer von den Ergebnissen wenig überrascht: "Das entspricht meinen Erfahrungen, die ich im täglichen Umgang mit den Studierenden sammeln konnte. Der Grund dafür scheint mir zu sein, dass Studierende der Rechtswissenschaften stärker an Ordnung interessiert sind als andere Studierende und dass Veränderungen der bestehenden Ordnung nur mit großer Zurückhaltung als positiv wahrgenommen werden."

Oliver Rathkolb wiederum sieht für die konservative Tendenz unter Juristen und Ökonomen auch eine fachimmanente Ursache: "Das hat mit der Ausrichtung dieser Studienrichtungen zu tun. Sie arbeiten beide mit perfekten theoretischen Modellen, die - wie man in der aktuellen Finanzkrise sieht - aber in der Praxis nicht funktionieren. Auch in der Jurisprudenz läuft die Praxis anders als die Theorie. Mehr selbstkritisches Bewusstsein gegenüber der eigenen Methode und den eigenen Modellen wäre angebracht und würde über diesen Umweg auch zu einem höheren Demokratiepotenzial führen".

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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