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ReKonstruktion eines 'homo rhodesiensis'

Riechen formte das Denken

Der moderne Mensch konnte besser riechen als der Neandertaler, besagt eine aktuelle Studie. Der österreichische Anthropologe Markus Bastir vermutet: Der gute Geruchssinn verbesserte auch unser Denken und Handeln.

Homo sapiens 13.12.2011

science.ORF.at: Sie haben in einer aktuellen Studie die Gehirne von Homo sapiens und Neandertaler anhand von Abdrücken der Schädelbasis verglichen. Worin unterscheiden sich die beiden Arten?

Markus Bastir: Homo sapiens hatte unseren Analysen zufolge einen relativ größeren Schläfenlappen als der Neandertaler. Und er hatte auch einen größeren Riechkolben - der Unterschied beträgt zehn bis zwölf Prozent.

Die Studie

"Evolution of the base of the brain in highly encephalized human species", Nature Communications (doi: 10.1038/ncomms1593).

An sich sind die Gehirne gleich groß.

Im Prinzip ja. Das war auch der Anreiz dieser Studie. Denn bisher hat man in der Anthropologie eher Größenanalysen von Gehirnen als Ganzes durchgeführt, wir haben uns nun auf die Größe und Form einzelner Areale konzentriert.

Wie funktioniert diese Methode?

Zunächst haben wir die fossilen Schädel in einen Computertomographen gesteckt, um das Schädelinnere sichtbar zu machen. Embryologisch betrachtet bildet sich die Schädelbasis unter ähnlichen Bedingungen wie das Gehirn selbst - und deswegen spiegeln sich viele Muster der Gehirnareale im Knochen. Daher konnten wir zum Beispiel die Lage von Hirnnerven und andere anatomische Details am Computer vergleichen.

Der Knochen trägt innen einen Abdruck des Gehirns?

Gewisse Details fehlen, aber im Groben ist es so, ja.

Markus Bastir mit fossilem Schädel

Markus Bastir

Zur Person

Markus Bastir hat an der Universität Wien Anthropologie studiert, forschte nach seiner Dissertation an der University
of York und ist seit 2006 am Museo Nacional de Ciencias Naturales, Madrid, als Wissenschaftler tätig.

Was kann man aus den anatomischen Unterschieden ableiten?

Aus bisherigen Studien weiß man, dass die Größe des Riechkolbens etwas mit der Leistungsfähigkeit des Riechapparates zu tun hat.

Homo sapiens konnte besser riechen als der Neandertaler?

Das ist zumindest eine naheliegende Interpretation. Es ist interessant, dass beim modernen Menschen auch der Schläfenlappen vergrößert ist. Dort befinden sich nicht nur Zentren für Sprache, Gedächtnis und Emotionen, sondern auch jene Bereiche, die Geruchsinformationen an andere Hirnareale weiterleiten.

Der verbesserte Geruchssinn hatte auch Einfluss auf das Denken und Handeln des modernen Menschen?

Im Deutschen gibt es etwa den Satz "Ich kann jemanden gut oder schlecht riechen". Was bedeuten soll: "Ich kann diese Person gut oder nicht leiden." Das Sozialverhalten ist in der Tat eng mit dem Geruchssinn verknüpft. Frühkindliche Bindungen zwischen Müttern und ihren Babys bilden sich etwa über den Geruchssinn.

Es gibt auch Arbeiten, die zeigen, dass der Geruch eine große Rolle bei Partnerwahl und Attraktivität spielt. Es könnte also sein, dass diese Dinge auch mit kognitiven Vorgängen wie etwa der Entscheidungsfindung in Zusammenhang stehen.

Der Geruch färbt das Denken ein, weil er quasi immer mit dabei ist?

Genau, und er moduliert das Verhalten des Menschen.

War der moderne Mensch dem Neandertaler in sozialer und kognitiver Hinsicht überlegen?

Ich würde nicht unbedingt sagen "überlegen". Es scheint, er war in seinem Verhalten stärker vom Geruchssinn geprägt als der Neandertaler, bei dem vielleicht andere Sinne eine stärkere Rolle gespielt haben.

Zumindest kann man sagen: Der Neandertaler starb vor 35.000 Jahren aus, während sich der moderne Mensch seitdem explosiv vermehrt hat. Warum?

Die Frage ist sicher nicht einfach zu beantworten. Es haben wohl viel Faktoren zusammengespielt: Klima, Umwelt, Demographie, genetische Vielfalt ...

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch Wissen Aktuell am 14.12. um 13:55.

Laut einer Studie vom Juli dieses Jahres wurde der Neandertaler numerisch vom modernen Menschen förmlich überrollt - er wurde "outnumbered", wie das im Englischen heißt. Ist der moderne Mensch ein "Homo exponentialis"?

Das könnte man so ausdrücken. Obwohl der Neandertaler auch eine sehr erfolgreiche Spezies war. Die ersten Funde aus dem mittleren Pleistozän sind rund eine halbe Million Jahre alt. Den Homo sapiens gibt es hingegen erst seit 160.000 bis 180.000 Jahren. Jede Art hat eben ihre Zeit.

Der britische Evolutionsbiologe Mark Pagel vermutet, der Neandertaler sei vom modernen Menschen verdrängt worden, weil er in Bezug auf das soziale Lernen nicht mithalten konnte. Das würde gut zu ihren Befunden passen.

Durchaus. Denn Geruch, Emotionen und Lernen sind eng miteinander verknüpft.

Gerüche sind zwar emotional stark besetzt, aber sie lassen sich nicht aktiv aus dem Gedächtnis reproduzieren, wie etwa Klänge oder Bilder. Warum?

Das hat damit zu tun, dass der Geruchssinn ein sehr alter Sinn ist. Gerüche werden über sehr wenige Zwischenstationen im Gehirn verarbeitet, wir nehmen sie gewissermaßen ungefiltert wahr, während die anderen Sinne viel stärker "nachbearbeitet" werden.

Interview: Robert Czepel

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